"Kulturkampf" um Abitur und Lehre
Mehr zu: Duale Ausbildung, Europa, Gymnasium, Qualifikationsrahmen, Sonderthemen(dpa) – Die Gewerkschaften sprechen von "Kulturkampf" und fordern ein Machtwort der Ministerpräsidenten. Gleichermaßen sind die Wirtschaftsverbände entsetzt. Sie fürchten um den Ruf des "Flaggschiffs" der deutschen Bildung – das duale Ausbildungssystem mit betrieblicher Lehre und Berufsschule. Doch alle Drohungen und Appelle halfen nicht. Einstimmig beschlossen die Kultusminister am 21. Oktober in Berlin, das deutsche Abitur künftig auf Stufe fünf einer insgesamt achtstufigen EU-weiten Werteskala einzuordnen. Der Abschluss einer betrieblichen Lehre soll hingegen in der Regel nur auf Stufe vier rangieren.
Was ist das Abitur für einen jungen Menschen wert, wie schwer wiegt für den weiteren Lebensweg der Abschluss einer Lehre? In einer arg verquasten Erklärung beteuern die Kultusminister zwar, die Länder bestünden weiter "auf Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung". Doch nicht wenige Experten sehen hier seit Jahren eine der großen Lebenslügen der deutschen Bildungspolitik. Denn Lehre ist längst nicht mehr gleich Lehre. Es gibt hoch anerkannte dreieinhalbjährige neugeordnete Ausbildungen im Metall- und Elektrobereich – aber auch immer noch nicht reformierte Lehrberufe mit nur geringen Übernahmechancen und wenig Zukunftsperspektiven.
Abitur ist auch nicht gleich Abitur – kontern die Verfechter der beruflichen Bildung und zeigen auf das unterschiedliche Leistungsgefälle zwischen Schulen und Bundesländern. Sie, wie die Anhänger der gymnasialen Bildung, befeuern damit einen bereits seit Jahrzehnten geführten Streit. Doch in der Tat stellt das deutsche Abitur im internationalen Vergleich trotz Schulzeitverkürzung immer noch eine Besonderheit dar. Mit der Allgemeinen Hochschulreife wird zugleich das uneingeschränkte Recht zum Studium an einer Universität vergeben – ohne weitere Eingangsprüfungen, wie sie in vielen anderen Staaten üblich sind. Und gerade das – so heißt es aus der Kultusministerrunde – wollte man mit der höherwertigen Einordnung gegenüber den meisten Lehrberufen auch deutlich machen.
Aktueller Auslöser des Streits ist die Absicht der EU, mit einem "Europäischen Qualifikationsrahmen" (EQR) die verschiedenartigen Bildungsabschlüsse in den Mitgliedstaaten vergleichbar zu machen. Zudem soll ein "Europäischer Bildungspass" mit der achtstufigen Skala berufliche Mobilität garantieren und gegenüber Arbeitgebern das erreichte Bildungsniveau dokumentieren.
Neun Staaten haben bereits nationale Regelungen in Kraft gesetzt, vier weitere werden bald folgen. Fast alle haben bisher Abitur und Lehre gleichwertig auf Stufe vier gesetzt – bis auf die Niederlande, die wie die deutschen Kultusminister die Stufe fünf für das Abitur bevorzugen. Österreich und die Schweiz schauen jetzt gespannt auf die Bundesrepublik. Geschickt haben sich die Franzosen aus der Affäre gezogen und schulische Abschlüsse in ihrer nationalen Werteskala zunächst einmal ausgespart. Das Ansehen der beruflichen Bildung in Deutschland gilt international als gut. Doch ein Blick hinter die Kulissen offenbart auch viele Fehlentwicklungen.
