VBE: Ausschaltknopf statt neuer Gesetzesinitiativen
Verständnis für die Sorgen des Ministerpräsidenten über jugendgefährdende Gewaltdarstellungen
Mehr zu: Baden-Württemberg, Gewalt in der Schule, Jugendschutz, Medienkompetenz, Werteerziehung, Schule"Warum investieren Firmen Unsummen in die TV-Werbung, wenn das Fernsehen wirklich so wenig Einfluss auf die Zuschauer ausübt, wie sogar manche Medien-Experten behaupten?", fragt der Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg und gibt damit indirekt Ministerpräsident Günther Oettinger recht, der sich über Gewaltdar¬stellungen bei bestimmten privaten Fernsehsendern beklagt hatte. Mit dem Ausschaltknopf könnten Eltern jedoch im Interesse ihrer Kinder jedem "bösen" TV-Sender völlig legal Paroli bieten; dazu wäre nicht einmal eine Gesetzesinitiative von Nöten, versichert der VBE-Sprecher.
Dem VBE liegt es fern, die modernen Medien zu verteufeln, und der Lehrerverband möchte die Fernsehschelte auch nicht, wie es Oettinger getan hat, nur an bestimmten Sendern festmachen. Nicht jede Sendung, die den Stempel "Kinderfernsehen" trägt, ist auch wirklich für Kinder geeignet. Während manche Beiträge pädagogisch wertvolles "Schulfernsehen" sind, bereichern nachmittägliche Talk- und Gerichtsshows der Privaten nicht gerade den kindlichen Wortschatz mit den Begriffen, die für den Unterricht benötigt werden.
Bedingt durch die Vielzahl der zur Verfügung stehenden Medien ist Gewalt für Kinder und Jugendliche heute überall präsent. Der Gewöhnungseffekt führt auf der einen Seite zu einer gewissen Abstumpfung, senkt aber bei dafür empfänglichen Schülern auf Dauer die innere Hemmschwelle, selber Gewalt anzuwenden. Die Folgen sind in den Klassenzimmern, auf den Pausenhöfen und Schulwegen sowie in der Freizeit der Schüler zu beobachten. Selbst Handys, die einst ausschließlich der Kommunikation dienten, werden heute missbraucht, um Pöbeleien, Erniedrigungen oder Gewalttaten digital festzuhalten und damit nach Weitergabe mittels Bluetooth-Technik, per Rundsendefunktion oder im Internet ohne Unrechtsbewusstsein zu prahlen.
Das Angebot für Kinder an medialem Mord und Totschlag allein im Fernsehen ist in der Tat reichhaltig und beängstigend. Kriminalfilme, die früher ausschließlich im Abendprogramm liefen, werden selbst vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen als Wiederholung am Nachmittag gezeigt, zu einer Zeit, zu der die meisten Kinder und Jugendlichen vor dem Bildschirm sitzen. Genügte in Filmen des Grusel-Altmeisters Alfred Hitchcock noch die Andeutung einer Gewalttat, um Spannung zu erzeugen (etwa die Duschszene in "Psycho"), werde heute in Nahaufnahme und Zeitlupe gezeigt, wie das Messer ins Fleisch des Opfers dringt, moniert der VBE-Sprecher. Das mediale Grauen und die Gewalt können bei dafür empfänglichen Kindern und Jugendlichen regelrecht zur Sucht werden - mit all den Folgen, die auch bei anderen Süchten zu beobachten sind, denn so man¬cher Schüler konsumiert den Nervenkitzel gleich mittels mehrerer Medien (TV, Video, DVD, PC-Spiele, Handy, Internet, CD, Zeitschriften, Bücher).
Nicht alle Fans von Killerspielen und brutalen Gewaltfilmen drehen irgendwann einmal durch, aber alle jugendlichen Amokläufer haben in der Regel zuvor exzessiv medialen Horror "genossen". Nach Gewalttaten werde stets sehr schnell nach mehr Verboten und strengeren Gesetzen gerufen, bereits nach wenigen Tagen verebbe jedoch die allgemeine Aufregung, und erst das nächste "Schock-Ereignis" rücke die Problematik wieder in den Fokus des öffentlichen Interesses, so der VBE-Sprecher. "Aber alle Gesetzesinitiativen laufen ins Leere, wenn Eltern weiterhin ihre Kinder unbeaufsichtigt vor dem Bildschirm als `Babysitter´ sitzen lassen, ohne ihnen Ansprechpartner für das Gesehene zu sein." Nachts im Bett versuche die kindliche Psyche, die brutalen Bilder zu verarbeiten, dabei niste sich dann schleichend die Gewalt in den Köpfen der Schüler ein.
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