"Inklusion gelingt dann, wenn man sie will"
Interview mit Dr. Heidi Ottilia Niederstätter, Inspektorin beim Deutschen Schulamt in Bozen
Mehr zu: Handikap, Inklusion, Interviews, Schule(red) Eine Schule für alle - was in Deutschland gegenwärtig heftig diskutiert wird, ist in Italien längst Realität. Seit der Abschaffung der Sonderschulen vor 35 Jahren besuchen dort alle Kinder gemeinsam die Schule bis zum Ende der achten Klasse. Über die Erfahrungen, die Erfolge, aber auch über mögliche Probleme sprachen wir mit Dr. Heidi Ottilia Niederstätter. Sie ist Inspektorin beim Deutschen Schulamt in Bozen, Südtirol.
Frau Niederstätter, was zeichnet das Schulsystem in Italien und speziell in Südtirol aus?
Heidi Ottilia Niederstätter: Die Schulen sind bei uns verpflichtet, alle Kinder aufzunehmen und gute, individualisierte Lernbedingungen zu schaffen. Auf der Grundlage einer Funktionsdiagnose und -beschreibung wird für jedes Kind ein individueller Erziehungsplan erstellt, speziell ausgebildete Fachkräfte arbeiten eng mit Lehrkräften zusammen, um jedem Kind eine optimale Entwicklung im Schulverband zu ermöglichen.
Und wie gelingt diese Inklusion ganz praktisch – im Schulalltag?
Heidi Ottilia Niederstätter: Inklusion gelingt dann, wenn man sie will. Das ist die Prämisse. Man muss die entsprechende Überzeugung und Haltung haben und die Inklusion auch umsetzen wollen. Natürlich braucht es dazu Rahmenbedingungen.
Und die sind?
Heidi Ottilia Niederstätter: Es braucht vor allen Dingen eine andere Lehrerausbildung, es braucht natürlich zusätzliches Personal in den Schulen, es braucht das Nichtüberschreiten einer bestimmten Klassengröße und es braucht vor allem andere Unterrichtsmethoden. Unterrichtsmethoden, die die Unterschiede in der Lernfähigkeit und im Lerntempo von Kindern berücksichtigen. Es gibt diese Methodenvielfalt längst, man weiß also, wie es gehen kann.
"Schule ist nie problemlos"
Es gibt also keine Probleme?
Heidi Ottilia Niederstätter: Schule ist, wie auch immer sie gestaltet ist, nie problemlos. Das Aufwachsen von Kindern ist nie problemlos und die Herausforderung an jede Erziehung und jede Bildung ist, mit den Gegebenheiten zurechtzukommen. Dafür braucht man qualifiziertes Personal - aber das ist nicht alles. Ich sage es noch einmal: Es braucht den Willen, es zu tun, das ist die Hauptvoraussetzung. Ich kann als Pädagogin hervorragend ausgebildet, spezialisiert und weitergebildet sein, wenn ich nicht zutiefst überzeugt bin, dass das ein anzustrebendes Modell ist, dann nützt mir dies alles nichts. Es ist also primär eine Haltungsfrage.
Und wie ist diese Haltung in Italien entstanden?
Heidi Ottilia Niederstätter: Bei uns ist das vor 35 Jahren im Zuge einer anderen Sicht auf die psychisch Kranken passiert, mit der Abschaffung der Nervenheilanstalten. Diese Gesetzgebung kam damals ziemlich rasch - quasi von heute auf morgen. Wir müssen uns mitunter ziemlich plötzlich auf neue Gesetzgebungen einstellen. Aber das ist vielleicht nicht unbedingt ein Nachteil. Wenn man stattdessen so lange an den Rahmenbedingungen arbeitet, bis sie stimmen, dann ändert sich wenig. Denn die Rahmenbedingungen stimmen im Grunde nie. Unser Schulsystem ist nichts anderes als die Anerkennung der Tatsache, dass die Gesellschaft Unterschiede hervorbringt. Und dass es sehr wohl die Verpflichtung eines Staates ist, die Hindernisse, die bestimmten Leuten in den Weg gelegt werden, auszuräumen. Damit meine ich nicht nur die architektonischen Barrieren - das ist das Mindeste - es sind in erster Linie die Barrieren im Kopf.
