Die Treppe runter, zur Tür raus und rein ins Leben - das Abschlusszeugnis in der Hand. Die große Freiheit winkt, alle Möglichkeiten stehen dir offen. Und dann ist da noch diese unbequeme Frage: "Schule - und dann?" Welcher Beruf passt zu dir? Wie sind die Perspektiven? Eine Ausbildung machen oder doch lieber studieren? Wir fragen nach, wie es um Ausbildung und Studium in Deutschland bestellt ist...
Bildung ist und war fast ausschließlich Ländersache - auch schon vor dem Inkrafttreten der ersten Stufe der Föderalismusreform im Sommer 2006. Die Verantwortung für die Schulen und den Unterricht liegt in Deutschland in der Hand der 16 Bundesländer. Nach der Abschaffung der Rahmengesetzgebung des Bundes können die Länder auch den Hochschulbereich weitgehend selbst regeln. Prinzipiell zuständig bleibt der Bund für Hochschulzulassung und -abschlüsse. Dank eines Abweichungsrechts kann jedoch jedes Land in einem bestimmten Rahmen eigene Regeln für Studienbeginn und Hochschulabschlüsse treffen. Über die Berufsausbildung, die Ausbildungsförderung und die berufliche Weiterbildung entscheidet dagegen der Bund - er legt zum Beispiel die Inhalte der staatlich anerkannten Ausbildungsberufe fest.
Rund 60 Prozent eines Jahrgangs entscheiden sich in Deutschland nach der Schule für eine Berufsausbildung. Im Jahr 2006 waren das laut Statistischem Bundesamt 1.570.615 Berufseinsteiger. 344 anerkannte Ausbildungsberufe listet das Bundesinstitut für Berufsbildung auf. Die Ausbildungen werden kontinuierlich weiterentwickelt. Neue Berufe kommen hinzu, während die Ausbildungsordnungen existierender Berufe an die Praxis angepasst werden. In den letzten Jahren sind vor allem im IT- und Medienbereich neue Ausbildungsberufe entstanden.
Als Voraussetzung für eine Berufsausbildung ist ein Schulabschluss erforderlich - das kann ein Haupt- oder Realschulabschluss oder auch das Abitur sein. Es gibt zwei Wege in den Job: die duale Berufsausbildung in einem staatlich anerkannten Ausbildungsberuf oder die Ausbildung an einer Berufsfachschule.
Die Ausbildung in Deutschland erfolgt zweigleisig und wird durch eine Ausbildungsordnung geregelt. Lehrlinge, die eine duale Berufsausbildung machen, lernen an zwei Orten: als Arbeitnehmer ganz praxisorientiert im Betrieb und als Schüler in der Berufsschule. Je nach Beruf dauert die Berufsausbildung zwischen zwei und dreieinhalb Jahre. Auszubildende, die besonders schnell und effektiv lernen, können einen Antrag auf Verkürzung der Ausbildungszeit stellen. Die duale Berufsausbildung hat Vorteile: Durch die Praxisnähe der Ausbildung qualifizieren sich die Lehrlinge für den Arbeitsmarkt und verdienen schon in jungen Jahren ihr eigenes Geld.
Ob Ergotherapeutin, Fremdsprachensekretärin oder Kinderpfleger - einige Berufe können Auszubildende nur an einer Fachschule oder einer Berufsfachschule erlernen. Häufig sind das Berufe aus dem sozialen, pflegerischen, kaufmännischen oder technischen Bereich. Es gibt staatliche und private Schulen. Letztere sind in der Regel kostenpflichtig. Schulische Berufsausbildungen sind durch die Bundesländer geregelt. Deshalb kann es von Bundesland zu Bundesland Unterschiede in der Ausbildung geben.
Für Leute, die nach der Schule noch nicht fit genug für das Berufsleben sind oder ganz ohne Schulabschluss auf der Straße stehen, gibt es eine Reihe von staatlichen Maßnahmen, die den Weg in den Beruf ebnen sollen - so zum Beispiel das Berufsvorbereitungssjahr (BVJ): Das BVJ ist eine einjährige Ausbildung, die von Berufsschulen angeboten wird und helfen soll, fachliche Stärken zu erkennen, einen Berufswunsch zu entwickeln und die Chancen auf einen Ausbildungsplatz zu steigern. Über andere berufsvorbereitende Maßnahmen wie die Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen (BaE), das Berufsgrundbildungsjahr (BGJ) oder so genannte Einstiegsqualifizierungen informiert das Bundesministerium für Bildung und Forschung in seinem Ratgeber "Schule - und dann?".
Die Lage auf dem Lehrstellenmarkt hat sich im vergangenen Jahr nach Einschätzung der Bundesregierung "sehr erfreulich" entwickelt. Mit 625.914 neuen Ausbildungsverträgen sei zum Stichtag 30. September 2007 das zweithöchste Ergebnis seit der Wiedervereinigung gemeldet worden, heißt es im Berufsbildungsbericht 2008. Der 2004 zwischen Wirtschaft und Regierung geschlossene "Nationale Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in Deutschland" habe 2007 deutlich zur Verbesserung der Ausbildungssituation beigetragen und wurde daher bis 2010 verlängert.
Trotzdem gibt es nach wie vor zu wenig Unternehmen, die ausbilden. Deutschlandweit bilden nur 25 Prozent der Unternehmen aus, betont die Bundesregierung. Im laufenden Ausbildungsjahr droht ihrer Ansicht nach eine Lücke von mehr als 200.000 Lehrstellen: Für rund 832.400 Schulabgänger stehen laut Berufsbildungsbericht voraussichtlich nur 623.000 Ausbildungsplätze bereit.
