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Muss ein Ingenieur die Rechtschreibung beherrschen?

Fachwissen ist in unserem Bildungssystem wenig gefragt

Mehr zu: Deutsch, Deutschland, Fachkräftebedarf, Rechtschreibung, Sprachstand, Berufliche Bildung, Schule
Hannover, 26.07.2007 -

Deutschland gehört zu den Ländern, die trotz der hohen Arbeitslosigkeit einen Fachkräftemangel haben. Viele Stellen können nicht besetzt werden, weil Ingenieure oder IT-Fachkräfte fehlen. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt wird sich noch verschärfen, denn durch die rückgängigen Geburtenzahlen fehlen zukünftig noch mehr Fachkräfte. Der BVL, Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V., sieht die Ursache für diesen Mangel im Schulsystem, das die Rechtschreibkompetenz viel zu hoch ansetzt, anstatt das Fachwissen in den Vordergrund zu stellen.

"Viele Legastheniker befinden sich in technischen Berufen, da hier nicht die Rechtschreibung im Vordergrund steht. Leider gelingt es nur wenigen Legasthenikern eine qualifizierte Ausbildung zu absolvieren, da sie selten bis zum Abitur kommen, weil in allen Fächern ihre Rechtschreibkompetenz bewertet wird und sie oftmals dadurch scheitern", kritisiert Christine Sczygiel, Bundesvorsitzende des BVL. Mehr als 5% unserer Bevölkerung sind von einer Legasthenie (Lese-/Rechtschreibstörung) betroffen. Formal wird eine Legasthenie nur dann diagnostiziert, wenn die Betroffenen über eine mindestens durchschnittliche Intelligenz verfügen. Man verzichtet bei qualifizierten Berufen also bewusst auf diese potentiellen Fachkräfte, weil man ihnen aufgrund der mangelhaften Rechtschreibkompetenz den Zugang zu qualifizierten Ausbildungen bzw. zum Studium versperrt.

Norbert Krug* (52) kann mit der Beschreibung seiner Schullaufbahn und Ausbildung Bücher füllen. Über den 2. Bildungsweg ist es ihm gelungen, ein Fachhochschulstudium als Maschinenbauingenieur abzuschließen. Er hat sich beruflich gut etablieren können und wurde dann mit 50 erneut Schüler. Sein Arbeitgeber hat den Geschäftszweig, wo Krug seit über 20 Jahren erfolgreich tätig war, verkauft. Er wurde in eine Auffanggesellschaft überführt und konnte so eine Zusatzausbildung zum Umwelttechniker absolvieren. "Ich wurde damit wieder in meine alte Schulzeit zurückgeführt. Fachlich habe ich alle Prüfungen mit gutem Erfolg bestanden, meine Rechtschreibleistungen wurden allerdings mit mangelhaft bewertet. Glücklicherweise konnte ich mündlich mit meinem Fachwissen überzeugen. In Englisch stand ich mündlich auf 1 und schriftlich auf 6. Durch die vielen geschäftlichen Auslandsaufenthalte war ich perfekt in Englisch und konnte auch Verhandlungen führen. In der Umschulung wurde mir mal wieder bewusst, wie wenig diese Kompetenzen zählen, denn die Rechtschreibkompetenz wird einfach überbewertet", schmunzelt Norbert Krug.

Nach seiner Umschulung hat sich Norbert Krug selbständig gemacht und ist nun erfolgreich als Unternehmensberater tätig. "Mein bester Freund ist mein Computer, denn er hilft mir, meine schriftlichen Ausarbeitungen fehlerfrei zu machen. Schade, dass ich diese technischen Hilfsmittel nicht in der Schule bzw. Ausbildung einsetzen durfte", bemängelt Krug. "Meine beiden Söhne sind ebenfalls Legastheniker und haben leider die gleichen Erfahrungen in der Schulzeit machen müssen. Beide haben jetzt ihr Abitur, aber nur weil sie unsere Rückendeckung und außerschulische Förderung hatten. Die Lehrer haben uns immer wieder empfohlen, die Jungs vom Gymnasium zu nehmen, weil sie bei den massiven Rechtschreibproblemen keine Chance haben, das Abitur zu bestehen. Dank meiner eigenen Erfahrung wusste ich, je mehr sich meine Söhne zukünftig auf Fachwissen stützen können, umso erfolgreicher werden sie sein. Wie oft hatten meine Frau und ich das Gefühl, wir sprechen gegen Wände, weil kaum ein Lehrer ein Verständnis für die Legasthenie gezeigt hat. Noch heute denken viele Lehrer, Legastheniker sind dumm und faul. Es ist unglaublich, dass es in den gut 30 Jahren nach meinem Schulabschluss in den Schulen noch keine Weiterentwicklung gegeben hat", so Krug. "Ich würde mir wünschen, dass viele erwachsene Legastheniker, die es beruflich zu etwas gebracht haben, an die Öffentlichkeit gehen, damit das negative Image des Legasthenikers hoffentlich bald der Vergangenheit angehört und bildungspolitisch endlich mal was für die Betroffenen getan wird", fordert Krug.
*Name wurde von der Redaktion geändert

Weitere Informationen zum Thema "Legasthenie" finden Sie unter www.bvl-legasthenie.de

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