didacta: "Wir wollen die Ausbildungsqualität erhalten"
Interview mit dem Ministerialdirigenten im Bayerischen Kultusministerium, German Denneborg, zum Berufsgruppenkonzept
Mehr zu: Bayern, Berufsschule, didacta - die Bildungsmesse, Duale Ausbildung, Interviews, Berufliche Bildung(red) Womit die allgemein bildenden Schulen schon etwas länger zu kämpfen haben, das bekommen jetzt auch die Berufsschulen zu spüren: Der Schülerrückgang stellt sie vor große Probleme. Denn wenn es immer weniger Schüler gibt, wird schnell die Existenz einer Schule oder eines Schulzweigs infrage gestellt. Welche Lösung Bayern für dieses Problem parat hat, erklärt Ministerialdirigent German Denneborg im Interview.
Herr Denneborg, können Sie beziffern, wie stark der Schülerrückgang in den kommenden Jahren die Berufsschulen treffen wird?
German Denneborg: Wir rechnen zum Ende des Jahrzehnts mit einem Schülerrückgang von rund 25 % im Landesdurchschnitt in der Altersgruppe 16‐19. Es wird auch einen beinharten Verdrängungswettbewerb zwischen den Schularten geben, die für diese Altersgruppen relevant sind: Gymnasium gegen Fachoberschule und Berufsoberschule, die vollzeitschulischen beruflichen Ausbildungen gegen die klassische duale Ausbildung.
Und darauf reagiert Bayern nun mit einem eigenen Konzept, dem Berufsgruppenkonzept. Was steckt dahinter?
German Denneborg: Die Grundidee ist: Es gibt Berufe, die so viele Gemeinsamkeiten haben, dass man einen gewissen Teil schulisch gemeinsam ausbilden kann. Die Idealform ist etwa 60% gemeinsamer Unterricht und 40% getrennt, wo die fachlichen Unterschiede in den Ausbildungsberufen dies gebieten. Dadurch, dass der fachliche Unterricht im engeren Sinn in kleinen Gruppen erfolgt, der schulisch gesehen in der Regel höhere Anforderungen hat, als der allgemein bildende Unterricht, können die Schüler gerade dort, wo es besonders notwendig ist, intensiver gefördert werden.
Und wie sieht es mit den Prüfungen aus – gibt es auch dafür auch ein gemeinsames Konzept?
German Denneborg: Diese Auszubildenden, das ist ganz wichtig, werden nach wie vor ihren jeweiligen Schul‐ und Berufsabschuss machen, etwa bei der IHK oder bei der Handwerkskammer. Nur ein Beispiel: Wir planen bei den Ausbildungsberufen im Fleischereihandwerk gemeinsamen schulischen Besuch, aber die Fleischer bzw. der Verkäufer in diesem Beruf machen selbstverständlich getrennt ihre Abschlussprüfungen. Wir müssen die Brücke schlagen zwischen dem Erhalt des jeweiligen Ausbildungsberufs und einer anderen schulischen Organisation, um das schulische Angebot in der Fläche zu erhalten.
Werden nicht dennoch Berufsschulen geschlossen werden müssen?
German Denneborg: Es wird auf jeden Fall zu strukturellen Bereinigungen kommen. In Deutschland gibt es rund 350 Ausbildungsberufe, in Bayern unterrichten wir davon rund 250. Und davon werden knapp 100 Ausbildungsberufe jeweils nur an einer Berufsschule angeboten. Jeder bayerische Schüler, der einen solchen Beruf wählt, kann nur an einer bestimmten Schule lernen ‐ in aller Regel mit Block‐ und Wohnheimangebot. Ob zukünftig Standorte geschlossen werden, wird man sehen, aber es wird auf jeden Fall so sein, dass es einige der derzeit noch an verschiedenen Standorten angebotenen Berufsausbildungen künftig nicht mehr überall geben wird.
Sie sprachen von kleinen Klassen im Fachunterricht, bedeutet das auch, es werden dann mehr Lehrer benötigt?
German Denneborg: Angesichts des Schülerrückgangs glaube ich nicht, dass wir insgesamt mehr Lehrer brauchen. Aber wir werden auf keinen Fall die Zahl der Lehrer in dem Maße abbauen, wie wir weniger Schüler haben werden.
Wann wollen Sie mit diesem Konzept starten?
German Denneborg:Wir starten zum Schuljahr 2013/14 und arbeiten bereits fieberhaft an den neuen Lehrplänen. Vielleicht schaffen wir es sogar in einigen Berufen schon zum Schuljahr 2012.
Mit welchen Berufen beginnen Sie?
German Denneborg: Wir beginnen mit insgesamt sechs Berufsgruppen, drei gewerblichen und drei kaufmännischen.
Es wird also eher behutsam begonnen?
German Denneborg: Wir starten mit diesen Gruppen, um Vertrauen zu gewinnen. Es gibt zwei Bewährungsfaktoren. Der erste Faktor ist, dass uns die Ausbildungsbetriebe abnehmen, dass wir die Ausbildungsqualität erhalten und dass ihre Berufe bei diesem System nicht untergehen oder beschädigt werden. Und der zweite Faktor ist, dass bei den Abschlussprüfungen gezeigt werden kann, dass Schüler, die so ausgebildet sind, die gleichen Ergebnisse haben wie Schüler, die nach dem bisherigen System ausgebildet sind. Um diese beiden Nachweise anzutreten, machen wir jetzt den Versuch in den genannten Gruppen. Ich gehe davon aus, dass uns der Nachweis gelingen wird. Danach werden wir uns Stück für Stück weiterentwickeln. Es gibt sicherlich einige Berufe, die kaum zuordenbar sind, aber das möchte ich mir erst einmal im Einzelfall anschauen. Das Wichtigste: Uns liegt daran, dass sich an der Ausbildungsqualität nichts ändert.
Dazu auf der didacta 2012
Der demografischen Entwicklung trotzen - das "Berufsgruppenkonzept" , Ministerialdirigent German Denneborg
14.02.2012, 12:00 - 12:45 Uhr Halle 16, Stand G 14, Marktplatz Beruf ist Zukunft
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