(red) Cybermobbing wird ein Thema auf der diesjährigen didacta in Hannover sein. An der Podiumsdiskussion "Erste Hilfe bei Cybermobbing" am 15. Februar nimmt unter anderem Marcus Lüpke teil. Der freie Journalist ist Lehrer an der Albert-Schweitzer-Schule in Gifhorn und war bis 2011 Mitarbeiter der Medienberatung des Landes Niedersachsen. Lüpke hat verschiedene medienpädagogische Ratgeber geschrieben, zuletzt erschienen: "Gewaltprävention 2.0". Wir wollten von dem Praktiker und Experten mehr über Cybermobbing erfahren.
Herr Lüpke, Gewalt an Schulen oder Gewalt zwischen Kindern und Jugendlichen ist – insbesondere für Pädagogen - nicht neu. Was hat sich mit den sogenannten Neuen Medien geändert?
Marcus Lüpke: In der Tat ist das Thema Gewalt so alt wie die Menschheit. Diese Erkenntnis halte ich im Übrigen für sehr wichtig. Nicht wenige Pädagogen sind der Ansicht, dass man "neueren" Problemen wie z. B. Cybermobbing auch immer nur mit geballter Medienkompetenz begegnen kann. Dabei ist es auch möglich, wenn man unsere Schüler einfach einmal an ganz selbstverständliche Werte, wie z. B. Toleranz, Empathie oder Respekt erinnert und diese als Elternteil oder Lehrkraft selbst auch vorlebt.
Wo sind unsere Vorbilder? Das geht auch ohne Internet & Co. Natürlich ist es ungemein hilfreich, wenn man auch als Lehrkraft oder Elternteil "medienkompetent" ist und Bescheid weiß, nur dann ist man, aus meiner Sicht, ausreichend handlungsfähig. Was in der heutigen Zeit erschwerend dazukommt, ist das Agieren aus dem vermeintlich rechtsfreien Raum "Internet" heraus. Diese Erkenntnis hält sich auch bei vielen Menschen.
Hat die Schule zu lange den Stellenwert der Neuen Medien verkannt - sowohl Chancen wie Risiken?
Marcus Lüpke: Spontan würde ich mit Ja antworten. Aber: Aktuell bewegt sich die Bildungslandschaft. Medienpädagogen sind aktiv, die Medienberatungen der Länder arbeiten zukunftsorientiert, Konzepte werden auf den Weg gebracht. Hier gibt es, so mein subjektiver Eindruck, leider sehr starke Unterschiede zwischen den Bundesländern. Federführend ist hier sicherlich das Bundesland Nordrhein-Westfalen, das auf vielen Gebieten eine Vorreiterrolle einnimmt. Aber auch Niedersachsen ist über das NLQ (Niedersächsisches Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung) bzw. die Medienberatungen des Landes Niedersachsen aktiv.
Ob die Entwicklungen im Bildungssystem, und damit auch für die Schulen zur richtigen Zeit in die richtige Richtung gehen, zeigt sich sicher, wie häufig im System Schule, erst später. Es braucht häufig einen aktuellen Fall, der die Massen bewegt (Amoklauf etc.), dann geht alles sehr schnell. Am Beispiel des Cybermobbings sieht man dies auch sehr deutlich, denn das Thema ist schon seit sieben Jahren sehr aktuell, da wollten dies nur Wenige wahrhaben. Aus meiner Sicht ist das sehr schade.
Ändert sich das mittlerweile bzw. was müsste sich ändern?
Marcus Lüpke: Wie oben beschrieben, nehme ich Bewegung in die richtige Richtung wahr. Dennoch sind auch jetzt die Themen "Medienkompetenz/Internetkompetenz" oder auch die Thematik "Medien im Unterricht" trotz der Tatsache, dass Medien die Alltagswelt junger Menschen immer mehr und deutlicher prägen, nicht an allen Schulen in gleichem Maße vertreten. Immer noch scheint es auch so zu sein:
Kennen Sie Beispiele aus dem Schulalltag?
Marcus Lüpke: Ja, ein ganz typisches Beispiel: Schüler lernen im Informatikunterricht das penible Erstellen von Tabellen mit einer wenig zeitgemäßen Software, die dem Informatiklehrer jedoch sehr gut gefällt. Parallel dazu verlangen andere Fachbereiche (Biologie, Musik, Deutsch), dass die Schüler sich, wie selbstverständlich - wir leben im Jahr 2011 - im Internet zu unterrichtlichen Inhalten informieren. Aber wer vermittelt hier? Kann man als Schule diese Themen, die die wichtigsten Personen in der Schule – nämlich die Schüler - betreffen, einfach ausklammern? Aktuell ist mir ein Beispiel bekannt, bei dem eine Musiklehrkraft Schülern einer 5. Klasse die Hausaufgabe - zur Vorbereitung auf einen Test - gab, sich beim Videoportal Youtube mittels dem Stichwort "Blasinstrumente" über die Klangbilder der Instrumente zu informieren. Neue Medien im Unterricht? Sie können sich vorstellen, welche Art Videos hier von den Kindern entdeckt werden könnten, wenn im Suchfeld der Begriff "Blasinstrument" eingegeben wird.
