Unter dem Motto "Weltsprache Bildung" beteiligt sich das Goethe-Institut an der größten Bildungsfachmesse in Europa, der didacta in Hannover. Im Interview spricht Dr. Matthias Makowski, Leiter der Abteilung Sprache des Goethe-Instituts, über multimedial vernetztes Lernen und Lehren im Zeitalter von Apps und Serious Games.
E-Learning ist in aller Munde: Was macht das Goethe-Institut auf diesem Gebiet?
Matthias Makowski: Das Goethe-Institut hat Elemente des Online-Lernens bereits seit einigen Jahren erfolgreich als festen Bestandteil in sein gesamtes Sprachkursangebot integriert und baut Varianten dieser hybriden Lernangebote auch kontinuierlich aus – zugeschnitten auf die individuellen Bedürfnisse der Lerner und die regionalen Besonderheiten in unserem weltweiten Netzwerk.
2012 pilotiert es beispielsweise sein neues Fortbildungsangebot Deutsch Lehren Lernen; das als Blended-Learning-Variante angeboten wird und ab März wird es eine Online-Fortbildung zum Einsatz von Interaktiven Whiteboards im Fremdsprachenunterricht geben. Zudem betreibt es bereits seit vielen Jahren erfolgreiche Fernstudienangebote zur Lehrerfortbildung, die sich immer stärker zu rein digitalen Angeboten entwickeln.
Gehört das Goethe-Institut damit zu den Vorreitern auf diesem Gebiet oder hinkt es der internationalen Konkurrenz noch hinterher?
Matthias Makowski: Die Philosophie des Goethe-Instituts ist es, seinen Kunden Produkte von höchster Qualität anzubieten. Es geht nicht darum kurzlebige "Toolshows" zu veranstalten, sondern methodisch-didaktisch fundiert mit neuen Instrumenten mediengestützten Lernen und Lehrens umzugehen. Das Goethe-Institut gehört zwar nicht zu den allerersten Einrichtungen, die Interaktive Whiteboards eingeführt haben. Es ist aber Vorreiter darin, sie mit speziell entwickelten Fortbildungen zu flankieren und so methodisch-didaktisch fundiert zum Einsatz zu bringen.
Eine ähnliche Vorreiterrolle hat es auch bei der Entwicklung eines "Serious Game" für Deutschlerner. Das Goethe-Institut hat diese Form erstmals für Deutschlerner gestaltet und dabei nicht nur eine Lernapplikation, sondern auch ein tatsächliches Spiel, "Das Geheimnis der Himmelsscheibe", entwickelt.
Können Sie uns Beispiele für den Einsatz digitaler Medien im internationalen Kontext nennen?
Matthias Makowski: In Südostasien zum Beispiel ist es auf den höheren Niveaustufen oft schwierig, an vielen Einzelstandorten Sprachkurse anzubieten. Deshalb haben wir nun internationale E-Learning-Kurse im Angebot, die es den Deutschlernern ermöglichen viel schneller einen Kurs belegen zu können.
Welche Vorteile hat der Online-Unterricht im Vergleich zum Unterricht im Klassenzimmer?
Matthias Makowski: Diese Unterrichtsformen werden am Goethe-Institut nicht als Gegensätze bewertet, sondern in Zeiten des hybriden Sprachenlernens als sich ergänzende Elemente genutzt. Digitale Kurse ermöglichen es, flexibler auf Kundenwünsche zu reagieren und damit die Lernenden und ihre Bedürfnisse besser zu bedienen. In einem kürzlich erstmals durchgeführten Deutschkurs für medizinisches Personal aus Spanien und Portugal wurden im Präsenzunterricht die grundlegenden Sprachkenntnisse gelehrt, während Online-Elemente gleichzeitig die medizinische Fachsprache vermittelten – so vermochten die Schülerinnen und Schüler schneller mehr zu lernen.
