didacta: "Das Thema Missbrauch gehört ganz stark in die pädagogische Ausbildung"
Interview mit der ehemaligen Bundesfamilienministerin und Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Dr. Christine Bergmann
Mehr zu: Bildungsbotschafter, didacta - die Bildungsmesse, Interviews, Sexueller Missbrauch, Sonderthemen(red) Im Zuge der großen Missbrauchsskandale an der Odenwaldschule und dem Canisius-Kolleg war die ehemalige Bundesfamilienministerin Dr. Christine Bergmann im März 2010 von der Bundesregierung in das Amt der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs berufen worden. 18 Monate später beendete sie ihre offizielle Tätigkeit. In dieser Zeit erreichten sie rund 3 000 Briefe von Opfern, die sie alle gelesen hat. Rund 20 000 Anrufe gingen bei ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein. Der daraus entstandene Abschlussbericht ihrer Arbeit formuliert konkrete Forderungen an die Politik. Für ihr außergewöhnliches Engagement gegen den Missbrauch an Kindern wird Dr. Christine Bergmann als didacta Bildungsbotschafterin 2012 ausgezeichnet. Im Interview spricht Christine Bergmann über ihre Erwartungen an das Amt, ihre Begegnungen mit Opfern und ihre Forderungen an die Politik.
Frau Dr. Bergmann, Sie wurden im Jahr 210 Unabhängige Beauftragte für zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs. Wie kam es dazu?
Christine Bergmann: Das war im März 2010, als diese massiven Fälle von sexuellem Missbrauch in den Jesuitenkollegs und an der Odenwaldschule bekannt geworden sind und die Politik darauf mit dem runden Tisch reagierte. Das war offensichtlich nicht genug, es sollte noch eine unabhängige Beauftragte geben. Ich war gerade an der Ostsee beim Wandern als mich ein Anruf ereilte die Bundesfamilienministerin fragte, ob ich mir vorstellen könnte, das zu machen. Ich hab mich relativ schnell entschieden, ja zu sagen, weil ich dachte, jetzt ist die Zeit, in der man wirklich etwas bewegen kann und weil mir das Thema immer sehr am Herzen lag.
Was haben Sie in dieser Zeit erreicht?
Christine Bergmann: Das, was wir vor allen Dingen erreicht haben, war, das Thema in der Gesellschaft anders zu verankern. Und wenn ich sage ´wir`, dann meine ich das ganze Team. Erstmals ist es gelungen, den Betroffenen zu signalisieren: Hier gibt es eine Stelle, hier könnt ihr euch hinwenden, hier wird euch geglaubt. Das ist auch zurückgekommen von den Betroffenen. Viele haben zum ersten Mal darüber geredet, darunter waren 50-, 60Jährige - Menschen bis zum Alter von 86 Jahren. Das war eine ganz wichtige Phase, auch für uns: zu spüren, dass uns Vertrauen entgegengebracht wird. Dass wir sagen konnten: Sagt uns, was hat euch gefehlt, was sollen wir jetzt weitergeben an die Politik? Es hat es mir leichter gemacht, weil ich wusste, du hörst das jetzt nicht nur, du kannst auch etwas draus machen.
Und was haben Sie daraus gemacht?
Christine Bergmann: Das, was in den Empfehlungen steht, waren genau die Punkte, die die Betroffenen angesprochen haben: Anerkennung des Leids und der Notwendigkeit, Therapien und Beratung zu bekommen, und die der Auftrag, sich darum zu kümmern, dass es anderen nicht mehr passiert. Jetzt geht´s darum, diese Empfehlungen umzusetzen. Mein Nachfolger, davon bin ich überzeugt, wird das intensiv begleiten.
Sind sie denn überall auf Verständnis und Unterstützung gestoßen?
Christine Bergmann: Die Abwehr ist an vielen Stellen noch da, auch die Angst vor Imageverlust: ´Bei uns gibt es so was nicht. Wir sind doch eine ordentliche Einrichtung. Wir sind eine saubere Einrichtung.'Nein es gibt keinen Ort, keine Institution, keinen familiären Zusammenhang, von dem man sagen kann, dort kann das nicht passieren. Wo mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet wird, kann es passieren. Am besten ist, wir können es verhindern. Wenn wir es nicht verhindern können, müssen wir wenigstens schnell Hilfe schaffen.
Zum Beispiel in den Schulen?
