didacta: "Lehrer sind die wichtigsten Personen in der Schule"
Interview mit dem Leiter des "Projekts Bewegte, gesunde Schule", Schulleiter Hermann Städtler
Mehr zu: didacta - die Bildungsmesse, Gesundheit, Interviews, Lehrerarbeitszeit, Lehrerbildung, Niedersachsen, Unterrichtsgestaltung, SchuleVon wegen Halbtagsjob und Ferien satt: Laut Potsdamer Lehrerstudie ist der Alltag von rund 60 Prozent aller Lehrer durch einen hohen Anteil an Erschöpfung, Überforderung und Resignation gekennzeichnet. Und weniger als die Hälfte der Lehrer glaubt nach einer von der DAK in Auftrag gegebenen Studie, bis zum gesetzlichen Pensionsalter arbeiten zu können. Hermann Städtler ist seit mehr als 20 Jahren Schulleiter und berät als Leiter des Projekts "Bewegte, gesunde Schule Niedersachsen" viele Kollegien. Von ihm wollten wir wissen, was Lehrer belastet und was sich gegen diese Belastung tun lässt.
Herr Städtler, was macht Lehrer krank?
Hermann Städtler: Da sind zunächst einmal die Lehrkräfte, die in einem Beruf landen, für den sie nicht geeignet sind. Wenn ich mich in einem Beruf bewege, der nicht Berufung ist, wenn mir Vieles schwerfällt und mir zum Beispiel das lebenslange Lernen nicht zum Kinderspiel wird: Das ist schon mal ein entscheidender Krankmacher. Darüber hinaus beeinflussen viele oft hausgemachte Krankmacher das System Schule. Das beginnt beim liederlichen Umgang mit der eigenen und mit der Lebenszeit Anderer - zum Beispiel, wenn man die Zeit in langen nicht zielführend gestalteten Konferenzen verschludert. Ein weiteres Problem ist der geteilte Arbeitsplatz, vormittags im Unterricht in der Schule und nachmittags, abends und am Wochenende zu Hause. Diese Arbeitsplatzteilung belastet zunächst, weil die Lehrerarbeitszeit in der Außenwahrnehmung nur auf die Unterrichtszeit verkürzt als Halbtagsjob wahrgenommen wird und die restliche Zeit der Vor- und Nachbereitung, die Konferenzarbeit, die Elternarbeit, die Arbeit am Schulprogramm nicht gesehen wird. Lehrkräfte leiden wegen dieser unübersichtlichen Arbeitsplatzsituation eher unter dem Gefühl, nicht fertig zu werden. Es wäre anders, wenn wir unseren Arbeitsplatz in der Schule hätten und wir morgens um 8 Uhr beginnen und um 16.30 Uhr aufhören würden.
Fehlende Verbindlichkeit
Dann wären die meisten Lehrer schon zufriedener und gesünder?
Hermann Städtler: Das ist leider noch nicht alles. Dazu kommt noch die fehlende Verbindlichkeit in vielen Kollegien. Auch das macht krank. Wenn es einem Kollegium nicht gelingt, sich auf eine Entscheidung zu einigen oder eine Einigung im Alltag gemeinsam durchzuhalten. Also zwei ganz simple Beispiele: Dürfen Schneebälle geworfen werden, ja oder nein? Schafft es das Kollegium, das durchzuhalten? Oder störende Elterngespräche ohne Terminvereinbarung auf dem Weg zum Unterrichtsraum, obwohl das Kollegium sich darauf geeinigt hat, Elterngespräche nur nach Terminvergabe durchzuführen. Wenn sich zwei, drei Kollegen nicht daran halten, ist diese Vereinbarung quasi ausgehebelt. Aber ich bin leider noch nicht am Ende angelangt. Wenn es Lehrer nicht schaffen, sich ihrer eigenen Leistung und ihrer Erfolge selbst zu vergewissern, verpassen sie die Chance einer Rückmeldung über ihr berufliches Handeln. Dies führt zu Ohnmachtsgefühlen und zum Schwinden der Selbstwirksamkeitserfahrung. Deswegen müssen Schulen dazu übergehen, Erfolgserlebnisse zu planen. Sie müssen Ziele formulieren, verbunden mit der Klärung der Wege zur Zielerreichung und der geeigneten Zielüberprüfung. Das ist die einzige Chance, eine Antwort auf die Frage zu erhalten: Macht meine Arbeit Sinn? Das gilt sowohl für die Arbeit in der Klasse als auch im Kollegium. Und: Wie identifizieren Lehrer sich mit ihrer Schule? Sind sie stolz darauf, in dieser Schule zu arbeiten?
Der Rollenwechsel vom Privaten zum Professionellen
Lehrer müssen also ihre eigenen Rolle besser reflektieren?
