(ht) Die Peers – die Gleichaltrigen, Freunde, Kumpels und Cliquen – sind neben Familie und Schule die dritte große Sozialisationsinstanz. Oft scheinen sie sich nicht in die schulische Ordnung fügen zu wollen. Makel: Störfaktor im Unterricht. Doch der Blick wandelt sich. Denn Peers sind wichtige Entwicklungshelfer. Ein Gespräch mit Entwicklungspsychologin Prof. Dr. Maria von Salisch.
Erlauben Sie mir vorab eine persönliche Frage: Wieso beschäftigen Sie sich mit dem Thema Peers?
Maria von Salisch: Nun, ich habe bereits meine Doktorarbeit dem Thema Freundschaften gewidmet. Mich interessierte es als wichtiger Entwicklungskontext. Das hatte natürlich auch persönliche Hintergründe. Ich wuchs als jüngstes Kind von vier Geschwistern auf. Wir haben sehr viel ohne Aufsicht zusammen gemacht. Da galten oft andere Regeln als mit den Eltern. Aber ich merkte, wie wichtig diese Zeiten für mich waren. Bis auf den heutigen Tag ist das das Spannende für mich daran.
Mit Verlaub, man möchte meinen, das Feld Peers ist hinreichend erforscht. Worin besteht denn das Neue?
Maria von Salisch: Sie haben Recht. Mit dem Thema beschäftigen wir uns schon lange. Aber das Interesse lag eher auf Peer-Gruppen, die abweichendes Verhalten anstoßen. In den neuen Forschungen geht es dagegen mehr um die unterstützende Natur von Peer-Beziehungen. Jeder Heranwachsende befindet sich in zahlreichen Verbindungen mit anderen Gleichaltrigen, die ihm bei der Bewältigung von Übergangssituationen zur Seite stehen und eben auch Entwicklungshelfer sein können.
Gutes Stichwort: "Entwicklungshelfer". Das würde man gerne genauer verstehen.
Maria von Salisch: Die Peers, also all die Gleichaltrigen, nehmen eine außerordentlich wichtige Rolle in der Entwicklung von jungen Menschen ein. Beim Älterwerden warten Entwicklungsaufgaben mit unterschiedlichen Anforderungen. Die Peers handeln diese Fragen auf der Grundlage gleicher oder ähnlicher Erfahrungen ab. Sie sind Modellpersonen, Unterstützer und Sparringspartner, an denen man sich, sein Selbstbild, sein Können und sein Lernen überprüft. In größeren Peer-Gruppen wie einer Klasse oder im Jugendclub wahrt man dabei mehr sein offizielles Gesicht. In den intimeren Freundschaften kann man sich dagegen unverstellt zeigen und ganz persönlich austauschen. All das ist immens wichtig für die psychosoziale Entwicklung.
Stellt sich die nächste Frage: Wie kann oder sollte die Schule das nutzen?
Maria von Salisch: Es geht darum, die Schüler nicht auf ihre Schülerrolle zu begrenzen, denn die Schule ist auch eine Kontaktbörse. Schüler agieren gleichzeitig in sehr verschiedenen Arenen. Und zum erfolgreichen Lernen in der Schule gehört es, diese im Blick zu haben. Anders gesagt: Die Schule ist auch Lebensraum. Zu ihrer Organisation sollte gehören, dass man seine Beziehungen zu den Peers pflegen kann, und das nicht nur auf dem Schulhof. Man denke an Tobe- und Ruheräume, an einen rhythmisierten Unterricht, an Treffpunkte wie Schülercafés, Billardräume und Computerkabinetts. Die Schule kann Freundschaften und unterstützende Peer-Beziehungen nicht erschaffen, aber Gelegenheiten dafür bieten und ermöglichen.
Klingt ein wenig danach, als wolle man diesen doch eigentlich freien Raum des Aufwachsens auch noch pädagogisch in den Griff kriegen und kolonialisieren.
Maria von Salisch: Keineswegs. Wie schon gesagt, es geht darum, Raum zu geben und Plätze zu schaffen. Und es geht dabei um Selbstorganisation. Schüler sind selber Experten. Und darin sollten sie sich in der Schule erfahren und ausprobieren können.
Ein anderes Stichwort dafür ist Peer-Education.
