didacta: "Berufsfindung ist ein sehr langfristiger Prozess"
Interview mit dem Vorsitzenden des Philologenverbands Heinz-Peter Meidinger über das Engagement der Gymnasien bei der Berufsfindung
Mehr zu: Berufsberatung, Berufsorientierung, didacta - die Bildungsmesse, Gymnasium, Schule(red) "Irgendwas mit Medien", "Was Solides ", "Was Kreatives" - viele Schülern haben auch am Ende ihrer Schullaufbahn noch recht verschwommene Berufsvorstellungen. Deshalb hält die Berufsorientierung unterdessen sogar Einzug in die Lehrpläne der Schule. Und es gibt Preise für Schulen, denen die Berufsorientierung ihrer Schüler besonders gut gelingt. Gymnasien haben in der Vergangenheit vorzugsweise über Studienmöglichkeiten und weniger über Berufsausbildungen informiert. Doch längst nicht alle Gymnasiasten studieren auch später. Wie es mit der Berufsorientierung in dieser Schulform aussieht, wollten wir vom Vorsitzenden des Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger, wissen.
Herr Meidinger, ist die Berufsorientierung überhaupt ein wichtiges Thema für das Gymnasium?
Heinz-Peter Meidinger: Natürlich ist die Berufsorientierung ein Thema, das auch im Gymnasium immer wichtiger wird. Wir wissen ja, dass nur knapp 70% der Abiturienten ein Studium aufnehmen und wir wissen, dass nach der 10. Klasse eine ganze Reihe Gymnasiasten mit der Mittleren Reife die Schule verlässt und in die Berufsausbildung geht. Das heißt, Berufsorientierung ist ein ganz entscheidendes Thema am Gymnasium. Dazu haben wir uns auch in den letzten Jahren Einiges einfallen lassen.
Und zwar?
Heinz-Peter Meidinger: In einigen Bundesländern sind im Zuge der Reform der Mittel- und Oberstufe die sogenannten studien- und berufsorientierenden Module aufgenommen worden. Das heißt, neben den Fächern, die dort gewählt werden können, gibt es beispielsweise in Bayern - aber ähnlich auch in anderen Bundesländern - eigene Lehrmodule, die an verschiedene Fächer angegliedert sind und in denen es speziell um Studien- und Berufsorientierung geht. Dabei werden dann auch Fahrten an Studieninformationstagen durchgeführt oder eben Berufsberater in die Schulen geholt.
Das heißt, Berufsorientierung findet in der Oberstufe statt?
Heinz-Peter Meidinger: Tatsächlich war die Berufsorientierung und Studienorientierung früher sehr stark fixiert auf die letzten beiden Jahre vor Abschluss des Gymnasiums, also früher die 12. und 13. Jahrgangsstufe, und jetzt die 11. und 12. Jahrgangsstufe. Wir wissen aber mittlerweile, dass Berufsfindung ein sehr langfristiger, sehr individueller Prozess ist, der im Grunde genommen bereits in der Mittelstufe einsetzt, und darauf müssen wir verstärkt reagieren. Es gibt Schulen, die sich jetzt auch für alle Schüler verpflichtend an Studien- und Berufsfindungstests beteiligen. Die sind teilweise übrigens nicht billig für den einzelnen Schüler. Da würden wir uns als Philologenverband wünschen, dass beispielsweise der GEVA-Test - das ist wohl der bekannteste - vom Staat finanziert werden würde.
Sie selbst sind Schulleiter eines Gymnasiums. Welchen Eindruck haben Sie denn von den Jugendlichen, sind sie gut über Beruf und Studium informiert?
Heinz-Peter Meidinger: Das lässt sich nicht eindeutig bejahen. Denn zum einen ist die Verunsicherung durch diese enorme Vervielfältigung von Studienfächern im Zuge der Bologna-Reform größer geworden. Und andererseits spielt die Verjüngung der Schüler eine Rolle. Sie machen jetzt schon teilweise mit 17 ½ Jahren Abitur und sollten da schon wissen, was sie machen werden. Wir haben gerade am Gymnasium immer schon das Problem gehabt, dass der Zeithorizont der Schüler erst einmal das Abitur war. Also, dass die Überlegungen dahin gehen: Wie und mit welchem Schnitt schaffe ich das Abitur? Und dann erst geht´s weiter. Wir müssen es an der Schule schaffen, dass sich die Jugendlichen frühzeitig mit ihrem Berufs - und Lebenszielen befassen.
Und das hat sich in den letzten Jahren geändert?
Heinz-Peter Meidinger: Wenn ich viele Berufsorientierungsangebote mache, heißt das noch lange nicht, dass die Schüler am Schluss genau wissen, was sie beruflich machen wollen. Es kann sogar der gegenteilige Effekt eintreten: Je mehr man weiß, was es gibt, desto unsicherer wird man in seiner Entscheidung. Ich glaube aber, dass Schulen mehr unternehmen können und müssen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die Einstellung richtig ist, "Die Schule informiert mich und dann ist alles in Ordnung". Die Schüler müssen sich schon selbst auf die Hinterbeine stellen und Entscheidungen treffen. Denn die Entscheidungsfindung können wir ihnen nicht abnehmen.
Also Sie meinen schon, die Gymnasien sind in Sachen Berufsorientierung eigentlich ganz gut aufgestellt?
Heinz-Peter Meidinger: Vor 20 Jahren hätten wohl viele Gymnasien gesagt: Wir bereiten auf ein Studium vor und vielleicht machen wir dann mal einen Studieninformationstag und damit hat sich die Sache - Berufsausbildung im klassischen Sinn, das hat mit uns nichts zu tun. Das hat sich stark gewandelt. Heute wird man nicht mehr erleben, dass Gymnasien sich auf den Standpunkt stellen, "Berufsorientierung hat bei uns keinen hohen Stellenwert".
Dazu auf der didacta 2012
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14.02.2012, 11:00 - 12:00
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