Hermann Städtler: Lehrern ist oft nicht bewusst, dass sie die wichtigsten Personen in der Schule sind. Man denkt immer, die wichtigsten Personen wären die Schüler. Aber hier ist ein Umdenken nötig. Die wichtigsten Personen in der Schule sind die Lehrkräfte. Sie sind Führungspersonen, die mit ihrem authentischen und professionellen Handeln zu Orientierungspersonen für die Schüler werden. Sie haben die zentrale Aufgabe, für den haltenden Rahmen im Klassenverband und in der Schule zu sorgen. Und wenn Lehrern diese Aufgabe nicht klar ist, fühlen sie sich in ihrer Rolle auch nicht so wichtig. Die Schüler haben Anspruch darauf, dass ihre Lehrer Vorbilder sind. Das scheint ein wenig aus der Mode gekommen zu sein. Aber es ist ein Zeichen von Professionalität. Sobald ich beim Betreten gedanklich meinen "Arbeitskittel" anziehe weiß ich, dass alles, was ich in der Schule mache, gesehen wird und Folgen hat.
Welche Rolle spielt das Kollegium und das Zusammenspiel der Kollegen?
Hermann Städtler: Wir versäumen es, die vielen Ressourcen, die Lehrer haben, für die Steuerung von Schule zu nutzen. Die Ressourcen eines Kollegiums sind ein großer Schatz. Alle haben ihre Spezialitäten, alle ihre Stärken. Es kommt darauf an, diese Stärken aufeinander zu beziehen und sie somit zur Geltung zu bringen. Zum Beispiel die Stärke, zu organisieren. Die Stärke, Schülerinteressen im Blick zu behalten. Oder fachwissenschaftliche Stärken. Oder die Stärke, professionelle Entscheidungen zu treffen und im Team zu arbeiten.
Aber Lehrer entscheiden doch ständig: über Noten, in Zeugnis- oder Schulkonferenzen …
Hermann Städtler: Wie in Konferenzen Entscheidungen getroffen werden, ist nicht selten umständlich und im Blick auf die Umsetzbarkeit im Schulalltag problematisch. Wir erlauben uns zum Beispiel, bei Abstimmungen Enthaltungen zuzulassen. Ich finde das unprofessionell und denke, dass eine Lehrkraft, die es sich erlaubt, sich bei einer für Schüler wichtigen Frage zu enthalten, ihr Geld nicht verdient hat. Wer soll es denn sonst entscheiden? Wir müssen in unserer Rolle professionelle Entscheidungen treffen, damit Schule gelingt. Deswegen haben wir Enthaltungen in unserer Schule abgeschafft. Wir sagen, die größte Fehlentscheidung ist, keine Entscheidung zu treffen.
Ist die Schule klug organisiert?
Was lässt sich darüber hinaus gesundheitsfördernd in der Schule umsetzen?
Hermann Städtler: Wir brauchen ein an Stärken orientiertes Konzept und wir müssen uns vor dem Hintergrund steigender beruflichen Belastungen fragen, wie wir Widerstandsressourcen entwickeln können? Der Ansatz der Salutogenese macht Hoffnung. Er basiert auf einem sehr umfassenden Gesundheitsbegriff, der die Fähigkeit jedes Einzelnen zur Erhaltung und Stärkung seines Wohlbefindens beschreibt. Dabei geht es konkret um die Bildung Zuversichts – oder Kohärenzsinns, der sich aus drei Bausteinen speist. Erstens aus der Sinnhaftigkeit, also der Frage: Macht mein Beruf eigentlich Sinn? Wenn ich diese zentrale Frage nicht mit Ja beantworten kann, gelingt es kaum, Widerstandsressourcen gegen berufliche Belastungen mobilisieren und darüber krank werden. Zweitens ist es die Frage nach der Verstehbarkeit: Verstehe ich überhaupt meinen Beruf? Bin ich fachkompetent? Deckt sich meine berufliche Tätigkeit mit meinem Weltbild? Und die dritte Frage ist eine ganz, ganz wichtige, nämlich nach der Machbarkeit im Schulalltag. Ist das, was ich in der Schule machen will, überhaupt umsetzbar? Kriege ich das in meiner Schule hin? Ist die Schule klug organisiert und berücksichtigt die Stärken des Kollegiums? Wie ist meine Schule rhythmisiert? So, dass Anspannung und Entspannung sich die Waage halten oder nicht? Wenn wir uns dieser drei Bausteine immer wieder vergewissern - und wir an unserer Schule machen das einmal im Jahr - dann führt das dazu, dass wir die Widerstandsressourcen entwickeln können, die nötig sind, damit wir den Belastungen unseres Berufes gewachsen sind.
Das klingt ziemlich theoretisch, was bedeutet es praktisch?
