Gemeinnützige Stiftung Ravensburger Verlag
Fastenbrechen und Sankt Martin in der Kita?
Symposion "Mein Gott, Dein Gott" zu Interreligiosität eröffnet / Pilotstudie ermittelt erstmals empirische Daten / Handlungsbedarf
Mehr zu: Bildung in Zahlen, KITA, Migration, Religion, Stiftungen, Kindergarten / VorschuleEiner nicht repräsentativen, jedoch aussagekräftigen Pilotstudie in deutschen Ballungsgebieten zufolge sind 55 % der Kinder in katholischen und evangelischen Kindergärten getauft. 17,9 % kommen aus muslimischen Familien, und jedes fünfte Kita-Kind (19,7 %) wächst ohne Religionsbekenntnis auf. Zunehmend feiern kommunale Einrichtungen religiöse Feste wie den christlichen St. Martinstag oder das islamische Fastenbrechen. Interreligiöse Fragen gewinnen in der vorschulischen Bildung immer mehr an Bedeutung. Diese und weitere überraschenden Ergebnisse der Untersuchung in 364 Einrichtungen werden am Montag erstmals öffentlich bei einem wissenschaftlichen Symposion in Köln vorgestellt. Der Ansatz gilt als neu: Selbst in jüngsten pädagogischen Untersuchungen und staatlichen Erhebungen zur Qualität von Kindertagesstätten waren religiöse Aspekte bislang vernachlässigt worden.
Die Tagung wird von der Stiftung Ravensburger Verlag gemeinsam mit der Tübinger Forschungsgruppe "Interkulturelles und interreligiöses Lernen in Kindertagesstätten" veranstaltet. Zwei Tage lang diskutieren rund 100 Fachleute aus Forschung, Politik, Kirchen und Kommunen, Bildung und Erziehung über die Verständigungsmöglichkeiten zwischen Kulturen und Religionen bereits im Kindergartenalter. Dem wissenschaftlichen Austausch in Köln wird voraussichtlich im Jahr 2008 ein Kongress für Erzieherinnen folgen, bei der die Ergebnisse des Symposions für die Praxis verwertbar gemacht werden sollen.
Religiöse Bildung bietet frühe Integrationschance
"Die Kindertagesstätte bietet die früheste Chance zur Integration, weil sich dort erstmals in ihrem Leben Kinder aus christlichen, muslimischen und konfessionslosen Familien treffen", erklärte Stiftungsvorsitzende Dorothee Hess-Maier. Die Stiftung Ravensburger Verlag wolle mit dem Engagement für das Symposion "Impulse in die Bildungslandschaft" geben, um frühe Integrationschancen zu ermöglichen. "Religiöse Begleitung ist für eine klare Werteorientierung unabdingbar. Kinder sollten die Verschiedenheit und die Gemeinsamkeit der Religionen erleben und erkennen, um Respekt füreinander zu entwickeln. Das verstehen wir durchaus als Erziehung zur Integration und politischen Mündigkeit, damit sie später nicht fundamentalistischen Verführern verfallen."
Der Staat schützt religiöse Pluralität
Zum Verhältnis des Staates zur Religions- und Bekenntnisvielfalt sprach Dr. Marion Gierden-Jülich, Staatssekretärin im nordrhein-westfälischen Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration. "Der Staat schützt die Pluralität und hat ein Interesse daran, dass seine Bürger – nicht allein in der politischen Bildung – in und mit dieser Pluralität positiv leben. Beides muss erlernt sein, von Kindesbeinen an", sagte die Staatssekretärin in ihrer Auftaktrede zum Kölner Symposion. Der Staat habe eine "fördernde Neutralitätspflicht". Als politische Ziele einer rechtlichen Integration des Islam in Deutschland nannte Gierden-Jülich einen bekenntnisorientierten Religionsunterricht und die Ausbildung islamischer Religionslehrer.
Erzieherinnen brauchen mehr Unterstützung
"Akuten Handlungsbedarf" sehen die Tübinger Religionspädagogen Prof. Dr. Albert Biesinger (katholisch) und Prof. Dr. Friedrich Schweitzer (evangelisch), die gemeinsam die von der Stiftung Ravensburger Verlag mitinitiierte und finanzierte Pilotstudie verantworten. Die Professoren fordern jetzt "dringlich" eine vertiefte und repräsentative Untersuchung zu interkultureller, religiöser und interreligiöser Bildung in Kindertagesstätten, da die Ergebnisse alarmierende Tendenzen aufzeigten. Schweitzer: "Viele Kinder bleiben mit ihren religiösen Fragen allein, aber sie haben ein Recht auf Religion, Transzendenz und Wertebildung."
Biesinger: "Unsere Befunde wurden in 364 Kitas der Städte Berlin, Hamburg, Frankfurt, Mannheim, Ludwigshafen, Stuttgart, Aachen und Dresden erhoben. Die Daten sind aussagekräftig, aber noch nicht repräsentativ." Beide Wissenschaftler beklagen, dass Erzieherinnen in Aus- und Fortbildung zu wenig unterstützt werden, um interkulturelle und interreligiöse Bildungsaufgaben wahrzunehmen. "Da muss sich rasch etwas ändern!"
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