bildungsklick.de - macht Bildung zum Thema bildungsklick.de
home
Artikel

Lehrer brauchen Zeitmanagement

didacta 2012 Themendienst: Interview mit der Anti-Stress-Trainerin Dr. Dagmar Rohnstock

07.02.2012 

(red) Lehrer haben einen klar strukturierten Arbeitsalltag: 45-Minuten-Rhythmus, 5-Tage-Woche und außerdem verordnete Ferienzeiten. Sie brauchen also - anders etwa als Freiberufler oder Selbstständige - kein Zeitmanagement. Stimmt nicht, sagt die Anti-Stress-Trainerin Dr. Dagmar Rohnstock. Im Interview erklärt sie, warum.

Frau Rohnstock, Sie bieten Kurse an, in denen Lehrer lernen, ihre Zeit zu managen. Warum brauchen denn Lehrer ein besonderes Zeitmanagement?

Dagmar Rohnstock: Im Gegensatz zum vorstrukturierten Unterrichtsalltag, der leider keine Gleitzeit und andere Freiheitsgrade ermöglicht, ist der meist ebenso umfangreiche Vor- und Nachbereitungsaufwand zeitlich frei zu strukturieren. Aber die hohen Unterrichtsbelastungen auf Hochleistungsniveau ohne nennenswerte Pausen gepaart mit zunehmenden Gesprächszeiten machen oft allein schon eine Ganztagesbeanspruchung aus. So fehlt es schlicht an Zeit und Kraft für die notwendigen Vorbereitungen und Korrekturen unter der Woche, sodass für über 80 Prozent der Lehrerschaft Wochenendarbeit angesagt ist. Will ein Lehrer nun die vielfältigen Anforderungen seines Berufes in Einklang mit seinem privaten Umfeld und dem unbestreitbar hohen Regenerationsbedarf bringen, braucht er sehr ausgeklügelte, ökonomische Zeitmanagementstrukturen, um alles wirklich im Griff zu behalten. Schnell geht der Überblick über die Unterrichtsplanungen, die Klausurvorbereitungen und die Klassenreisenabrechnung zwischen dem Kieferorthopädentermin der Jüngsten und der Geburtstagseinladung von Oma verloren. Neben klaren Trennlinien zwischen Arbeit und Freizeit, die das Gewissen entlasten, braucht es also ein wirklich realistisches und vorausschauendes Abschätzen der eigenen Möglichkeiten. Das steht und fällt mit einem angemessenen Zeitmanagementinstrumentarium.

Vorausschauend planen

Wie sieht eine effektive Zeitgestaltung aus?

Dagmar Rohnstock: Jeder von uns hat typenabhängige Toparbeitszeiten, die viermal so effektiv genutzt werden können gegenüber Zeiträumen, in denen unser Körper auf Erholung umschaltet. Bleiben Lehrer trotz der Schulalltagshektik achtsam für diese Eigenrhythmen und nutzen sie weitestgehend aus, können sonst viele unnötig verbrauchte Energien eingespart werden. Das ist von hoher Bedeutung, bedenkt man, dass Lehrer sich nicht nur nach Unterrichtstagen erschöpft fühlen, sondern dass ihre Dauerbelastung langfristig zu den höchsten Ausbrennraten deutschlandweit führen. Diese über eine angemessene Rhythmik zwischen Belastung und Erholung zu erzielenden positiven Effekte kommen jedoch nur dann voll zum Tragen, wenn Lehrer vorausschauend planen.

Um beispielsweise die typischen Arbeitsstaus vor den Zeugnissen zu vermeiden, gilt es, das Arbeitsaufkommen von vornherein über längere Zeiträume gleichmäßig, aber limitiert zu verteilen. So lassen sich selbst besonders zeitraubende Korrekturen verkraftbar erledigen. Mit diesem vorausschauenden Blocken von Arbeitszeit können zudem sogenannte Qualitätszeiten festgelegt werden, die dann für gesicherte Unterrichtseinheiten über das Jahr hinweg sorgen oder auch so notwendige Weiterbildungsprojekte erst ermöglichen. Das langfristige Absichern des Wesentlichen schützt gut vor der Dringlichkeitsfalle, damit ist das zumeist stressreiche, beschleunigte Arbeiten von Tag zu Tag gemeint. Diese Qualitätszeiten sollten jedoch nicht nur grundlegend für ein strukturiertes Arbeitsverhalten sein, sondern genauso entscheidend für das Absichern ausreichender Erholungszeiten. Legt man diese nämlich von vornherein als festen, unverrückbaren Teil der Wochenplanung fest, steigen die Chancen enorm, dass wenigstens ein Teil von ihnen tatsächlich eingehalten wird. Denn die ausreichende Regeneration ist letztlich die Grundlage eines langfristig befriedigenden und gesunden Berufslebens.