Hermann Städtler: Man muss ganz konkret in die Schule hineindenken: Wie ist unsere Wertschätzungskultur? Gehen wir sorgfältig mit der der eigenen Lebenszeit um? Beginnen unsere Konferenzen pünktlich und haben sie einen zuverlässigen Schluss? Sorgen wir für Zielorientierung in der Schule? Haben wir ein Schulprogramm, das der Schule wirklich hilft? Oder ist es nur eine Hochglanzbroschüre mit vielen Seiten, die aber nicht den Lehrern hilft? Besser wären Schulprogramme, die sich auf das Wesentlichste beschränken. Solche funktionieren ähnlich gut wie eine Betriebsanleitung für eine Waschmaschine, in der die Waschprogramme beschrieben sind und Aussagen darüber getroffen werden, was bei Störungen zu unternehmen ist. Des weiteren wäre die Frage, ob eine Schule dafür gesorgt hat, dass Supervision regelmäßig stattfindet, damit psychische Stabilität und Professionalität bei Lehrkräften entsteht? Haben wir qualitativ gehaltvolle Fortbildungen, die die Professionalität und die Rollenklärung immer wieder ansprechen? Haben wir eine Steuerungsgruppe, die dafür sorgt, dass die Stärken des Kollegiums ins Spiel kommen, anstatt sie auszuschließen?
Schulen und Lehrer können also etwas ändern?
Hermann Städtler: Das Modell der Salutogenese macht wirklich Hoffnung. Weil es den Menschen deutlich mit seinen Stärken in den Mittelpunkt stellt. Jede Schule muss begreifen, dass sie eigenverantwortlich ist. Sie hat vor allen Dingen die Verantwortung für ihre Lehrkräfte, für ihre Schüler und für ihre Eltern. Und erst wenn ich das als Schule ernst nehme und begreife, fange ich auch an, für mich selbst zu sorgen. Selbstfürsorge zu betreiben im oft krankmachenden System Schule ist der Anfang, der erste wichtige professionelle Schritt. Das darf nicht verwechselt werden mit egoistischem Tun. Selbstfürsorge bedeutet auch, auf mein Kollegium zu schauen, damit alle gute Arbeits- und Entwicklungsmöglichkeiten haben. Aber wir kommen auch nicht daran vorbei, das Schulsystem insgesamt anzufassen, wenn wir mehr Gesundheit in die Schule bringen wollen. Allein die Unterschiedlichkeit der Bildungsgänge in den 16 Bundesländern ist unter dem Kriterium der Verstehbarkeit nicht hinzunehmen. Diese Vielfalt, die wir uns da erlauben, ist einfältig und belastet die Schülerinnen und Schüler, die Lehrkräfte und die Eltern gleichermaßen.
Was erwartet die Besucher Ihres Vortrags auf der didacta?
Hermann Städtler: Alle Teilnehmer sollten anschließend wissen, wie der nächste Schritt aussehen kann. Jeder Teilnehmer wird irgendeinen Schritt für sich entdecken und wissen: Da setze ich an. Also: Ab morgen gibt es bei uns keine Enthaltungen mehr. Oder Verlässlichkeit von Zeiten. Oder eine eindeutige Haltung aller Lehrer bei Erziehungsfragen. Das sind wichtige erste Schritte.
Dazu auf der didacta 2012
VBE-Lehrerforum zur Schulqualität und Lehrergesundheit "Wie bleibe ich trotz steigender Anforderung in meinem Beruf gesund?"
Hermann Städtler, Fridtjof-Nansen-Schule
15.02.2012 , 11:00 - 12:00 Uhr
Halle 16, Stand D30
Seminar und Lehrvorführung 'Bewegte Schule'
Hermann Städtler, Fridtjof-Nansen-Schule
14.02.2012, 11:00 - 12:00 und 12:00 - 13:00 Uhr
15.02.2012, 11:00 - 12:00 und 12:00 - 13:00 Uhr
16.02.2012 , 11:00 -12:00 und 12:00 - 13:00 Uhr
17.02.2012, 11:00 - 12:00 und 12:00 - 13:00 Uhr
Halle 15, Stand E14
Ich finde, die Schüler sind die wichtigeren "Personen" in Schulen.
Lehrer, zumindest die an Haupt- und Realschulen haben genug Freizeit und sollten sich mal nicht so anstellen. Es gibt dutzende von anstrengenderen, schlechterbezahlten und weniger sicheren Jobs. Die Lehrer meiner Schulzeit sind mir vorallem durch häufige Fehlzeiten und das abspulen ihres festgelegten Stoffs in Erinnerung geblieben. Ersteres zog dann willkommene Freistunden nach sich, war aber dem Lernprozess wenig förderlich.
Ich war auf einer Realschule in Bayern.
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