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Lust auf lebenslanges Lernen machen

BLLV-Präsident Klaus Wenzel kritisiert "verkorksten und verkürzten Lern- und Leistungsbegriff an deutschen Schulen" / Radikales Umdenken nötig

Mehr zu: Bayern, Bildungschancen, Deutschland, Hauptschule, Individuelle Förderung, Lebenslanges Lernen, Schule
Bad Gögging, 09.03.2008 -

"Kindern und Jugendlichen muss Lust auf lebenslanges Lernen gemacht werden." Dafür hat sich der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, anlässlich der heute und morgen stattfindenden Bezirksdelegiertenversammlung des BLLV im niederbayerischen Bad Gögging ausgesprochen.

"Die Politik sollte das pädagogische Wissen und die professionelle Erfahrung von Lehrerinnen und Lehrern zur Kenntnis nehmen. Sie wissen längst, dass Schüler am besten dann lernen, wenn sie sich in Ruhe entwickeln und entfalten dürfen." Der Schulalltag der Zukunft muss darauf Rücksicht nehmen und darf nicht zulassen, dass sich alles um Noten und Berechtigungen dreht. "Während des gesamten institutionalisierten Bildungsprozesses - also vom Kindergarten bis zum Abitur - wird vehement gegen erziehungswissenschaftliche Erkenntnisse verstoßen. Die Leidtragenden sind die Schüler, die nur allzu oft nach kurzer Zeit die Freude am Lernen verlieren." Er bezeichnete den in Deutschland verwendeten Lern- und Leistungsbegriff als "verkorkst und verkürzt". Gleichzeitig stellte er klar, dass "sinnvolles Lernen durchaus mit Anstrengung und Ausdauer, mit Bemühungen und Belastungen verbunden ist. Anstrengungen und Bemühungen schließen aber positive Gefühle nicht aus, wenn das Ergebnis des Lernprozesses mehr ist als eine Ziffer."

Wenzel wies auch auf die Gefahr eines volkswirtschaftlichen Schadens hin: "In den kommenden zwanzig Jahren wird der Altersquotient in Deutschland stark nach oben steigen und der Jugendquotient bedrohlich fallen. Immer weniger junge Menschen können sich daher um die Versorgung und Finanzierung der älteren Generation kümmern. Es muss also im Interesse der gesamten Gesellschaft liegen, dass jeder junge Mensch schulisches Lernen so erlebt, dass er sich auf lebenslanges Lernen freut. Auch wenn nicht zuverlässig zu prognostizieren ist, wie die Welt in 20 Jahren aussehen wird, eines ist sicher: Wir werden mehr als heute gezwungen sein, regelmäßig zu lernen und umzulernen." Der BLLV-Präsident forderte die Schul- und Bildungspolitik dazu auf, sich auf diese Prognose einzulassen. "Die Gesellschaft steht vor einem Umlernprozess."

Das Kerngeschäft der Schule ist Lernen. Kinder und Jugendliche müssen dort die Möglichkeit haben, Kompetenzen zu erwerben, Qualifikationen auszubauen, Bildung zu leben und zu erleben. "Pädagogen wissen, dass ertragreiche Bildungs- und Erziehungsarbeit auch immer Beziehungsarbeit ist. Wenn Lernen gelingen soll, muss garantiert sein, dass Kinder und Jugendliche Bindungen knüpfen und Beziehungen aufbauen können."

  • Wenn aber in einer Kindergartengruppe 25 Kinder im Alter von eins bis sechs Jahren von maximal zwei pädagogischen Kräften "versorgt" werden, können Beziehungen nur schwer aufgebaut werden, individuelle Förderung, Sprach- und Sprechschulung bleiben fromme Wünsche.
  • lWenn in einer dritten Grundschulklasse Noten wichtiger sind als Lerngegenstände, kann kaum intelligentes Handlungswissen entstehen.
  • Wenn am Ende einer vierten Grundschulklasse gewachsene Bindungen getrennt und im Aufbau befindliche Beziehungen zerstört werden, kann dies dazu führen, dass Kinder Vertrauen zu Erwachsenen verlieren. "Verstanden fühlen sich Kinder in solchen Situationen sicher nicht", stellte Wenzel fest.
  • Wenn sich in einer fünften Hauptschulklasse die meisten Kinder als "Versager" fühlen und die leistungsstarken Schüler fehlen, können sich Selbstbewusstsein und ertragreiche Lernprozesse nur sehr mühsam entwickeln.
  • Wenn in einer zehnten M-Klasse neben leistungsstarken Hauptschülern mehr als fünfzig Prozent sog. "Rückläufer" aus Realschulen und Gymnasien sitzen, kann sich kaum ein Gruppengefühl entwickeln, das für den gemeinsamen Erwerb wichtiger Kompetenzen und Qualifikationen unverzichtbar ist.
  • Und wenn bei der Wahl von Grund- und Leistungskursen weniger das Interesse an Fächern und Fachbereichen eine Rolle spielt, sondern viel mehr die Frage, bei welchem Lehrer mit geringstem Aufwand die meisten Punkte zu holen sind, dann stellt sich die Frage, welche "Reife" am Ende der Schulzeit bestätigt wird.

Der BLLV-Präsident: "Kinder und Jugendliche, die die Folgen dieser kurzsichtigen und unpädagogischen Schulpolitik ausbaden müssen, können wohl kaum Lust auf lebenslanges Lernen bekommen." Nötig ist ein radikales Umdenken: "An den Schulen muss ein neuer Lern- und Leistungsbegriff Einzug halten, der Fehler zulässt und individuelle Lernfortschritte berücksichtigt, der Schülern Zeit lässt und sie nicht dauernd unter Druck setzt.

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