Das deutsche Schulsystem sah aber bislang das Sonderschulsystem als bestens geeignet, die Hindernisse wegzuräumen, und die Kinder zu fördern …
Heidi Ottilia Niederstätter: Förderung ist ja nicht nur das Beibringen von Kulturtechniken, sondern Förderung bezieht sich auch auf das Emotionale und auf die Beziehung der behinderten Kindern zu allen anderen Kindern, mit denen sie in der Nachbarschaft aufwachsen. Sie sind ein Teil des Ganzen und als solchen wollen wir sie heranwachsen lassen. Die Förderung betrifft auch das soziale Lernen und das gelingt in einer Gemeinschaft besser als unter Gleichen. Ein Beispiel: Meine Vorgängerin hat jetzt in Deutschland vorübergehend in einer Schule für verhaltensauffällige Kinder unterrichtet. Sie sagt, niemals war sie von unserem System so überzeugt wie jetzt, wo sie sieht, zu welch unerträglichen Situationen es führt, alle Verhaltensauffälligen an einem Ort zusammenzufassen. Wir haben diese Kinder verteilt, da gibt es vielleicht einen verhaltensauffälligen Schüler in der Klasse. Die Häufung können wir uns schlecht vorstellen. Das ist keine Kritik an Ihrem System, die maße ich mir nicht an. Ich sage nur, dass wir uns nicht vorstellen können, wir kämen zu besseren Ergebnissen, wenn wir alle Schwierigkeiten zusammenfassen würden.
"Es steht und fällt mit guten Pädagogen"
Alle Beteiligten sind also von diesem Schulsystem überzeugt?
Heidi Ottilia Niederstätter: Weder die Elternverbände noch die Lehrerschaft noch die Schulbehörde - wer auch immer: Ich kenne niemanden, der sagt "Wir brauchen ein anderes System". Wir haben jetzt eine lange Tradition, es gibt die Einsicht und die Überzeugung, dass es gut ist. Das heißt aber nicht, dass es nicht immer wieder zu lösende Dinge gäbe. Zum Beispiel: Was ist, wenn die Schule endet, funktioniert die Integration in der Arbeitswelt so wie die Integration im Bildungswesen? Es gibt noch eine Reihe von Problemen zu lösen. Ich will nicht behaupten, dass wir jetzt das Spitzensystem entwickelt haben. Es ist ständig verbesserungsbedürftig, wir arbeiten immer daran. Und es steht und fällt natürlich mit guten Pädagogen. Wie jede Schule.
Das setzt eine gute Ausbildung voraus. Wie sind die Lehrer qualifiziert?
Heidi Ottilia Niederstätter: Wir haben den Integrationslehrer, das ist ein Lehrer mit einem Fachstudium und einer Zusatzausbildung, einer mehrjährigen Spezialisierung zu Themen der Integration. Dieser Lehrer wird immer dann zugewiesen, wenn es Schüler mit Behinderungen gibt. Aber: Er ist nicht einzig und allein für diese Schüler zuständig, sondern für die ganze Klasse. Er kann also auch den Unterricht für die ganze Klasse übernehmen.
"Kinder verstehen, dass es gerecht ist, Unterschiedliches zu verlangen
Kritiker behaupten, viele Probleme würden ausgelagert, weil die Kinder außerhalb der Schule zu Spezialisten geschickt würden. Und dies sei dann keine Inklusion mehr.