Maria von Salisch: Richtig. Und ich erinnere daran, dass dieser Ansatz aus der Drogenberatung kommt. Dort erkannte man, dass Ratschläge von Gleich zu Gleich viel eher angenommen werden. Das lässt sich auch beim Lernen in der Schule nutzen, etwa mit Tandemarbeiten wie beim "Peer-Assisted Learning". Da ist wechselweise der eine der Coach, der andere der Sportler. Bei solchen kooperativen Lernprozessen – richtig eingesetzt – entspringt die Motivation aus den Lernern selbst. Die Lehrer halten sich zurück und moderieren das Geschehen.
Rückt damit doch wieder die Kultur einer Schule als wichtige Einflussgröße für das Lernen in den Blickpunkt?
Maria von Salisch: Zugegeben: Dafür bin ich keine Expertin. Aber mit Sicherheit hat es etwas mit der Entwicklung hin zur Ganztagesschule zu tun. Die Schüler sind oft von 8-16 Uhr in der Schule. Da muss die Schule als Lebensraum funktionieren. Auch wenn wir das durch Studien so direkt noch nicht nachweisen können, gehen wir davon aus, dass es die Lernkultur befördert. Übrigens gehört zu diesem Thema genauso, dass Schule auf die Erfahrung von Mobbing und Ausgrenzung innerhalb der Schülerschaft reagieren muss. Denn die Psychologie lehrt uns, dass man nur dann wächst und Fortschritte im Lernen macht, wenn man sich körperlich und seelisch sicher fühlt. Darauf sollte jeder Schüler ein verbrieftes Grundrecht haben.
Heißt also: die Beziehungsgeflechte unter den Gleichaltrigen müssen kein Störfeuer für die Schule sein?
Maria von Salisch: Das Gegenteil sollte deutlich werden. Man muss es nur richtig anpacken. Dieses alte Klischee ist doch eher hinderlich und zeugt von einem überkommenen Lehrerbild. Die Peer-Beziehungen bergen ein eigenes Potenzial für die Schule.
Zur Person
Dr. Maria von Salisch ist Professorin für Entwicklungspsychologie an der Leuphana Universität in Lüneburg. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind neben Peer-Beziehungen die emotionale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und die Mediensozialisation. Aktuell arbeitet sie mit Unterstützung des Bildungsministeriums an einer Studie über Peer-Beziehungen in Ganztagsschulen. Maria von Salisch hat zwei schulpflichtige Kinder.
Erstveröffentlichung Klett Themendienst 02/2011
Schule
Sitzen bleiben bringt nichts
25.05.2012. (red/ots) - In vielen Familien leuchtet in diesen Wochen die Alarmstufe Rot. Der Grund: Bald gibt es Zeugnisse - und bei manchen droht die "Ehrenrunde". Genau diese würde Klaus Wenzel gern abschaffen. Warum erklärt der Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes im Interview mit ...Sonderthemen
Inklusionsfilm heute im Ersten
23.05.2012. (red/pm) Nach seiner erfolgreichen Ausstrahlung im vergangenen Dezember auf BR-alpha wird der Film INKLUSION – GEMEINSAM ANDERS nun auch im Ersten gezeigt, und zwar heute um 20:15 Uhr. Paul (Max von der Groeben) ist ein sportlicher, aber geistig leicht zurückgebliebener Junge. Steffi (Paula ...Hochschule
Weniger Gasthörer an deutschen Hochschulen im Wintersemester 2011/2012
Wiesbaden, 22.05.2012. 34 600 Gasthörerinnen und Gasthörer besuchten im Wintersemester 2011/2012 Lehrveranstaltungen an deutschen Hochschulen. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, ging die Anzahl der Gasthörer im Vergleich zum vorhergehenden Wintersemester um 10,4 % zurück. Ursachen für den ...- „Von 1965 bis 1975 gab es den Deutschen Bildungsrat. Dieser wurde von den Politikern aufgelöst, als er zu fortschrittlich wurde ....“
- MRotermund zu Nationaler Bildungsrat gefordert
- „Sprachstandsfeststellung? Ok! Aber doch nicht so!“
- Philsmom zu Sprachtests in NRW: Es geht nicht um die Kinder
Aktuelle Lernhilfen
|
Aktuelle Lernhilfen finden
ein Service von lernklick.de
|







Interviews -



Newsletter
Feedback