"Das Buch ist ein echter Erfolg"
Interview mit Projektleiter Dr. Ilas Körner-Wellershaus
Mehr zu: Europa, Fremdsprachen, Geschichtsunterricht, Schulbuch, Schule(red) Mit seiner ersten Auflage vor fünf Jahren sorgte das deutsch-französische Geschichtsbuch, Histoire/Geschichte, für Presserummel. Denn Schüler aus Frankreich und Deutschland konnten erstmals mit dem gleichen Geschichtsbuch lernen, das in beiden Sprachen erscheint. Unterdessen ist es etwas stiller um das Projekt geworden, obwohl erst vor wenigen Wochen der dritte und letzte Band erschienen ist. Hat das Buch seine Außergewöhnlichkeit verloren und ist zum Standard geworden oder ist etwa der erhoffte Erfolg ausgeblieben? Das wollten wir von Dr. Ilas Körner-Wellershaus, Projektleiter von Histoire/Geschichte beim Ernst Klett Verlag, wissen.
Das deutsch-französische Geschichtsbuch sei in Deutschland "geschmäht" oder gar "gefloppt", war zu lesen. Welche Absätze hat denn der Verlag nun wirklich erzielt?
Ilas Körner-Wellershaus: Das deutsch-französische Geschichtsbuch, Histoire/Geschichte, ist keinesfalls gefloppt, sondern ein echter Erfolg. Das zeigen die Absatzzahlen: Von Band 3 sind seit Erscheinen 45.000 Stück der deutschen Version verkauft worden, bei Band 2 sind es 20.000 Stück. Band 1 ist erst vor wenigen Wochen erschienen, aber auch da rechnen wir mit 8.000 Stück noch in diesem Jahr. Zudem sind inzwischen die ersten Bände von Histoire/Geschichte als Lizenzausgaben in Korea und Japan erschienen. Das ist sehr ordentlich und hat unsere Erwartungen voll erfüllt. Und das bestätigt ein sehr hohes Interesse an diesem Projekt und seinem besonderen Konzept.
Aber werden die Bücher auch benutzt? Wer sind die Käufer?
Ilas Körner-Wellershaus: Die Bände werden nicht nur von bilingualen Schulen sehr geschätzt. Es gibt eine Reihe von Schulen, die einen hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund haben, die mit dem nicht von einem nationalen Geschichtsbewusstsein geprägten Zugang zur Geschichte viel besser zu Recht kommen.
Ist das deutsch-französische Geschichtsbuch ein reines Prestigeobjekt?
Ilas Körner-Wellershaus: Das deutsch-französische Geschichtsbuch wird öfter mal als Prestigeobjekt für Französisch angesehen. Aber es geht nicht um die Sprache oder darum, Frankreich als glorreiche Nation darzustellen. Die Geschichtslehrer wissen zu schätzen, dass statt nationaler Blickwinkel und Geschichtstraditionen hier Zusammenhänge und Wechselwirkungen dargestellt werden – es geht um wirkliche Multiperspektivität.
Das ganze Unterfangen wird in Deutschland und Frankreich von den Geschichtslehrerverbänden begrüßt – und weltweit übrigens auch wie u.a. die Lizenzausgaben in Ostasien belegen. Aber auch Schüler äußern sich zu den Bänden und sagen, dass sie zu diesen Bänden mehr Vertrauen haben, weil nicht nur eine Perspektive dargestellt wird, und sie schätzen die gute Strukturierung der Bücher, ihre Übersichtlichkeit und die sehr klaren Tabellen, Graphiken und Bilder.
… und die kritischen Stimmen?
Ilas Körner-Wellershaus: Klar, es gibt auch Lehrer, die es bedauern, dass die nationale oder regionale Geschichtsbetrachtung nicht im Vordergrund steht. Auch wünschen sich Lehrer eine engere Anbindung an ihre eigenen bundeslandspezifischen Lehrpläne, was allerdings ein Grundthema ist, denn das ganze Projekt fußt auf einer Synopse des französischen Lehrplans und von sechzehn deutschen Landeslehrplänen.
Klett war bei diesem Buchprojekt "Dienstleister" für die Politik. Wie hat sich die Zusammenarbeit gestaltet?
Ilas Körner-Wellershaus: Klett hat Histoire/Geschichte wie andere Schulbuchprojekte auch als sein eigenes Projekt organisiert, finanziert und gesteuert – allerdings in diesem Fall als Arbeitspartnerschaft mit unseren französischen Kolleginnen von Nathan. Begleitet wurde das Buch durch eine binationale Expertengruppe, die auf französischer Seite an das Erziehungsministerium angebunden war, auf deutscher Seite durch den Bevollmächtigten für die deutsch-französische kulturelle Zusammenarbeit koordiniert worden ist.
Dieses Amt wechselt alle vier Jahre unter den Ministerpräsidenten der Länder. Wir starteten mit Peter Müller, dann wurde Klaus Wowereit Bevollmächtigter, zu Anfang dieses Jahres war es kurze Zeit Stefan Mappus. Nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg wurde unter den Ländern neu entschieden: erneut ging das Amt an Peter Müller und seit August 2011 ist Annette Kramp-Karrenbauer Bevollmächtigte. Da alle Bevollmächtigten sehr verlässliche Büroleiter hatten und haben, haben wir mit diesen sehr produktiv und zielgerichtet arbeiten können. Unsere französischen Partner wundern sich immer über den deutschen Föderalismus und staunen, wie gut das alles klappt.
Leidet das Projekt jetzt unter den Diskussionen um den Französischunterricht?
Ilas Körner-Wellershaus: Das deutsch-französische Geschichtsbuch ist kein Schulbuch zum Erlernen einer Sprache. Die Bände liegen jeweils auf Deutsch oder Französisch vor, weshalb sie sich wie jedes andere muttersprachliche Schulbuch lesen lassen. Genau das war auch die Intention, als das deutsch-französische Jugendparlament das Projekt 2003 vorschlug: Es soll ein ganz normales Geschichtsbuch sein, das Vorurteile auf beiden Seiten des Rheins durch offene Information abbaut, historische Prozesse und Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven darstellt und Konfliktthemen klar benennt – um auf dieser Grundlage jungen Menschen eine zukunftsfähige Perspektive für das Leben in Europa zu verschaffen. Insofern muss niemand Französisch können, um diese Bücher zu lesen. Das wird nur dann ein Thema, wenn die Bände beispielsweise in einem französischsprachigen Geschichtsunterricht an einem bilingualen Gymnasium eingesetzt werden.
Deutschland und Frankreich haben über Jahrhunderte in schwieriger und teils sehr konfliktreicher Nachbarschaft miteinander gelebt. Das Neue an Histoire/Geschichte ist nun der gemeinsame Blick auf diese gemeinsame Geschichte und auf historische Vorgänge überhaupt.
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