Heidi Ottilia Niederstätter: Natürlich gehen die Kinder bei uns zur Abklärung zu den Fachleuten, denn die Diagnostik liegt beim psychologischen Dienst. Das Feststellungsverfahren liegt nicht bei der Schule. Auch Therapien nehmen die Kinder außerhalb wahr und werden zum Teil auch von der Schule dorthin begleitet. Wir wenden uns natürlich an die Ärzte, wenn es um psychiatrische Erkrankungen geht. Die Schule hat dann Kontakt mit den Diagnostikern und mit den Therapeuten. Sie lässt sich von ihnen beraten, was für die einzelnen Schüler gebraucht wird. Innerhalb dieses Systems der Schule für alle behandeln wir die Kinder natürlich unterschiedlich, was denn sonst? Das ist die Prämisse, dass ich bereit bin, individuell nach den Fähigkeiten eines Kindes zu handeln. Wir erstellen individuelle Erziehungspläne, in denen nicht nur das, was jedes Kind vermutlich leisten kann, beschrieben ist, sondern auch, welche Maßnahmen ergriffen werden. Und es wird individuell bewertet. Gerechtigkeit bedeutet ja, dass wir von den Unterschieden ausgehen, die da sind. Es ist auch für die anderen Kinder nicht schwierig, zu verstehen, dass es gerecht ist, Unterschiedliches zu verlangen. Denn der Versuch einer Gleichmacherei wäre ja die größte Ungerechtigkeit und würde den Unterschied nicht anerkennen, von dem wir ja ausgehen.
Weitere Informationen: Deutsches Schulamt Südtirol
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Frau Niederstätter spricht von notwendigen Voraussetzungen, ohne diese zu quantifizieren. Es wäre interessant zu erfahren, ob die deutschen Voraussetzungen mit den italienischen vergleichbar sind. Momentanhöre ich von aktiven Lehrern, dass Rollstuhlfahrer an der Schule aufgenommen werden, die Infrastruktur bis auf einen Aufzug aber fehlt. Nun ist dieser gerade defekt und die Stadt hat kein Geld, ihn reparieren zu lassen.
Außerdem fühlen sich die Lehrer im Stich gelassen, weil es keine Fortbildungen gibt. Sie wissen nicht, wie man mit aggressiven Kindern umgeht und halten die Klassengröße für die Integration dieser Kinder für zu groß.
Aus meiner Sicht ist es notwendig, diese Klagen ernst zu nehmen und eine unabhängige Evalution einzuleiten.
Ich kenne aus meinen Zeiten als Lehrer Fortbildungskurse. Man kann sie mehr oder weniger vergessen.
Mit aggressiven Schülern umzugehen ist immer eine heikle Sache, die vor allem Fingerspitzengefühl erfordert und nicht irgendwelche wohlklingenden Tipps am grünen Tisch.
Äußerliche Voraussetzungen für die Inklusion wie intakte Aufzüge sind wohl noch am ehesten zu schaffen. Viel schlimmer ist die Überforderung von Lehrern und Mitschülern durch Kinder, die sich nicht anpassen können, die für Lärm und Unruhe sorgen oder auch auf kleinste Reize aggressiv reagieren. Auch die sehr unterschiedlichen Lern- und Leistungsfähigkeiten der Kinder stelle ich mir schwierig vor. Da braucht es mehr als nur Fortbildungskurse, um damit zufriedenstellend fertig zu werden. Ich kann mir das Ganze zwar als Theorie vorstellen, nicht aber in der Realität. Schön denken, reden und handeln ist in der theoretischen Pädagogik immer ein Kinderspiel, nicht aber in der praktischen. Auch in Fortbildungskursen hört sich vieles einleuchtend an, bis man in der Praxis merkt, dass es nichts taugt.
Heidi Niederstätter repräsentiert für mich mit dem Südtirol das Gegenteil von dem, was ich in der Integrationspädagogik immer wieder als "Flickwerk" erlebe, das es nicht bringen kann. Im letzten Dezember war ich mit den europäischen kritischen Freunden/innen Gesundheitsfördernder Schulen für drei Tage im Südtirol auf Schulbesuch und sehr beeindruckt. Speziell beispielhaft finde ich, wie im Südtirol von Anfang an eindeutig und klar auf Inklusion umgestellt worden ist (ein bisschen schwanger sein geht nicht!).
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