Dies zeigt deutlich, dass es an der Vermittlung von Medienkompetenz - Wie bediene ich eine Suchmaschine? Welches sind kindgerechte und redaktionell betreute Suchmaschinen? Welche Gefährdungen gibt es möglicherweise für junge Internetnutzer? - schon in frühen Jahren mangelt. Aus meiner Sicht sollte es so sein, dass der Lehrer den Eltern auch beratend gegenübertreten kann. Dafür muss ich als Lehrer informiert sein und handlungssicher. Hier greifen viele Systeme ineinander, auch die Lehrerausbildung gehört ins Boot. Für ganz wichtig halte ich auch die Multiplikation erfolgreicher Schulprojekte in einer Art und Weise, die auch Lehrkräften hilft, die dem Thema "Medien" noch nicht so aufgeschlossen sind.
Wie können Pädagogen und Eltern dem Phänomen Cybermobbing begegnen?
Marcus Lüpke: Indem sie:
Was treibt die Täter an?
Marcus Lüpke: Wenn wir davon ausgehen, dass das Phänomen Cybermobbing hier in der Welt der Jugendlichen besprochen wird - es gibt ja auch Fälle von Lehrermobbing - dann:
Welche Chancen haben die Opfer, sich zur Wehr zu setzen?
Marcus Lüpke:: Zuallererst: Nicht verstecken und so schnell wie möglich reagieren! Es gibt immer irgendjemanden, dem man sich anvertrauen kann. Sind es nicht Lehrkräfte, so sollten es die Eltern oder Freunde sein. Nicht (!) die Facebook-Freunde, denn die können oder wollen einem natürlich nicht helfen. Dies können nur echte Freunde. Lehrkräfte einschalten, Polizei einschalten bzw. kontaktieren. Hier ist das Thema Cybermobbing bekannt. Denn Cybermobbing ist eine Straftat!
Kompetenz fördern, Qualifizierung stärken, Orientierung vermitteln: Medienbildung 2.0 Auf der Sonderschau stellt Schulen ans Netz e. V. seine Angebote vor und zeigt die Möglichkeiten der Medienbildung im Zeitalter von Web 2.0 auf. 14.02.2012 - 18.02.2012, Halle 14, Stand K23.
Die Niedersächsische Landesmedienanstalt präsentiert ihre Angebote und Leistungen, 14.02.2012 - 18.02.2012, Halle 23, Stand E24
Schluss mit Cybermobbing! Das Trainings- und Präventionsprogramm "Surf-Fair", 14.02.2012, 13:00 - 13:45 Uhr, Convention Center (CC), Saal 18
Handygewalt und Cybermobbing - Maßnahmen zur Gewaltprävention an Schulen1, 14.02.2012, 15:00 - 16:00 Uhr, Referent: Otmar Brandes, LKA Niedersachsen, Halle 15, Stand E60
Erste Hilfe bei Cybermobbing, Podiumsdiskussion mit Dr. jur. Günther Hoegg, Schulrechtsexperte und Lehrer; Marcus Lüpke, Lehrer und Autor; Horst Roselieb, Referatsleiter "Prävention" im Niedersächsischen Kultusministerium; Jens Wiemken, Medienpädagoge; Moderation Peter E. Kalb, 15.02.2012, 11:00 - 12:15, Halle 16, Stand E24, Forum Bildung
Schule 3.0: digital total? Podiumsdiskussion mit Wulf Homeier, Präsident des Niedersächsischen Landesinstitutes für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ), Tilo Knoche, Geschäftsführer Ernst Klett Verlag GmbH, Aydan Özoguz MdB, Mitglied der Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft"; Prof. Dr. Christian Spannagel, Pädagogische Hochschule Heidelberg,; Moderation: Prof. Dr. Markus Ritter, Rhein-Ruhr Universität Bochum, 16.02.2012, 11:00 - 12:15, Halle 16, Stand E24, Forum Bildung
Cyber-Mobbing, Referentin: Gundula Kienel-Hemicker, 17.02.2012, 16:00 - 16:45 Uhr, Convention Center (CC), Saal 108/109