Spätestens am Mittwoch - am letzten Schultag - gibt es in Baden-Württemberg die Jahreszeugnisse. Bisweilen wird die Vorfreude der Schüler auf die bevorstehenden Sommerferien durch die Angst vor einem schlechten Zeugnis oder einer Nichtversetzung getrübt.
"Für Eltern, die während des Schuljahres in Kontakt mit den Lehrern standen und sich laufend über die Leistungen und Lernfortschritte ihres Kindes informiert haben, dürfte der Zeugnistag keine allzu großen Überraschungen bereithalten," versichert der Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg. Er warnte davor, wegen zu schlechter Zeugnisnoten jetzt plötzlich ein "Drama" daraus daheim zu machen, nachdem doch alles "gelaufen" ist. Wenn Eltern am Zeugnistag richtig die Nerven verlieren, komme das meist einem Schuldeingeständnis gleich, dass sie sich in letzter Zeit zu wenig um die schulischen Belange ihres Kindes gekümmert haben.
Zeugnisse bewerteten immer nur einen kleineren Ausschnitt der Schülerpersönlichkeit - und zwar aus Sicht der Schule. Schlechtere Leistungsnoten könnten durch unterstützende Begleitung und wirkungsvolle Hilfen respektive durch eine entsprechende Verhaltensänderung des Schülers im nächsten Jahr wieder zu erheblich besseren Ergebnissen führen.
Ein "Versagen" in der Schule habe stets verschiedene Ursachen. Nicht immer seien Faulheit oder Gleichgültigkeit der Grund für schlechte Leistungen. Auch eine permanente Überforderung des Schülers durch die falsche Schulwahl sei ein nicht zu unterschätzender Faktor. In diesem Fall könne nur ein Schulwechsel dem Kind wieder Freiräume verschaffen und die dringend benötigten Erfolgserlebnisse ermöglichen, meint der Verbandssprecher.
An den meisten Schulen werden leider viel zu wenig Stütz- und Fördermaßnahmen angeboten, weil die entsprechenden Lehrerstunden fehlten, beklagt der VBE-Sprecher, und nicht alle Familien könnten und wollten sich einen privaten Nachhilfelehrer leisten.
Werde das Klassenziel nicht erreicht, sollten alle Beteiligten die Wiederholung einer Klassenstufe nicht als "Strafe" sehen, sondern als Chance, vorhandene Defizite auszugleichen oder Entwicklungsverzögerungen aufzuholen, so der VBE-Sprecher, der Zeugnistag dürfe niemals zum "Gerichtstag" werden.
Auch wenn sich manche Eltern ob des deutlich ausgefallenen "Denkzettels" zu Recht Sorgen wegen ihres Kindes machten und zunächst mit Verärgerung reagierten, sollten alle Erziehungsberechtigten daran denken, dass gerade die weniger Erfolgreichen auf die Unterstützung durch die Familie besonders angewiesen seien, wirbt der VBE-Sprecher um Verständnis und "Gnade".
Ganz gleich wie das Zeugnis auch ausgefallen sein mag, in den Sommerferien sei jetzt für die Schüler zunächst "chillen" statt pauken angesagt. Mit den notwendigen und sinnvollen Stoffwiederholungen könne später, nach einer ausgiebigen Phase des Abschaltens und der Entspannung, in wohl dosierten Dosen begonnen werden, rät der VBE-Sprecher.