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Niedersachsen

Beste Schule Deutschlands muss Konzept aufgeben

Mehr zu: Althusmann, Deutscher Schulpreis, G8, Gesamtschule, Niedersachsen, Schule
09.09.2011 -

(dpa) – Die als Deutschlands beste Schule prämierte Georg- Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen muss ihr preisgekröntes Konzept voraussichtlich aufgeben. Künftig solle auch dort das Turbo-Abitur nach zwölf Jahren abgelegt werden, sagte die Göttinger SPD-Landtagsabgeordnete Gabriele Andretta am 8. September. Dies habe die Landesregierung im Kulturausschuss des Landtages mitgeteilt. Das Land wolle der Schule lediglich einige Lehrerstunden für zusätzlichen Unterricht anbieten.

Wie wird das Lernen an der IGS Göttingen künftig aussehen?
Wie wird das Lernen an der IGS Göttingen künftig aussehen? - Bild: Robert Bosch Stiftung

Schulleitung, Lehrer und Eltern der Integrativen Gesamtschule (IGS) wollen am Abitur nach Klasse 13 festhalten, weil nur dann das preisgekrönte integrative Konzept umsetzbar sei.

Das Kultusministerium in Hannover wollte sich am 8. September zur Zukunft der Schule nur schriftlich äußern. "Eine abschließende Entscheidung ist noch nicht gefallen", heißt es in einer Stellungnahme. Das Ministerium werde auf die Schule und den Schulelternrat mit einem Vorschlag zugehen. Dieser sehe im Wesentlichen vor, dass die IGS ihr pädagogisches Konzept weiterführen könne. Allerdings werde "künftig das Abitur nach zwölf Schuljahren möglich sein".

Der stellvertretende Schulleiter Rolf Ralle nannte das Angebot des Ministeriums "eine Mogelpackung". Es sehe vor, mit Hilfe zusätzlicher Lehrerstunden alle Schülerinnen und Schüler bis einschließlich Klasse zehn nach der Gymnasialstundentafel zu unterrichten. Dann solle nach zwei weiteren Jahren das Abitur folgen.

"Das Ministerium will ohne Rücksicht auf Verluste das Abitur nach Klasse 12", sagte Ralle. Dass dabei das gemeinsame Lernen von Schülern unterschiedlicher Leistungsstärke und viele Projekte auf der Strecke blieben, spiele wohl keine Rolle. Dabei sei die IGS gerade dafür als modellhaft ausgezeichnet worden.

Die Schule hatte im Juni von Bundespräsident Christian Wulff den mit 100 000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis erhalten (vgl. 24/2011, S. 7ff.). Auch Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann hatte gratuliert. Der Preis sei für das besondere pädagogische Konzept verliehen worden, hatte der CDU-Politiker damals gesagt.

Der Erfolg der IGS beruhe darauf, dass die Schüler Zeit für gemeinsames Lernen haben, sagte die SPD-Abgeordnete Andretta. Diese Zeit solle den Schülern jetzt genommen werden. Sie warf der Landesregierung vor, das preisgekrönte Schulkonzept "auf dem Altar ideologischer Verbohrtheit" zu opfern.

(dpa-Dossier Bildung Forschung Nr. 37/2011, 12.09.2011)


© 2009 dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH.
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9 Kommentare (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Wolfgang, am 09.09.2011, 21:26

Gut 100 Schulen (von über 40.000 Schulen in Deutschland) haben an dem Wettbewerb Deutscher Schulpreis teilgenommen. Wenn eine Schule diesen Wettbewerb gewinnt, dann ist das selbstverständlich nicht die beste Schule Deutschlands, sondern das ist eine Schule, die einen Wettbewerb gewonnen hat! Nicht mehr und nicht weniger.

von Fred Steeg, am 10.09.2011, 11:23

Vielleicht ist die Schule sogar die schlechteste Schule Deutschlands, gerade weil sie sich dem "von oben" geregelten Wettbewerb nicht umstandslos unterwerfen will und tatsächlich das Lernen der einzelnen Schüler stärker unterstützen will. So liegen offensichtlich die wirklich gültigen Maßstäbe! Diese Schule torpediert damit die so oft zitierte Chancengerechtigkeit im ganzen Land. Daran wird klar, was Chancengerechtigkeit überhaupt ist: Sie ist die Voraussetzung für grenzenlose kostengünstige Auslese, nach der dann keiner mehr kommen darf und mehr Bildung verlangen darf. Jeder bekommt seinen Platz zugewiesen und ist selbst dafür verantwortlich - gleiche Chancen sind das gängige ideologische Rüstzeug, mit dem die Gleichmacher und Schmalspurbildungsmacher auf die Schüler losgehen, um dann von Qualitätsverbesserungen zu reden, die sich in mehr "höheren" Bildungsabschlüssen (jenseits einer Qualität) niederschlagen sollen. Wenn was schiefgeht ist das eben individuelles Schicksal. Den Rest regelt die Konkurrenz. Welch ein Bildungsparadies!