Jeder zweite Absolvent einer betrieblichen Lehre arbeitet fünf Jahre nach Gesellenabschluss heute in einem völlig anderen als den ursprünglich erlernten Beruf. Doch statt die allgemeine Grundbildung für die jungen Menschen während ihrer Ausbildungszeit zu stärken, haben die Tarifpartner in den vergangenen Jahren immer neue, noch spezialisiertere Berufsbilder erfunden, kritisiert der Göttinger Sozialforscher Martin Baethge. In einem gemeinsamen Brief drohen DGB-Chef Michael Sommer und Handwerkspräsident Otto Kentzler wegen der höheren Einstufung der Abiturienten der KMK die Aufkündigung der Zusammenarbeit an. Ihrerseits wollen die Kultusminister hingegen die Tür nicht zuschlagen. Zu ihrer nächsten Sitzung Anfang Dezember haben sie die kampfbereiten Tarifpartner zum "offenen Gespräch" eingeladen.
Karl-Heinz Reith (dpa-Dossier Bildung Forschung Nr. 43/2011, 24.10.2011)
© 2009 dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH.
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die Ausbildungen in DE -und zwar alle - egal ob ich die subjektiv als leicht oder schwer empfinde - müssen mindestens in die Stufe 5
sie dauern 3-3,5 Jahre -- auf Stufe 4 kommen in vielen Ländern Ausbildungen die nur 1-1,5 Jahre dauern.
des weiteren kann das Einstufungskriterium nicht die persönliche subjektive Meinung sein!
wenn ich das Fach Soziale Arbeit leichter finde, kriegt der Absolvent da trotzdem seinen Bachelor wie der in Physik, obwohl es ein leichtes Fach ist!
die subjektive Meinung ist vollkommen irrelevant -
es ist irrelevant ob Männer in iregendwelchen Hinterzimmern der Meinung sind das medizinische Fachangestellte niveauloser ist als Bankkaufmann (Weiße Kragen Berufe und Industrieberufe)!!!
es geht doch um objektive Kritieren, nicht um subjektives Meinen.
also wird dann der Industrieberuf und WeißeKragenBeruf höher bewertet als ein klassisches Handwerk oder ein typischer Frauenberuf
allein das ist doch schon ein Witz.
was das allein für ein Niveau-Unterschied ist zwischen Physikstudium und Studium Soziale Arbeit bzw. Politikwissenschaft -- meiner subjektiven Meinung nach muss man das vollkommen unterschiedlich bewerten -
Ich habe vor Jahren einmal eine IT-Weiterbildung zum Geprüften IT-Projektleiter bei der IHK absolviert, parallel gab's ein Bachelor CCI-Zertifikat welches natürlich in der BRD "keinen" akademischen Grad darstellt. Von den deutschen Hochschulen gibt es dafür keine Credits oder z.B. eine Gleichstellung mit deren Bachelor, aber in Dublin hat sich ein Bekannter damit für den Master-Studeienlehrgang angemeldet und wurde natürlich genommen. Ich habe 20 Jahre Berufserfahrung, bin Ausbilder und bei mir wurden Diplomarbeiten geschrieben. Dieses Bildungsystem hofiert sich selbst, es ist eine Demütigung für jeden Praktiker mit langjähriger Berufserfahrung als Manager.
Dafür das die Abiturienten gar nicht in einem Betrieb einsetzbar sind werden diese höher gestuft. Aber jetzt ein noch größerer Treppenwitz. Diese bekommen während des Studiums für betriebliche Praktika die volle ECTS Punktzahl! Für was eigentlich? Dafür das die Hochschule keine Leistung dafür erbringt oder das diese Praktika auf Lehrstellenniveau ablaufen? Wenn schon, den schon, dann aber richtig - die Abschaffung aller Leistungsanerkennungen für Abiturienten und Hochschüler!
Diese beiden verschiedenen Bildungssysteme/-gänge lassen sich eben nicht so vergleichen und in eine gemeinsame Bewertungsskala bringen. Betrachten wir nur mal alleine die beruflichen (Lehr-) Abschlüsse: da gibt es alleine schon 2-jährige, 3--jährige und 3 1/2-jährige Ausbildungen! Und nicht vergessen, die mittlerweile über 1000 Ausbildungsregelungen für sog. Reha-Azubi (§ 66 BBiG).
Quatsch wird nicht bersser, wenn sich Behörden(vertreter) und andere "Überflüssige" damit beschäftigen.
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