Christine Bergmann: Schulen sind die Orte, wo alle Kinder hinkommen. Auch Kinder, die sexuelle Gewalt zu Hause erleben, die keine Hilfe kriegen, gehen in die Schule. Wir haben eine Erhebung durchführen lassen, die belegt, dass das meiste an Verdachtsfällen dadurch bekannt wird, dass Kinder sich Vertrauenspersonen in der Schule zu suchen. Das muss nicht die Vertrauenslehrerin sein, sondern einfach eine Person, zu der sie Vertrauen haben. Das heißt, wir sehen schon, ein offenes Klima in der Schule zu schaffen, mit Kindern darüber zu reden, sich dazu auch Unterstützung zu holen, Fortbildung zu holen, hilft unwahrscheinlich viel. Eine Mutter hat mir berichtet, dass ein Lehrerin in der Klasse ihres Sohnes - 2. Klasse Grundschule - mit Kindern über sexuelle Gewalt gesprochen hat, sehr altersgemäß. Und hinterher kam ein Mädchen zu ihr und sagte, ´Oh, das macht mein Opa immer mit mir`. Da sieht man wirklich, wie wichtig es ist, dass Kindern klar wird: Das, was sie nicht wollen, müssen sie auch nicht erleiden. Das ist das eine und zum anderen zeigt es eben auch, dass es nicht nur darum geht, wie die Mitarbeiter der Einrichtung aufgestellt sind, ist da alles in Ordnung, sondern: Habe ich auch einen Blick für diese Kinder? Und das ist ein Thema, was ganz stark in die pädagogische Ausbildung gehört, in die Fortbildung.
Eine wichtige Aufgabe für die Lehrerbildung?
Christine Bergmann: Das gehört da rein, ganz klar. Nicht nur im pädagogischen Bereich auch im medizinischen Bereich ist die Unkenntnis ziemlich weit verbreitet. Auch in anderen Fachbereichen ist Fortbildung notwendig. Ich denke schon, dass das Thema Fortbildung eins ist, das über die Kultusministerkonferenz noch stärker und mit mehr Verbindlichkeit weiter bearbeitet werden muss.
Sie haben 3000 Briefe von Betroffenen gelesen. Was hat Sie dabei besonders bewegt?
Christine Bergmann: Ganz schwer war die Tatsache auszuhalten, wie früh diese sexuelle Gewalt oft beginnt - im Kleinkindalter. Sich das vorzustellen übersteigt das, was man aushalten kann: Wie lange diese Gewalt, dieser Missbrauch anhält. Im familiären Bereich häufig so lange, wie die Kinder in diesem familiären Kontext sind. Und wie hilflos Kinder sind, wie wenig ihnen geglaubt wird. Auch wenn sie versucht haben, zu signalisieren: Hier ist etwas nicht in Ordnung, sind sie in der Regel doch eher dafür bestraft worden, als dass ihnen geholfen wurde. Das waren schon ganz schwierige Erfahrungen, der familiäre Bereich ist einer, der noch einmal in besonderer Weise hart war. Bei den Institutionen packt einen eher die Wut: Das hätten sie doch merken müssen! Und wenn sie es gemerkt haben, warum haben sie nicht gehandelt? Warum ist der Schutz der Institution so viel wichtiger als die Hilfe für die Opfer? Ich hoffe aber, dass die Gesellschaft in den letzten Monaten doch eine Menge gelernt hat, auch darüber, wie weitreichend die Folgen sind, wie lange sie anhalten. Damit Betroffene auch anders in der Gesellschaft damit umgehen, darüber reden und nicht stigmatisiert werden.
Dazu auf der didacta 2012
Ehrung der "Bildungsbotschafterin der didacta 2012", Dr. Christine Bergmann
17.02.2012
11:00 - 12:00 Uhr
Halle 23, Stand A22,
Forum didacta aktuell
ECHT KRASS! - Wo hört der Spaß auf?
Jugendliche und sexuelle Gewalt. Ein interaktiver Präventionsparcours für Schule und Jugendhilfe
14.02.2012 - 18.02.2012
Halle 16, Stand F52
Hochschule
Elixiere der Exzellenz
25.05.2012. (Deutsche Universitätszeitung) Sie sind die Zukunftshoffnung mancher Universitäten: die Institutes for Advanced Studies. Konzipiert als Kreativlabore der Spitzenforschung, leben einige von ihnen vom Geld der Exzellenzinitiative. Doch was wird, wenn diese Quelle im Jahr 2017 versiegt und der Bund ...Schule
Sitzen bleiben bringt nichts
25.05.2012. (red/ots) - In vielen Familien leuchtet in diesen Wochen die Alarmstufe Rot. Der Grund: Bald gibt es Zeugnisse - und bei manchen droht die "Ehrenrunde". Genau diese würde Klaus Wenzel gern abschaffen. Warum erklärt der Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes im Interview mit ...Sonderthemen
Inklusionsfilm heute im Ersten
23.05.2012. (red/pm) Nach seiner erfolgreichen Ausstrahlung im vergangenen Dezember auf BR-alpha wird der Film INKLUSION – GEMEINSAM ANDERS nun auch im Ersten gezeigt, und zwar heute um 20:15 Uhr. Paul (Max von der Groeben) ist ein sportlicher, aber geistig leicht zurückgebliebener Junge. Steffi (Paula ...- „Von 1965 bis 1975 gab es den Deutschen Bildungsrat. Dieser wurde von den Politikern aufgelöst, als er zu fortschrittlich wurde ....“
- MRotermund zu Nationaler Bildungsrat gefordert
- „Sprachstandsfeststellung? Ok! Aber doch nicht so!“
- Philsmom zu Sprachtests in NRW: Es geht nicht um die Kinder
Aktuelle Lernhilfen
|
Aktuelle Lernhilfen finden
ein Service von lernklick.de
|







Interviews -



Newsletter
Feedback