von Werner, am 10.09.2011, 11:55

Woher weiß Wolfgang das? Es ist ja nicht ein Wettbewerb, sondern DER Wettbewerb im schulischen Bereich schlechthin. Die Anforderungen sind so hoch, dass sich eben nur 100 Schulen trauen da mitzumachen.

von Katrin, am 11.09.2011, 13:28

Wir kämpfen in diesem Land für mehr Bildungsgerechtigkeit. Da zeigt eine ausgezeichnete Schule, dass sie dies umsetzen kann, dass andere pädagogische Konzepte funktionieren, gibt unseren Kindern mehr Zeit, hat Erfolg und trotzdem wollen "unsere" Politiker es nicht. Verstehen kann und will man das nicht mehr!!!! Katrin

von Bernh. Strube/Eltern für Bildung/Saarl. Schulpreis, am 12.09.2011, 19:26

Die Jury des Deutschen Schulpreises hat die pädagogische Arbeit der IGS wie folgt gewürdigt: "Die Schule setzt durchgängig auf Teamstrukturen mit größtmöglicher Eigenverantwortung. Im kleinsten Team, in der bewusst heterogen zusammengesetzten Tischgruppe, die über einen langen Zeitraum miteinander lernt, übernehmen Schülerinnen und Schüler die Verantwortung für das eigene Lernen und Handeln, aber auch für das Weiterkommen der anderen. Die extreme Spannbreite im Leistungsbereich der Lernenden wird produktiv genutzt: Individualisierte Lernprozesse, die Möglichkeit, unterschiedliche Niveaustufen zu erreichen, sind integriert in das gemeinsame Lernen. Viermal im Jahr trifft sich jede Tischgruppe mit den Tutoren, mit den Eltern bei einem Kind zuhause und stellt die aktuelle Arbeit vor." Es ist für mich völlig unverständlich, dass Politik der Schule den Freiraum, ihre pädagogische Kompetenz zu entfalten, einschränkt. "So einen Unterricht habe ich noch nicht erlebt", sagt Hans Anand Pant, Direktor des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Der Professor ist Mitglied der Schulpreis-Jury und hat die Gesamtschule gründlich inspiziert. Wir haben die Schule ins Saarland eingeladen, in einem Seminar ihr vorbildliches Konzept zu vermitteln, um andere Schulen anzustecken.

von Ein Schulleiter, am 12.09.2011, 21:39

Es wird einfach Zeit, dass andere Menschen als Politiker entscheiden wie das Schulsystem in D entwickelt wird... Mit all ihren abstrusen Ideen und Konzepten haben wir uns ja bei Pisa und Co schon fein blamiert! Vertraut endlich den Schulen und entlasst sie in eine echte Freiheit- nicht ohne Grund ist fast jede freie Schule besser als die staatlichen! Es ist alles kaum noch auszuhalten welcher ideologische Wahnsinn hier grassiert...

von Ulrike Köllner (Elternvertreterin), am 13.09.2011, 09:06

Bayern und Niedersachsen - Schwarz-Gelb mit dem lächerlichen Gerede von der Einheitsschule ist einfach unbelehrbar! Die Interessen von Eltern, Kindern und Lehrern, gute Schule zu machen, werden der puren Ideologie geopfert.

Da hilft nur abwählen!

von Anja H., am 13.09.2011, 14:31

Es wäre schön, wenn sich viele Kritiker der niedersächsischen Bildungspolitik aktiv an dem Gelingen des derzeit laufenden "Volksbegehrens für gute Schulen in Niedersachsen" beteiligen. Noch haben Sie die Möglichkeit, bei Ihren Nachbarn an der Tür zu klingeln, und so mal 5-10 Unterschriftenlisten zum Gelingen des Volksbegehrens beizusteuern! Viele Kinder und Eltern würden es Ihnen danken. Es ist der richtige Weg!

von André Koch, am 30.09.2011, 10:21

Lieber EIN SCHULLEITER, welche freie Schule ist denn wirklich besser? Ich meine "unbestritten" besser? Wenn es solche Schulen gibt, dann doch solche, bei denen die Eltern ein erhebliches Engagement für die Schule (und übrigens auch ihren Kindern gegenüber) entgegenbringen. Entweder pur, oder zusätzlich in Form von wesentlich erhöhtem Schulgeld. Aus eigenem Erleben kenne ich auch Klassen (und Schulen), die einen sehr guten Ruf haben, ohne extra Schulgeld. Ein nicht unerhebliches Mittel zum Erfolg ist die Leistungsbereitschaft der Eltern gegenüber der Schule und ihren Kindern. Bessere "normal nebenbei laufende" Betreuung, z.B. durch bessere personelle Ausstattung der Schulen für mehr Zwischendurchkontakte Lehrer - Schüler, wäre auch sehr hilfreich.

Dem letzen Ihrer Sätze stimme ich, wortwörtlich, zu.


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