HERDT-Verlag für Bildungsmedien GmbH
Kulturtechnik IT-Kompetenz
Jeder zweite Lehrling im deutschen Handwerk hat keine ausreichenden Textverabeitungs-, Tabellenkalkulations- und Internet-Kenntnisse
Mehr zu: E-Learning, Europa, Grundbildung, Informatik, Medienkompetenz, Volkshochschule, Weiterbildung, Schule, Berufliche Bildung"46 Prozent der Lehrlinge im deutschen Handwerk haben keine ausreichenden Kenntnisse im Umgang mit dem PC". Dieses alarmierende Ergebnis einer TNS-Infratest-Studie, das Mitte August 2007 veröffentlicht wurde, verwundert sehr angesichts der Tatsache, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung schon 1999 ein Aktionsprogramm formuliert hat mit dem Ziel "jedem Schüler und jeder Schülerin ein Basiswissen für den verantwortungsbewussten Umgang mit modernen Informations- und Kommunikationstechniken zu verschaffen, auf wirtschaftlich selbständiges Handeln vorzubereiten und Lehrkräften multimediale Wissensvermittlung zu ermöglichen". Bereits vor 23 Jahren hat die Bund-Länder-Kommission (BLK) das "Rahmenkonzept für die informationstechnische Bildung in Schule und Ausbildung" verabschiedet, das allerdings von den Bundesländern sehr unterschiedlich ausgestaltet und umgesetzt wurde.
Und schon im Jahr 2000 waren sich die Bildungspolitiker einig, dass "Umgang und effiziente Nutzung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien durch Lehrende und Lernende selbstverständlich werden sollte, dass die für die Berufsausübung immer wichtiger werdenden IT-Kompetenzen in der Breite vermittelt und alle gesellschaftlichen Gruppen am Nutzen der Neuen Medien teilhaben sollten."
Zertifizierung von Computerkenntnissen
Was ist seither geschehen? Immerhin gibt es eine Reihe von Zertifikaten, die den Erwerb unterschiedlicher Computerkenntnisse nachweisen. Neben dem Xpert ECP (European Computer Passport), den die Volkshochschulen anbieten und vergeben und der Basis-Kenntnisse in Textverarbeitung, EDV, Datenbank, Tabellenkalkulation, Präsentation, Kommunikation und Internet nachweist, gibt es den ECDL (European Computer Driving Licence). Er ist das von vier Länder-Kultusministerien (Hessen, Bayern, Bremen und Rheinland-Pfalz) empfohlene Zertifikat für die Schulen. Der Lehrplan (Syllabus) enthält die Wissensgebiete Informationstechnik, Kenntnisse über das Betriebssystem, Textverarbeitung, Datenbank-Kenntnisse, Präsentation, Kommunikation und Information (Internet, E-Mail). Die Kenntnisse werden abschließend von unabhängigen, akkreditierten Prüfcentern internetgestützt geprüft.
Neben Xpert ECP und ECDL gibt es den euZBQ, (europäisches Zertifikat zur Berufsqualifikation), das speziell für die Schulen ab der Sekundarstufe I konzipiert wurde. Er besteht aus den drei Modulen IT-, Wirtschafts- und Sozialkompetenz und deckt damit vier der insgesamt acht von der EU empfohlenen Schlüsselkompetenzen ab (außerdem: muttersprachliche -, fremdsprachliche -, mathematisch-technisch-naturwissenschaftliche - und kulturelle Kompetenz). Für jedes der drei Module kann eine Prüfung abgelegt werden. Nur nach Bestehen aller drei Prüfungen bekommt man das "Europäische Zertifikat zur Berufsqualifikation – euZBQ". Es ist europaweit anerkannt und soll die Chancen auf einen Ausbildungsplatz erhöhen.
Für die Jüngsten gibt es den e-junior. Er ist Nachweis von Grundkenntnissen in Textverarbeitung, Zeichnen, Präsentation und Internet bzw. E-Mail für Kinder ab 8 bzw. 10 Jahren (Klassen drei bis vier bzw. fünf bis sechs). Kurse und Tests werden in autorisierten Schulen durchgeführt, autorisieren lassen können sich die Schulen über das Internet.
Schulen brauchen Mittel für die Durchführung der Kurse
Kurse, die auf diese Zertifikate vorbereiten, werden in der Regel in der Schule durchgeführt. Die Inhalte sind entweder in den normalen Unterricht, meist des Faches Informationstechnische Grundbildung (ITG), integriert oder sie werden in Arbeitsgemeinschaften im Rahmen eines Wahlpflichtfaches unterrichtet. So fallen für die Schüler lediglich Kosten für Prüfungen an sowie für Unterrichtsmaterialien, die von autorisierten Partnern wie dem Herdt-Verlag für Bildungsmedien erstellt werden.
Die Schule hingegen muss entweder eigene Lehrer zur Verfügung stellen oder externe Lehrer – zum Beispiel einen VHS-Dozenten – engagieren. Ein Stuttgarter Gymnasium, das erste in Stuttgart, das überhaupt diese Computerkurse anbietet, verkündet stolz, dass die entsprechenden Unterrichtsstunden durch zwei IT-Trainerinnen ehrenamtlich durchgeführt wurden.
So verwundert es nicht, dass innerhalb von zehn Jahren (seit 1997) lediglich 300.000 Teilnehmer den ECDL erworben haben. Eine Empfehlung von nur vier Länder-Kultusministern reicht für einen Durchbruch bei weitem nicht aus. Auch die 15.000 Schüler, die seit 2004 im Projekt prepared4future den Xpert ECP erworben haben, sind angesichts dessen, dass es sich dabei um Grundkenntnisse handelt, die nötig sind, um einen Beruf auszuüben oder einen Ausbildungsplatz zu bekommen, eher bescheiden.
Unternehmen engagieren sich zu wenig
Zwar gibt es immer wieder einzelne Unternehmen, die sich – meist in Kooperation mit anderen – für eine bessere Berufsqualifikation und den Erwerb von IT-Kenntnissen junger Menschen konkret engagieren, aber sie sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Betrag, den der Riese Microsoft in die Initiative IT-Fitness investiert, beträgt gerade einmal 100.000 Euro. "In regionalen Initiativen kommen eher geringe Beträge zusammen.
Im März 2000 hat der Europäische Rat auf dem Gipfel in Lissabon als strategisches Ziel beschlossen, "die EU bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu entwickeln". Um das zu erreichen, wurden die erwähnten acht Schlüsselkompetenzen benannt. Es bleiben nur noch zwei Jahre Zeit.
Die Kulturtechnik IT-Kompetenz läuft also Gefahr, zwischen Wirtschaft, Politik und Schule zerrieben zu werden. Jeder hält sie für unerlässlich, niemand kann darauf verzichten – aber kaum jemand fühlt sich zuständig. Dabei sind die Voraussetzungen für eine flächendeckende Qualifizierung längst geschaffen: Die Volkshochschulverbände Niedersachsen und NRW haben Lehrpläne und Standards erarbeitet, Verlage wie Herdt haben die notwendigen Materialien entwickelt. Jetzt gilt es, dies in den Schulen und in den Unternehmen umzusetzen.
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