Mut zur Lücke

Wie lässt sich dies erlernen - gibt es ein Rezept ... oder ein paar einfache Tricks?

Dagmar Rohnstock: Statt einfacher Tricks möchte ich lieber eine grundsätzliche Haltung vorschlagen, die die täglichen Entscheidungen über ihre Lehrerzeit bestimmen sollte. Unterrichten ist ein ganzheitlicher Prozess, der mit dem systemischen Blick nicht nur von einer guten Vorbereitung und günstigen Einstellung der Schüler abhängt, sondern wesentlich mitbestimmt wird von der Verfassung des Lehrers. Leitet ein ausgeruhter, motivierter und flexibler Lehrer das Lerngeschäft, dann gehen weit wertvollere Lernimpulse von ihm aus als von einem gestressten Kollegen. So sollte der Zeitmanagementblick nicht nur auf eine perfekt vorbereitete Planung gerichtet sein - getragen von einem hohen Verantwortungsbewusstsein für die Schüler -, sondern auch von der genauso wichtigen Verantwortung gegenüber sich selbst und seiner eigenen Gesundheit. Nur so kann auf Dauer ein ausgewogeneres (Zeit-)Verhältnis von engagiertem Arbeitseinsatz für Schule zur eigenen Regeneration sowie der Pflege der privaten Netzwerke entstehen. Denn durch die hohe Verausgabungstendenz einer engagierten Lehrerschaft in Deutschland - begünstigt über ein schlechtes Gewissen gegenüber eigenen Erholungstendenzen - wird die Burn-out-Rate dieser Berufssparte nachweislich wesentlich gefördert. Um dem Lehrerjob dennoch gerecht werden zu können, bedarf es also eines viel ökonomischeren Blickes auf die zu erledigenden Aufgaben, die Lehrern in einem immer längeren Arbeitsleben aufgebürdet werden. Das erfordert nicht selten den "Mut zur Lücke", der sicher auch schmerzlich sein kann, aber nicht so schmerzlich sein wird wie schwerwiegende Einbußen der eigenen Gesundheit mit den entsprechenden Folgekosten für alle.

Begleitender Lernmoderator

Was sind die Ergebnisse, die Auswirkungen?

Dagmar Rohnstock: Nimmt also ein Lehrer seine Unterrichtsaufgaben und den dauerhaften Erhalt seiner Gesundheit ernst, dann heißt das, Prioritäten zu bestimmen und ökonomische Aspekte mehr in den Blick zu nehmen. Arbeitsprioritäten bestimmen könnte konkret bedeuten, sich verstärkt auf das Kerngeschäft des Unterrichtens unter dem Aspekt des selbst geleiteten Arbeitens der Schüler zu konzentrieren. Sicherlich auf Kosten einer zunächst längeren Vorbereitung könnte dadurch nämlich eine stark entlastende Wandlung der Lehrerrolle hin zum begleitenden Lernmoderator gegenüber dem frontalen Alleskönner erfolgen. Dieser Prozess könnte durch sich stützende Lehrertandems oder Teams eine weitere Stabilisierung erfahren. Unter diesem Blickwinkel hieße das aber andererseits sich von lieb gewonnenen Nebenaufgaben zeitweise zu entlasten, seien es nun aufwendige Projekte, Klassenfahrten, Sammlungsaufgaben etc.

Aus meiner Sicht wird es auch notwendig sein, sich gegen überfordernde Zusatzaufgaben in möglichst solidarischer Weise zur Wehr zu setzen. Denn die höchste berufliche Ausbrennrate einer ganzen Berufsgruppe schon seit über zehn Jahren kann nicht allein an individuellen Fehlern festgemacht werden. Sie hat sicher auch viele strukturelle Ursachen, die gemeinschaftlich angegangen werden müssen, will man den Lehrerberuf in Deutschland insgesamt gesunden lassen. Neben diesen grundlegenden Prioritätensetzungen bedarf es zusätzlich noch beim jeweiligen In-Angriff-Nehmen von Lehreraufgaben einer kritischen Aufwand-Nutzen-Analyse, will man entscheidende Zeitgewinne erzielen.