Intensiviert werden soll vor allem die Vermittlung von Altbewerberinnen und Altbewerbern. Zum 30. September 2007 wies die Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) noch 29.102 unversorgte Ausbildungsplatzsuchende aus. Die Chancen auf Nachvermittlung oder Einstiegsqualifizierungen seien jedoch gestiegen, so die BA. Jungen Menschen, die schon länger eine Lehrstelle suchen, soll unter anderem der so genannte Ausbildungsbonus den Einstieg erleichtern.
Jugendliche, die die Schule mindestens im Vorjahr verlassen haben, die sich schon früher um einen Ausbildungsplatz bemüht haben und keinen, einen niedrigen oder einen schlechten mittleren Schulabschluss besitzen oder lernbehindert sind, unterstützt der Staat mit einem Bonus in Höhe von 4.000 bis 6.000 Euro. Dieser Zuschuss soll bis 2010 an Unternehmen gezahlt werden, die zusätzliche Ausbildungsplätze für benachteiligte Jugendliche zur Verfügung stellen. So sollen bis zu 100.000 Jugendliche eine Lehrstelle finden, die bislang vergeblich gesucht haben. Im Juni 2008 billigte der Deutsche Bundestag einen entsprechenden Gesetzentwurf der Regierungskoalition, im Juli 2008 stimmte auch der Bundesrat zu.
Wer nach der Schule lieber studieren will, hat die Qual der Wahl: 365 deutsche Hochschulen bieten 8.737 Studiengänge an. Dazu kommen 206 Angebote der mehr als 50 Berufsakademien. Interessenten sollten sich also frühzeitig informieren und einen Überblick verschaffen. Je nach Fach dauert ein Studium zwischen drei und sieben Jahre, manchmal auch länger. Vieles spricht für ein Studium. Akademiker verdienen im Schnitt 1.000 Euro im Monat mehr als andere Arbeitnehmer, ihr Risiko, arbeitslos zu werden, ist nur halb so groß.
Im Gegensatz zur Ausbildung verläuft der Übergang vom Studium in den Beruf vergleichsweise problemlos, heißt es im 2. Nationalen Bildungsbericht von Bund und Ländern, der im Juni 2008 veröffentlicht wurde. Circa 80 Prozent der Absolventen sind ein Jahr nach ihrer Abschlussprüfung erwerbstätig. Lediglich fünf Prozent sind arbeitslos, 15 Prozent sind anderweitig tätig und arbeiten zum Beispiel an ihrer Promotion.
Zwischen 2001 und 2006 ist die Zahl der Hochschulabsolventen dem Bericht zufolge um fast 30 Prozent gestiegen. Aber immer noch studieren junge Deutsche zu selten, obwohl die Zahl der Studienberechtigten gestiegen ist. 2006 erreichten 14 Prozent der 18- bis 21-Jährigen die Fachhochschulreife, 30 Prozent die allgemeine Hochschulreife - 2001 waren es noch 11 beziehungsweise 26 Prozent. Doch nur 37 Prozent eines Altersjahrgangs beginnen ein Hochschulstudium.
Die Nachfrage nach Hochschulstudien sei in Deutschland im internationalen Vergleich zu gering, kritisiert die unabhängige Kommission von Wissenschaftlern, die den 2. Nationalen Bildungsbericht unter Leitung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) erstellt hat. Gegenüber dem Jahr 2003 sank die Zahl der Studienanfänger im vergangenen Jahr um fünf Prozent. Die Abbruchquoten seien zu hoch - vor allem in Studiengängen wie Maschinenbau, Chemie, Informatik, Mathematik und Physik. Etwa 25 Prozent aller Studierenden beenden demnach ihr Studium ohne Abschluss. Dadurch drohe der Wirtschaft ein Fachkräftemangel.
Noch niedriger ist der Anteil der Menschen, die die Chance nutzen, ein Studium ohne Abitur zu beginnen. "Diese häufig unter dem Begriff des Dritten Bildungsweges zusammengefassten Möglichkeiten machen gerade einmal ein Prozent der Zulassungen an Universitäten und zwei Prozent im Fachhochschulbereich aus", stellen die Wissenschaftler fest.
Immer mehr junge Leute verzichten auf ein Studium. Als Gründe werden die erheblich ausgeweiteten Zulassungsbeschränkungen an den Hochschulen, die Einführung von Studiengebühren in einigen Bundesländern, die oft unklare Finanzierung des Lebensunterhalts sowie die Bürokratie bei der Einschreibung seit Inkrafttreten des neuen Studienauswahlrechts der Hochschulen angeführt.
Der enge Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg bietet nach Einschätzung der Fachleute Anlass zur Sorge. Besonders groß sind dem Bericht zufolge die Probleme für junge Männer ohne oder mit nur schlechtem Hauptschulabschluss sowie für Migrantenkinder. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sollten "frühzeitig, kontinuierlich und differenziert" gefördert werden, fordern die Bildungsexperten. Das Bildungssystem müsse durchlässiger und die Übergange zwischen Schule und Beruf verbessert werden. Für den 22. Oktober hat die Bundesregierung deshalb einen nationalen Bildungsgipfel angekündigt, auf dem über weitere Fördermaßnahmen beraten werden soll.