GEW Niedersachsen
Wir brauchen einen bildungspolitischen Kurswechsel statt symbolischer Politik
GEW zu Merkels Bildungsstopp in der Heide
Mehr zu: Auslese, Bildungschancen, Bildungsgipfel, Bologna-Prozess, Deutschland, Fachhochschule, Fachkräftebedarf, Hochschulzugang, Niedersachsen, Referendariat, Studiengebühren, HochschuleBundeskanzlerin Angela Merkel stattet der Leuphana-Universität Lüneburg auf ihrer ersten Bildungsreise einen Kurzbesuch ab. "Studierende und Hochschulbeschäftigte brauchen eine grundsätzliche Verbesserung der Finanzausstattung der Hochschulen, einen Wandel in der Hochschulpolitik und keine symbolischen Gesten", kritisiert Eberhard Brandt, GEW-Vorsitzender in Niedersachsen den Merkel-Besuch.
"Die Qualität der Lehre muss langfristig verbessert werden. Die Anzahl der Lehrenden in den neu eingeführten Bachelor und Master -Studiengängen, die sogenannte Betreuungsquote, ist viel zu gering. Folge ist eine hohe Abbrecherquote. Gute Lehre und gute Arbeitsbedingungen sind zwei Seiten einer Medaille: Wir brauchen daher mehr und vor allem ordentlich bezahltes wissenschaftliches Personal", fordert Dr. Andreas Keller, Hochschulexperte vom GEW-Hauptvorstand. Die Arbeitsverträge und die Bezahlung der Nachwuchswissenschaftler an den Hochschulen seien skandalös. Die Politik in den Ländern und im Bund fordert Keller auf, endlich die Weichen für eine solide Hochschulfinanzierung umzulegen. Außerdem müsse die miserable Umsetzung des Bologna-Prozesses in Deutschland grundlegend korrigiert werden. So werde der Bachelor in vielen Fällen nicht als berufsqualifizierender Studienabschluss akzeptiert, die Durchlässigkeit zum Master-Studium sei ungenügend.
An Merkels Adresse richtet die GEW einen besonderen Vorwurf: Die Bundeskanzlerin habe den Rückzug des Bundes aus der Hochschulfinanzierung betrieben und diese ausschließlich in die Hand der Länder gelegt. Diese politische Fehlentscheidung versuche Frau Merkel mit ihrer Bildungsreise zu kaschieren, kritisieren die Gewerkschafter.
Bis 2010 sollen in Niedersachsen 11.200 neue Studienplätze vorwiegend an Fachhochschulen und in Natur- und Ingenieurwissenschaften geschaffen werden. Der Hochschulpakt I und das Nachfolgeprogramm seien zwar Schritte in die richtige Richtung, reichten aber für den dringend notwendigen Ausbau und die Öffnung der Hochschulen nicht aus, charakterisiert der niedersächsische GEW-Vorsitzende die Lage.
"Wir haben aber nicht nur einen Fachkräftemangel in den Ingenieur- und Naturwissenschaften," so Brandt. "Wir brauchen dringend mehr Studienplätze für Lehramtsstudierende und entsprechende Referendariatsplätze." Scharfe Kritik richtet Brandt an die Adresse niedersächsischer Hochschulen, die Studiengänge für Ingenieure und Betriebswirte zu Lasten der Kulturwissenschaften und der pädagogischen Fächer ausbauen. So werde an der Universität Lüneburg der Studiengang Physik – dem extremsten Mangelfach in der Lehrerbildung - gestrichen, außerdem die Sozialpädagogik. Auch die Erlebnispädagogik werde "an die Wand gefahren".
Die GEW stellt fest, dass in Niedersachsen seit Einführung der Studiengebühren immer weniger Arbeiterkinder studieren. Statt einer sozialen Öffnung sei eine verstärkte soziale Auslese an den Hochschulen festzustellen. Eine Steigerung der Akademikerquote, die Überwindung des Fachkräftemangels, sei mit der gegenwärtigen Bildungspolitik an Schulen und Hochschulen nicht zu erreichen. "Die Abschaffung der Studiengebühren wäre ein wichtiger Schritt, um die soziale Selektivität abzubauen und die Hochschulen für mehr Menschen zu öffnen", fordern Brandt und Keller.
Die Notwendigkeit einer Bildungsreform sei nie größer gewesen. Wenn der Bildungsgipfel spürbare und vor allem nachhaltige Erfolge bzw. Verbesserungen bringen solle, müssten verbindliche Vereinbarungen und Zusagen über zusätzliche finanzielle Ressourcen für die Bildungsaufgaben getroffen werden.
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