Erstsemesterboom: Raum- und Dozentennot
Mehr zu: Bildungsausgaben, Doppelter Abiturjahrgang, Hochschulpakt, Kooperationsverbot, Schavan, Statistik, Wintermantel, Hochschule(dpa) – Dass es an den Hochschulen in den nächsten Jahren noch enger wird als bisher schon, hatten alle erwartet: Geburtenstarke Schulabgängerjahrgänge drängen ins Studium, im alten Bundesgebiet kommen doppelte Abiturientenjahrgänge in Folge der Schulzeitverkürzung hinzu. Und dann noch das unerwartet schnelle Aus für die Wehrpflicht. Doch der aktuelle Studienanfängerboom in diesem Jahr an Universitäten und Fachhochschulen mit 515 800 Erstsemestern (plus 16 Prozent) sprengt alle bisherigen Prognosen.
Dabei verzeichnen die in den vergangenen Jahren von vielen Abiturienten gemiedenen und wegen ihrer hohen Abbruchquoten gefürchteten technischen Fächer wie Informatik, Maschinenbau und Elektrotechnik Rekordzuwächse bis zu 23 Prozent. Die Wirtschaft ruft händeringend nach Fachkräften. "Bereits heute braucht der Arbeitsmarkt jährlich 40 000 Absolventen mehr, als die Hochschulen tatsächlich verlassen", sagt die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Margret Wintermantel, unter Verweis auf Arbeitsmarktanalysen.
Berechnungen zufolge werden bei einem wirtschaftlichen Wachstum von 1,5 Prozent jährlich bis zum Jahr 2020 mehr als 1,2 Millionen Akademiker in Deutschland fehlen. "Wir müssen die Erwartungen der Gesellschaft an die Ausbildung der jungen Generation erfüllen", sagt Wintermantel. Doch in vielen Unis vor Ort sei inzwischen "die Situation zum Zerreißen gespannt". Die Uni-Räumlichkeiten reichen nicht aus, es fehlen Dozenten für eine bessere Betreuung in den Seminaren, es mangelt längerfristig an Masterstudienplätzen für die Fortsetzung der Ausbildung, und an vielen Hochschulen ist auch eine bauliche Sanierung überfällig.
Seit Jahren klagen die Hochschulen über Unterfinanzierung. Mit einem Anteil der Hochschulausgaben von 1,1 Prozent am Bruttoinlandsprodukt liegt Deutschland deutlich unter dem Schnitt der anderen OECDIndustrienationen (1,5 Prozent). Die Grundmittel der Hochschulen – die vor allem in die Lehre fließen – sind nach HRK-Berechnung zwischen 1995 und 2008 nur um 6 Prozent gestiegen. Das gleicht nicht einmal die Inflation aus. Gestiegen sind dagegen die eingeworbenen Forschungs-Drittmittel, die aber in der Regel zweckgebunden sind und selten der Ausbildung zugutekommen.
Dabei hatten Bund und Länder mit dem milliardenschweren Hochschulpakt und der gemeinsamen Finanzierung von 335 000 zusätzlichen Studienanfängerplätzen bis 2015 ausreichend Vorsorge für die geburtenstarken Schulabgängerjahrgänge treffen wollen. Doch inzwischen rechnet die HRK bis 2013 mit weiteren knapp 150 000 Anfängern. Der Hochschulpakt – so folgern auch SPD, Grüne und Gewerkschaften – müsste erneut dringend aufgestockt werden. Doch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) sieht jetzt zunächst einmal die Länder in der Pflicht.
Die Hochschulrektoren fürchten aber, dass die Länder unter dem Druck der neuen Schuldenbremse den Gürtel bei der Hochschulfinanzierung in den nächsten Jahren eher enger als weiter schnallen werden. Zugleich erschwert das mit der Föderalismusreform 2006 eingeführte Kooperationsverbot bei der Bildung eine Zusammenarbeit von Bund und Ländern.
Eine Ursache des zusätzlichen Studienanfängerbooms ist der aktuelle Anstieg der Studienneigung unter den jungen Menschen in Deutschland. Nach den regelmäßigen Befragungen des Hochschul-Informations- Systems (HIS) stieg zwischen 2008 und 2010 die Studierneigung unter den Abiturienten um fünf Prozentpunkte an – auf jetzt 77 Prozent. Gleichwohl verzichtet immer noch ein Fünftel der Abiturienten ganz auf das Studium.
Im internationalen Vergleich der 30 wichtigsten Industriestaaten gilt Deutschland trotz seines neuerlichen Studienanfängerbooms allerdings immer noch als das Land mit einer extrem geringen Studierneigung. Schlechter sind nur noch die Türkei, Belgien, Mexiko und Luxemburg. Deutlich wird dies auch bei einem internationalen Vergleich der Absolventenquoten. In Deutschland ist zwar inzwischen der Anteil der Hochschulabsolventen am Altersjahrgang auf 25 Prozent gestiegen, im Schnitt der anderen Industrienationen liegt diese Quote aber inzwischen schon bei 38 Prozent.
Karl-Heinz Reith
(dpa-Dossier Bildung Forschung Nr. 48/2011, 28.11.2011)
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