Die Kombination von Präsenzangeboten und plattformgestützten Fernlernelementen ermöglicht darüber hinaus eine bessere Binnendifferenzierung im Unterricht, eine gesteigerte Lerner-Motivation sowie vielfältigere Möglichkeiten des lernerzentrierten Unterrichts. Durch Online-Plattformen haben Lernende und Lehrende zudem weltweit viel bessere Vernetzungsmöglichkeiten und einen sehr schnellen, aktuellen Zugang zum Zielland Deutschland.
Und wo liegen seine Grenzen?
Matthias Makowski: Auch wenn synchrone Online-Lerneinheiten mittlerweile immer besser werden – die Fertigkeit Sprechen kann in Präsenzphasen immer noch am besten geübt werden.
Können Sie schon sagen, in welchen Ländern die E-Learning-Angebote des Goethe-Instituts besonders gut angenommen werden?
Matthias Makowski: Es gibt ein steigendes Interesse in China und Russland, in Südasien und Mittelosteuropa, aber auch in den USA und Spanien sind wir mit unseren Fernkursangeboten sehr erfolgreich. Ein guter Absatzmarkt für unsere reinen E-Learning Kurse ist beispielsweise auch die Schweiz.
Wird das Goethe-Institut dort bald keine Lehrer mehr brauchen?
Matthias Makowski: Mediengestütztes Lernen heißt nicht "Selbstlernen". Auch Online-Kurse müssen tutoriert werden. Deshalb wird das Goethe-Institut auch in diesen Regionen weiterhin Lehrkräfte benötigen. Zudem sprechen wir mit E-Learning-Angeboten oft andere Zielgruppen an als mit den Präsenzkursen.
Inwiefern verändert Lernen in digitalen Communities den Fremdsprachenerwerb?
Matthias Makowski: Wenn sich Lerner in "Sprachlern-Communities" individuell vernetzen, handelt es sich nicht um gesteuertes Lernen, sondern um Sprechanlässe. Die Lernenden haben die Möglichkeit, die Zielsprache in einer echten Gesprächssituation anzuwenden. Das ist ausgesprochen wichtig für die Motivation der Lernenden und verbessert durch Sprachpraxis ihre Kenntnisse. Ab September 2012 wird das auch am Goethe-Institut möglich sein.
Je stärker solche Communities in den formalen Unterricht eingebunden werden, verändern sie auch den gelenkten Unterricht. Auch hier handelt es sich um eine "Hybridisierung" – in diesem Fall einer zunehmenden Vermischung von Freizeit- und Lernverhalten.
Welche Rolle spielen Social Media für das Goethe-Institut?
Matthias Makowski: Social Media spielen eine immer größere Rolle: Als Kommunikationsinstrument mit den Deutschlernern dieser Welt, als Zugang zu Deutschland und zur Vernetzung von Lernern und Lehrern.
Mit seinem internationalen Netzwerk verfügt das Goethe-Institut über langjährige Erfahrungen mit Bildungssystemen weltweit. Wie nutzt es diese Expertise für die Weiterentwicklung neuer Medien für den Unterricht?
Matthias Makowski: Beispielsweise für die Materialentwicklung für neue Medien. International gemischte Expertenteams bringen dabei ihre spezifischen Erfahrungen aus unterschiedlichen Ländern ein. Und natürlich auch, indem wir Anregungen und Impulse aus aller Welt aufnehmen und verstärken.
Was denken Sie, wie wird der Fremdsprachenunterricht in 20 Jahren aussehen?
Matthias Makowski: Individueller und vielfältiger: Hybride Lernumgebungen ermöglichen unterschiedlichste Verhältnisse von mediengestütztem und "analogem" Lernen, unterschiedlichste organisatorische Lernmodelle im Hinblick auf Kurszeiten und unterschiedliche Varianten der Lernerzentrierung.
Aber keine Sorge: Es wird immer noch Fremdsprachenunterricht mit drei unerschütterlichen Konstanten sein: dem Lerner, der Lehrkraft und der gemeinsamen Sprache, um die es geht.
Links zum Thema:
www.goethe.de/didacta
www.goethe.de/lernabenteuer