Auslaufmodell: Männlicher Alleinverdiener
Abschied vom klassischen Rollenmuster in der Familie
Mehr zu: Girls' Day, Sonderthemen(red/pm) Für sechs von zehn Deutschen ist der männliche Alleinverdiener in der Familie ein Auslaufmodell. Dies zeigt eine repräsentative Umfrage von TNS Emnid im Auftrag der Expertenkommission Familie der Bertelsmann Stiftung.
In immer mehr Haushalten muss der Partner mitverdienen, um den Lebensunterhalt zu sichern. Alleinerziehende scheinen ihre finanzielle Situation noch bedrückender zu sehen. Zwei Drittel befürchten, in naher Zukunft Transferleistungen in Anspruch nehmen zu müssen.
Als zweithäufigsten Grund für den Abschied vom Alleinverdiener-Modell nennen mehr als 30 Prozent der Befragten, dass Frauen grundsätzlich berufstätig und in Gesellschaft und Beruf gleichberechtigt sein sollten. Während in den alten Bundesländern primär ökonomische Zwänge Ursache für eine Abnahme der traditionellen Familienform sind, spielt bei der ostdeutschen Bevölkerung die Verwirklichung der Frau und die allgemein gesellschaftliche Entwicklung hin zur Gleichberechtigung der Geschlechter eine größere Rolle. So halten es hier 17 Prozent für wichtig, dass Frauen auch Karriere machen können. Im Westen meinen dies lediglich 5 Prozent.
Neben der ehelichen Familie halten die meisten Befragten die gesetzliche Gleichstellung von anderen Lebensformen für zeitgemäß, wenn Kinder im Haus sind. Dies gilt sowohl für Alleinerziehende (87 Prozent), Patchworkfamilien (86 Prozent), nichteheliche (75 Prozent) als auch homosexuelle Partnerschaften (64 Prozent). Damit insbesondere alleinerziehende Mütter und Väter mehr Zeit für eine Berufstätigkeit haben, plädieren 95 Prozent der Befragten für zusätzliche Betreuungsangebote der Kinder durch den Staat. Zur Finanzierung wäre jeder Zweite bereit, auf staatliche Leistungen im Sozial- und Gesundheitsbereich zu verzichten. Für rein steuerfinanzierte Betreuungsangebote sprechen sich nur 40 Prozent der Bevölkerung aus.
"Um der drohenden Altersarmut zu entgehen, brauchen wir mehr Vollzeitstellen für Mütter oder zumindest flexiblere Teilzeitarbeit. Voraussetzung hierfür ist eine Ausweitung der Kinderbetreuung nach der Elternzeit bis weit in die Sekundarstufe I hinein", erklärte Liz Mohn, Vorsitzende der Expertenkommission Familie und stellvertretende Vorsitzende der Bertelsmann Stiftung, bei der Vorstellung der Ergebnisse in Berlin.
Fast die Hälfte der befragten Familien und fast 60 Prozent der Alleinerziehenden mit Kindern unter 14 Jahren rechnen damit, im Alter von staatlichen Transferleistungen abhängig zu werden. Jeder dritte hält das sogar in naher Zukunft für möglich. Die Expertenkommission verweist in diesem Zusammenhang auf die nach ihrer Sicht dramatische Entwicklung. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes seien 2009 zwar vier Prozent mehr Mütter einem Job nachgegangen als 1996. Im gleichen Zeitraum habe sich aber der Anteil an Vollzeitstellen von 48 auf 27 Prozent verringert, der Anteil an Teilzeitjobs sei dagegen um 20 auf 73 Prozent gestiegen.
In der Expertenkommission Familie arbeiten unter dem Vorsitz von Liz Mohn Repräsentanten aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft mit. Unter anderen: Prof. Dr. Rita Süssmuth, Präsidentin des Deutschen Bundestages a.D., Renate Schmidt, Bundesministerin a.D., Dr. Lore Maria Peschel-Gutzeit, Rechtsanwältin in Berlin, Senatorin für Justiz a. D. in Hamburg und Berlin, Prof. Dr. Ulrike Detmers, Mitglied der Geschäftsführung und Gesellschafterin der Mestemacher-Gruppe, und Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts.
TNS Emnid befragte im Auftrag der Bertelsmann Stiftung 1004 Personen bundesweit vom 19. bis 21. März 2011.
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