Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
GEW: "Wir brauchen ein integratives, demokratisches Schulsystem"
Konferenz "Schulstruktur in Bewegung – Mentalitäten im Wandel?": Bildungsgewerkschaft unterstützt lokale und regionale Initiativen
Mehr zu: Deutschland, Hauptschule, Schulstruktur, SchuleDie Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) will ihren Einsatz für ein integratives, demokratisches Schulsystem weiter verstärken. Sie unterstützt lokale und regionale Initiativen, die das "ungerechte und wenig effektive deutsche Schulsystem" weiter entwickeln und dabei Schulstruktur sowie Schul- und Lernkultur als Einheit begreifen. "Das deutsche Schulsystem ist nicht mehr zeitgemäß. In der Bundesrepublik gibt es viel zu wenige junge Menschen mit einer Studienberechtigung. Die Kehrseite der Medaille: Zu viele werden ohne Schulabschluss oder mit einem Abschluss ohne Perspektive ins Leben entlassen." Diese Ansicht vertrat die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer anlässlich der Konferenz "Schulstruktur in Bewegung – Mentalitäten im Wandel?"
Demmer wies darauf hin, dass das deutsche Schulsystem auf die Anforderungen der globalen Wissensgesellschaft "nicht gut vorbereitet". Das hätten zahlreiche Studien bestätigt. Es sei "bemerkenswert", so die GEW-Sprecherin, dass in "regelmäßigen Abständen über fehlende hoch qualifizierte Fachkräfte gejammert wird. Doch niemand fragt, warum das so ist". Angesichts der demografischen Entwicklung in Deutschland müsse jetzt von immer weniger Kindern ein immer größerer Anteil zur Hochschulberechtigung geführt werden, kein junger Mensch dürfe ohne anschlussfähigen Schulabschluss bleiben. Das Abitur solle wie in vielen anderen Ländern "zur absoluten Normalität" werden. Demmer wies darauf hin, dass in vielen Staaten mehr als 60 Prozent der Schüler eine Hochschulberechtigung erreichten, die Quote in Deutschland stagniere dagegen seit Jahren bei unter 40 Prozent. "Lobbygruppen aus Eltern und Lehrern spielen dabei eine unsägliche Rolle: Sie sehen im Gymnasium immer noch eine elitäre Veranstaltung und verteidigen hartnäckig ihre Privilegien. Das Gymnasium darf jedoch nicht unter Artenschutz gestellt werden", unterstrich Demmer.
Die teilweise wütende Polemik der Lobby-Verbände gegen jegliche Veränderung sei um so deplatzierter je deutlicher das offenkundige Versagen der Gymnasien für die Sicherung des akademischen Nachwuchses in Deutschland wird. "Das Gehabe der Lobby-Verbände ist ein letztes Aufbäumen: Sie argumentieren nicht mehr sachlich oder mit den guten Leistungen der Gymnasien, sondern betreiben nur noch Angstmache und Polemik", hob die Gewerkschafterin hervor. Die Fakten: Nicht einmal die leistungsstärksten 25 Prozent der deutschen Schüler seien besser als in den PISA-Spitzenländern. Im Vergleich zu Finnland und Kanada etwa blieben die oberen 25 Prozent der Schüler in Mathematik deutlich unter 600 Punkten.
Untersuchungen des deutschen PISA-Konsortiums hätten zudem ergeben, dass die Gymnasien im Vergleich zu anderen Schulformen deutlich weniger innovationsbereit sind - obwohl sie eine sozial viel günstigere Schülerzusammensetzung haben und es beispielsweise kaum Fachlehrermangel gibt. "Besonders ärgerlich ist, dass Gymnasien sich wenig um die Integration von Kindern mit Behinderungen ins Regelschulsystem kümmern", sagte Demmer: "Das deutsche Schulsystem ist aber nicht nur für Kinder, sondern auch für Lehrkräfte höchst ungerecht. Es ist von vorgestern." "Ganz verrückt" sei, dass an vielen Gymnasien bei Eltern, Lehrkräften und Schülern "Angst die vorherrschende Gefühlslage" sei: Angst vor Versagen und Veränderung.
Spiegelbildlich dazu seien Hauptschulen von Resignation geprägt. Während an Gymnasien zu wenig Studienberechtigte "produziert" würden, hält die Bildungspolitik gleichzeitig krampfhaft am Hauptschulabschluss fest. "Diesen Abschluss wollen Eltern und Schüler nicht und die Wirtschaft kann ihn nicht mehr gebrauchen", betonte Demmer. "Die Abschaffung des Hauptschulabschlusses an allen Schulen der Sekundarstufe I kann ein erster Schritt sein, die Hauptschulen aus ihrem Getto zu führen. Der mittlere Schulabschluss muss stattdessen auch an Hauptschulen zur Regel werden."
Die dazu notwendigen Investitionen in Personal, Ausstattung und Lernbedingungen seien enorm. "Aber eine Gesellschaft, die sich partout weigert, alle jungen Menschen bis zum Ende der Pflichtschulzeit gemeinsam lernen zu lassen, muss sich die Aussonderung eines Viertels eben einiges kosten lassen", sagte die GEW-Vize. Sie wies darauf hin, dass die verschiedenen Fitness- und Rettungsprogramme für Hauptschulen nicht die von der Politik erhofften Effekte gebracht hätten. "Die besten Ergebnisse werden erzielt, wenn Schülergruppen, in die die Kinder und Jugendlichen unterschiedliche Kompetenzen einbringen, von- und miteinander lernen. Lernprozesse so zu gestalten, würde auch Gymnasien von Erwartungen befreien, denen sie offenbar nicht genügen können", hob Demmer hervor.
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