Wenn Schüler nicht zur Schule gehen
Mehr zu: Baden-Württemberg, Forschung, Hauptschule, Schulabbrecher, Schulstress, Schulverwaltung, Schulverweigerer, Schule(red/idw) Experten vermuten, dass bis zu zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen mehr als zweimal pro Monat dem Unterricht unentschuldigt fernbleiben. Oft liegen psychische Probleme wie Angst, Depression oder Aufmerksamkeitsstörungen zugrunde, die – unerkannt und unbehandelt – soziale und psychologische Auswirkungen bis in das Erwachsenenalter haben können.
Die von der Europäischen Union geförderte Studie "Working in Europe to Stop Truancy Amoung Youth (WE-STAY)" untersucht das gesellschaftliche Problem Schulfehlzeiten und ermittelt, welche Präventionsprogramme hilfreich sind.
Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Heidelberg startet dazu im Oktober 2011 an Schulen der Stadt Heidelberg und des Rhein-Neckar-Kreises ein Studienprogramm, das 1.600 Schüler, ihre Eltern und Lehrer einbezieht. Ab April werden die Schulen dazu angesprochen. Insgesamt nehmen 9.600 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren aus sechs europäischen Ländern teil. Heidelberg erhält für die Studie 270.000 Euro an Fördermitteln.
Warum und wie häufig fehlen Schüler?
"Bislang haben wir nur wenige Daten dazu, wie viele Schüler wie häufig und aus welchen Gründen in der Schule fehlen", erklärt Studienleiter Professor Dr. Romuald Brunner, Leitender Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. "Die Studie soll dazu beitragen, diese Informationslücke zu schließen." Dazu werden Schüler an Hauptschulen, Werkrealschulen, Realschulen und Gymnasien gebeten, an einer Fragebogenuntersuchung teilzunehmen. Neben den reinen Schulfehlzeiten geht es dabei auch um Themen wie Angst, Depressivität, Sozialverhalten, Selbstverletzung und Suizidgefährdung. Auch Eltern und Lehrer werden befragt.
Die Schüler werden – wenn sie und ihre Eltern damit einverstanden sind – nach dem Zufallsprinzip einem von vier Präventionsprogrammen zugeteilt. Die Programme laufen jeweils acht Wochen. Untersuchungen nach drei und nach zwölf Monaten sollen den Wissenschaftlern zeigen, welche Maßnahmen dazu beitragen, Schulfehlzeiten zu vermeiden. "Eine wirksame Prävention muss zwei Dinge kombinieren", sagt Studienarzt Dr. Christoph Lenzen. "Der Schüler erfährt Hilfe für seine meist emotionalen oder sozialen Probleme und möchte - dadurch gestärkt – wieder in die Schule gehen."
Präventionsprogramme in die Schulen bringen
In Deutschland gibt es bislang wenige Programme mit präventivem Ansatz. Meist wird Schulvermeidung mit Bestrafungsmaßnahmen wie Bußgeld oder dem Einsatz der Polizei begegnet. Auch sind die entsprechenden Schulen, Behörden, Ärzte, Kliniken und weitere Anlaufstellen oft nicht ausreichend vernetzt.
"Die Schulen können das Problem Schulvermeidung nicht alleine lösen", sagt Schulamtsdirektor Botho Stern, Stellvertretender Amtsleiter des Staatlichen Schulamtes Mannheim. "Deshalb unterstützen wir die Studie gerne und sind dabei behilflich, die Schulen zur Teilnahme zu motivieren." Auch das Gesundheitsamt des Rhein-Neckar-Kreises hilft bei der Kontaktaufnahme. Leiter Dr. Rainer Schwertz betont, wie wichtig es sei, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Studie danach auch gemeinsam in der Praxis umzusetzen. "Wir müssen jungen Menschen eine Perspektive aufzeigen und Türen aufstoßen. Gesundheit und Bildung sind die Grundsteine für eine gute Zukunft." Auch die Stadt Heidelberg unterstützt WE-STAY. Oberbürgermeister Dr. Eckart Würzner ist Schirmherr.
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