Die Fragezeichen sind gesichert
Mehr zu: Bildungsausgaben, Hochschullehre, Weiterbildung, Hochschule(Deutsche Universitätszeitung) Der Wissenschaftsstandort Deutschland ist für viele Nachwuchsforscher nicht attraktiv, weil es unterhalb der Professur kaum feste Stellen gibt. Anläufe, die Lage der Postdocs zu verbessern, gibt es viele. Durchschlagende Erfolge aber blieben aus, wie eine Studie der Uni Jena offenbart.
(von Bernt Armbruster) Zum Beispiel die Juniorprofessur: Vor zehn Jahren von der damaligen Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) eingeführt, gilt sie zwar bis heute als einer der konkretesten und ambitioniertesten Versuche, jungen Wissenschaftlern den Weg zur Professur zu ebnen. Mit Zuschüssen des Bundesforschungsministeriums von rund 100 Millionen Euro in den Jahren 2002 und 2006 bedacht und ursprünglich auf 6000 Juniorprofessuren angelegt dümpelte das Programm jedoch über Jahre hinweg bei rund 800 Stellen vor sich hin. Erst zwischen 2009 und 2010 stieg die Zahl der Juniorprofessuren nennenswert um etwa 24 Prozent auf dann 1236. Doch bleibt die Habilitation mit jährlich 1900 Verfahren unbestritten der Königsweg zur Professur.
Unsicherheit und Unzufriedenheit prägen auch zehn Jahre nach Einführung der Juniorprofessur die Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses an Hochschulen. Das ist denn auch Tenor einer Studie, die eine Jenaer Arbeitsgruppe zur Situation von Postdoktoranden im vergangenen Dezember vorstellte (siehe Infokasten).
Freilich gilt die Juniorprofessur keineswegs als Allheilmittel bei den Experten, die die missliche Lage der Postdocs schon seit Jahren aufmerksam verfolgen und beforschen. Das Bundesforschungsministerium legte mit Hilfe mehrerer deutscher Hochschulforschungsinstitute im Jahr 2008 den Bundesbericht zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses vor. Sortiert nach fünf anzugehenden Reformfeldern werden darin auch Handlungsempfehlungen gegeben: von der Planbarkeit der Wissenschaftskarrieren über Gleichstellung, die Nachhaltigkeit von Förderprogrammen bis zur Internationalisierung und zu Berufsalternativen für Postdocs außerhalb des Wissenschaftsbetriebs.
Darauf aufbauend betreibt die RWTH Aachen mit Zuschüssen des Bundesforschungsministeriums seit einigen Jahren im Internet die Plattform kisswin.de. Dort sind Informationen und Empfehlungen zur Lage der Postdocs zu finden. Der erste Blick auf die Förderkulisse weist zwar eine breite Palette von Finanzierungsmöglichkeiten für Wissenschaftler auf dem Weg zum Lehrstuhl aus. Sie reicht mittlerweile von Juniorprofessuren über Stipendien der Europäischen Union (EU) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), von Stiftungen und Austauschorganisationen bis hin zu Aktivitäten einzelner Hochschulen in Graduiertenkollegs und eigenen Förderprogrammen. Wenn es jedoch darum geht, feste Stellen und Förderfonds für junge Forscher einzurichten, bleiben viele Empfehlungen unverbindlich.
Nicht viel anders verhält sich die Politik: Die parlamentarische Behandlung des Bundesberichts zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses etwa verlief nach dem sattsam bekannten politischen Spiel, von der Oppositionsbank wohlfeile Forderungen zu stellen und von der Regierungsbank aus die eigenen Leistungen hervorzuheben. Dem akademischen Postdoc-Prekariat nützt das wenig. Hochschulforscher wie Dr. Anke Burkhardt vom Wittenberger Institut für Hochschulforschung plädieren deshalb für eine Neuauflage der Juniorprofessoren-Förderung. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht nicht nur Bund und Land am Zug, sondern auch die Hochschulleitungen. "Um den Arbeitsplatz Hochschule auf Dauer attraktiv zu machen, brauchen die Einrichtungen einen Kodex für gute Personalpolitik", erklärte der GEW-Hochschulexperte Andreas Keller Mitte Januar bei der diesjährigen kisswin-Tagung. Mit speziellen Überbrückungsfonds könnten Hochschulen die Beschäftigungslücken schließen, die Nachwuchsforscher auf Drittmittelstellen erdulden müssen. Derartige Fonds gibt es an der Uni Jena bereits. Im Haus für den wissenschaftlichen Nachwuchs richtet sie nun noch eine zentrale Anlaufstelle für Postdocs ein.
Die Jenaer Studie in Kürze
Datenerhebung: In der von der Universität Jena erstellten Studie "Analysen und Empfehlungen zur Situation von Postdoktoranden" sind nicht nur alle in Deutschland zum Thema erschienenen Studien ausgewertet. Das Papier fasst darüber hinaus die Ergebnisse einer eigenen Online-Befragung von 704 Postdocs an der Universität Jena zusammen. An ihr beteiligten sich 40,4 Prozent der Befragten.
Ergebnisse: Postdoktoranden, also promovierte Wissenschaftler auf dem Weg zur Professur, arbeiten häufig befristet mit kurzen Verträgen. Ihre Karriereperspektiven sind unsicher. Pläne zur Familiengründung werden deshalb nicht selten verschoben. Der Frauenanteil sinkt mit jeder Qualifizierungstufe. Die jungen Wissenschaftler sind zunehmend unzufrieden und fühlen sich schlecht betreut.
Empfehlungen: Hilfreich wäre der Studie zufolge ein Tenure Track, also die Möglichkeit, an der eigenen Hochschule berufen zu werden. Genannt werden aber auch Stipendien, familiengerechtere Arbeitsbedingungen, Frauenförderprogramme, Betreuungsangebote und Mentoring sowie Weiterbildungsprogramme.
Link: Die Studie im Internet
© duz
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