Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg sieht anders als der Finanzminister keine Spielräume bei der Arbeitszeit der Lehrer zu Gunsten des Landes. Die Tätigkeit der Lehrer hat sich in den letzten Jahren verändert. Standen früher hauptsächlich Unterricht und Korrekturen von Klassenarbeiten im Vordergrund, bekommen heute Beratungsgespräche, Team-Konferenzen und Schulentwicklung immer mehr Gewicht, die nicht über das Deputat abgedeckt sind.
Lehrersein bedeutet eben nicht, vormittags einen bequemen Halbtagsjob und nachmittags frei zu haben, wettert VBE-Chef Rudolf Karg in Richtung Finanzministerium.
Neue Bildungspläne mit Schulcurricula und Leitbild, Kriseninterventionspläne, Schulportfolios und Qualitätssicherung durch Evaluation beanspruchen mittlerweile einen nicht unerheblichen Teil der Arbeitszeit der Lehrkräfte.
Sprach der Lehrer früher über die Probleme eines Schülers ausschließlich mit dessen Vater oder Mutter, so nimmt der Pädagoge heute - in der Regel auf Drängen der Erziehungsberechtigten - Kontakt mit dem Hausarzt auf, mit der Familienhelferin des Jugendamtes, dem Nachhilfelehrer, dem Schulsozialarbeiter, dem Psychologen sowie gegebenenfalls mit dem Neurologen und einem oder mehreren Therapeuten des Schülers. Bei bis zu 33 Schulkindern pro Klasse wenden Lehrer sehr viel Zeit für diese Gespräche auf. Im Prinzip solle man Schule ständig von innen nach außen krempeln und täglich neu erfinden. Nach diversen Reformen und Reförmchen wünschten sich immer mehr Lehrkräfte wieder eine Phase ruhigeren Arbeitens. Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz und dem eigenen Tun könnten in nicht unerheblichen Ausmaß ebenso zur Qualitätssteigerung an Schulen beitragen.
Wenn der Minister glaubt, durch Jahreszeitkonten Lehrerstunden einsparen zu können, wird er bald merken, dass Lehrer eher entlastet als noch mehr belastet gehören.