Viele Unterrichtsentwürfe oder eingesetzte Medien sind schon dann gut verwendbar, wenn sie grob erarbeitet sind. Enorme Zeitverluste entstehen nämlich dann, wenn sich das Augenmerk an Details festhängt. Es macht zwar oft viel Spaß, einen Arbeitsbogen bis ins Kleinste auszugestalten, aber hinterher fehlt die Zeit für die weiteren anstehenden Stunden oder schon lange anliegenden Korrekturen. Gerade die frei einzuteilende Arbeitszeit außer Haus ist anfällig für solche Detailfuchserei, verhilft sie doch dazu, nicht die schwierigen und ungeliebten Tätigkeiten in Angriff nehmen zu müssen. Hier hilft nur eine klare Vorstrukturierung, die diesen verständlichen, aber Energie raubenden Tendenzen entgegenwirkt.

Zeitmanagement für Schüler

Können Lehrer dieses Wissen auch an ihre Schüler weitergeben?

Dagmar Rohnstock: Das sollten Sie unbedingt tun. Fragen der Effektivität und Ökonomie, aber auch der Lebensbalance sind Grundlage jeden Lernens und Arbeitens. Davon können Schüler sowohl für ihre Schulaufgaben als auch später für die steigenden Studien- oder Berufsanforderungen profitieren. Grundlegend ist dabei das Wissen über ein effektives Arbeitssetting, egal in welchem Zusammenhang. Ein Lernen unterbrochen durch rechtzeitige Kurzpausen zum Durchatmen gekoppelt mit dem Setzen längerer Pauseneinheiten vor allem in schlechten Konzentrationszeiträumen (meist um das Mittagstief herum) ist weitaus effektiver als ununterbrochenes, krampfhaft durchgezogenes Lernen. Weiter sind Fragen zum Einteilen von Lerneinheiten über längere Zeiträume hinweg sicher ein wichtiges Zeitmanagementelement, das die Vorbereitung auf umfangreichere Klausuren erheblich unterstützt. Neben diesen mehr lernstrategischen Kenntnissen gehört zu einem übergreifenden Zeitmanagementwissen unbedingt das Finden einer befriedigenden Lebensbalance. Dazu zählen ausreichende Ruhephasen (Schlaf) und Bewegung für einen heranwachsenden Körper genauso wie Begegnungszeiten mit Gleichaltrigen (nicht nur über das Internet und Handy) sowie sinnstiftende und künstlerische Tätigkeiten. Diese Aspekte - schon zu Schülerzeiten grundgelegt - können einen gesunden und produktiven Umgang mit Lebenszeit nachhaltig fördern.

Zur Person

Dr. phil. Dagmar Rohnstock ist Anti-Stress-Trainerin, Mediatorin, Lehrerin und Heilpraktikerin.

Dazu auf der didacta 2012/

14.-18.02.2012
VBE-Lehrerforum zur Schulqualität und Lehrergesundheit mit verschiedenen Vorträgen
Halle 16, Stand D30

Stressabbau im Unterricht
Dr. Heinz Klippert, EFWI
16.02.2012, 15:00 - 16:00 Uhr
Halle 16, Stand E36, Forum Unterrichtspraxis

Schulreformen: Dauerstress für Lehrkräfte
Podiumsdiskussion mit Manfred Busch, GEW Niedersachsen; Gitta Franke-Zöllmer, VBE Niedersachsen; Karl-Heinz Klare, MdL; Prof. em. Dr. Bernhard Sieland; Leuphana Universität Lüneburg; Moderation: Katja Irle, Frankfurter Rundschau
18.02.2012, 12:30 - 13:45 Uhr
Halle 16, Stand E24, Forum Bildung

Zeit- und Selbstmanagement für Lehrende - Den Lehreralltag effektiv und entspannt meistern
Dr. Dagmar Rohnstock
18.02.2012, 14:00 - 15:00
Halle 16, Stand E36 Forum Unterrichtspraxis

Weiter auf bildungsklick.de
Mehr zu
MELDUNGEN AUS DEN RESSORTS
Hochschule

» Elixiere der Exzellenz

» Weniger Gast­hörer an deutschen Hoch­schulen

» Hoher Studienabbruch in MINT-Fächern

Schule

» Sitzen bleiben bringt nichts - Lehrerverbandschef Klaus Wenzel über die fragwürdige "Ehrenrunde"

» „Inklusion gelingt dann, wenn man sie will“ - Interview mit Dr. Heidi Ottilia Niederstätter, Inspektorin beim Deutschen Schulamt in Bozen

» Health Nurses - ein Modell für Deutschland?

Sonderthemen

» Inklusionsfilm heute im Ersten

» Nationaler Bildungsrat gefordert - Grundstruktur des Schulsystems für alle Bundesländer soll definiert werden

» BAföG online - Datenschutzbedenken

Impressum