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Schulsystem benachteiligt arme Kinder

BLLV-Präsident Klaus Wenzel: "Alle Kinder und Jugendlichen müssen umfas-send gefördert werden" / Debatte um Armut ist heuchlerisch

Mehr zu: Bayern, Berufsorientierung, Bildungschancen, Deutschland, Vergütung, Sonderthemen
München, 19.05.2008 -

"Der wachsenden Armut in Deutschland muss mit bester Bil-dung und Ausbildung begegnet werden." Das hat der Präsident des Baye-rischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, ange-sichts des heute vorgestellten Armutsberichtes gefordert. "Moderne Schul- und Bildungspolitik muss die durch das starre Schulsystem zementierte Reproduktion von Armut endlich durchbrechen." Wenzel wies erneut darauf hin, dass "unser antiquiertes Schulsystem sozial schwache Kinder besonders benachteiligt. Die kurze Grundschulzeit reicht nicht aus, um Defizite auszugleichen." Auch Schülerinnen und Schüler, die aus finanziellen Gründen nicht in den Genuss privater Nachhilfe kommen, werden "systematisch ausgegrenzt." "Wir benötigen ein modernes Schulsystem, in dem alle Kinder und Jugendlichen so umfassend gefördert werden, dass private Nachhilfe überflüssig wird. Jedes Kind hat einen Anspruch auf beste Bil-dung und zwar unabhängig vom Einkommen der Eltern."

Wenzel forderte die Staatsregierung auf, arme Kinder und Familien materiell zu unterstützen. Als notwendigen und anerkennenswerten Schritt bezeichnete er das Vorhaben der Staatsregierung, armen Kindern ein kostenloses Mittagessen anzubieten. "Das ist ein erster Schritt." Dringend erforderlich ist es auch, alle Kinder individuell und intensiv zu fördern. Die Förderung sollte möglichst früh einsetzen, um Defizite auszugleichen. Eine große Bedeutung kommt dabei Kinderkrippen und Kindergärten zu. Die Grundlagen für den Bildungserfolg werden in den ersten acht Lebensjahren gelegt. Eltern mit Migrationshintergrund brauchen Angebote, die ihnen helfen, sich besser zu integrieren und sozialisieren. Nötig sind Unterrichtsinhalte, die armutsspezifische Probleme aufgreifen, z.B. im Bereich Gesundheitserziehung, Ernährung, Freizeitgestaltung oder Berufsorientierung. Vor allem aber müssen Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl armer Kinder und Jugendlicher professionell gestärkt werden.

Die Diskussion um Ursachen und Folgen von Armut und Ausgrenzung in Deutschland bezeichnete der BLLV-Präsident als "heuchlerisch". "Es ist bekannt, dass arme Kinder die Bildungsverlierer schlechthin sind - ganz besonders in Bayern, denn hier ist der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungsbeteiligung besonders groß: Kinder aus wohlhabenden Familien haben eine fast siebenmal höhere Chance, ein Gymnasium zu besuchen als andere." Es gibt junge Menschen, für die alle Möglichkeiten offen stehen. Gleichzeitig wird die Zahl derjenigen, die diese Möglichkeiten aus finanziellen Gründen nicht nützen können, immer größer.

Wenzel: "Die Gesellschaft zerfällt nicht nur in Reiche und Arme, sondern auch in Gebildete und Ungebildete. Jeder weiß, dass Armut die Betroffenen benachteiligt, ausgrenzt und letztlich diskriminiert. Wer arm ist, bleibt es in aller Regel auch." Die Sortierung zehnjähriger Kinder in verschiedene Schultypen zementiert nicht nur Bildungsbiografien, sie ist vor allem auch nicht begabungsgerecht, weil sie die Entfaltung von Talenten und Fähigkeiten be- und verhindert. Soziale Armut bedeutet Bildungsarmut. "Von 100 Kindern, die bereits im Kindergarten arm waren, schaffen lediglich vier den Sprung aufs Gymnasium", erklärte der BLLV-Präsident. Je höher die Arbeitslosigkeit ist, desto mehr Schüler versa-gen in Grund-, Haupt- und Realschulen.

Wenzel forderte die Bayerische Staatsregierung erneut auf, die Datenbasis über Armut in Bayern zu aktualisieren. Bislang gibt es nur einen Sozialbericht - er wurde 1998 vorgelegt. Erhebungen im Schulsystem, die den familiären Hintergrund der Schüler einbeziehen, wurden in Bayern seit 20 Jahren nicht mehr erlaubt. Derzeit leben in Bayern über 150.000 Kinder in Familien, die Arbeitslosengeld II erhalten.

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