Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
GEW: "KMK darf Hauptschuldesaster nicht vertuschen"
Bildungsgewerkschaft zur Sitzung der Staatssekretäre der Kultusministerien: "Falsche Hauptschulpolitik beenden!"
Mehr zu: Bildungsstandards, Bildungswesen, Deutschland, Europa, Grundbildung, Hauptschule, Lesekompetenz, Schulentwicklung, Statistik, Schule"Die Kultusministerkonferenz (KMK) muss sich den dramatischen Problemen der Hauptschulen stellen und darf diese nicht vertuschen", kommentierte Marianne Demmer, Leiterin des Vorstandsbereichs Schule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die jetzt bekannt gewordene Absicht der KMK, die Qualitätsüberprüfung für den Hauptschulabschluss auf die lange Bank zu schieben.
"Die Hauptschulpolitik der KMK ist auf der ganzen Linie gescheitert. Jetzt sollen offenbar geschönt, die Ansprüche heruntergeschraubt und die Öffentlichkeit beruhigt werden. Statt immer neuer hilfloser Reparatur- und groß angekündigter Fördermaßnahmen muss die falsche Politik von 30 Jahren beendet werden", betonte Demmer. Die KMK müsse sich endlich aus ihrer ideologischen Gefangenschaft des gegliederten Schulsystems befreien und den Hauptschulbildungsgang abschaffen. Eine begabungsgerechte Sortierung zehnjähriger Kinder "ist einfach Quatsch". Erst wenn Leistungsschwächere nach der Grund- nicht mehr in die geschützte Nische Hauptschule abgeschoben werden dürften, können Lehrkräfte und Schüler im Vergleich mit anderen Stärken und Schwächen erkennen. Erst dann könne die dringend notwendige individuelle Unterstützung wirkungsvoll ansetzen.
"Angesichts der Ergebnisse des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) zur Qualitätsüberprüfung des Hauptschulabschlusses ist die vollmundige KMK-Erklärung, die Quote der Schüler ohne Hauptschulabschluss bis 2012 zu halbieren, ein Witz", sagte die GEW-Sprecherin. Bereits heute sei die Qualität des Hauptschulabschlusses nicht in allen Fällen gegeben.
Der "ganze Schlamassel" sei mit dem KMK-Beschluss zum Qualitätskonzept mit Blick auf die Ergebnisse der PISA-Studien vorher zu sehen gewesen, unterstrich Demmer. Deshalb hätten Wissenschaftler etwa des Deutschen Instituts für Internationale Pädgogische Forschung (DIPF) ebenso wie die GEW davor gewarnt, Bildungs- als Prüfungsstandards für (bundesweite) zentrale Abschlussprüfungen vorzusehen. Im föderalen Deutschland, das sich durch große Leistungsunterschiede der Schüler und unterschiedliche Strukturen auszeichnet, könnten einheitliche Prüfungsstandards "nur heilloses Chaos anrichten". "Bildungsstandards sind für die Schulen gut zur Orientierung, um gezielt mit individueller Unterstützung anzusetzen. Als Prüfungsstandards sind sie kontraproduktiv, im Fall der Hauptschulen desaströs", sagte Demmer.
Info: Aus der GEW vorliegenden Papieren vom 6. und 17. Oktober 2008 geht hervor, dass die Staatssekretäre der Kultusministerien während ihrer Sitzung am 13. November die "Aussetzung der Testverfahren bis 2012 und Überarbeitung der Bildungsstandards auf Grundlage der empirischen Normierungsergebnisse" beschließen wollen. Gleichzeitig soll "im Zusammenhang mit diesem Beschluss die Entwicklung von unter den Ländern abgestimmten Fördermaßnahmen für die betroffene Schülerklientel" beschlossen werden.
Hintergrund ist, dass das IQB bereits beim ersten Probelauf für die Qualitätsüberprüfung des Hauptschulabschlusses gravierende Probleme ermittelt hat. Danach erreichen in Mathematik 50 Prozent der Hauptschülerinnen und -schüler die Mindestanforderungen ("Mindeststandards") nicht. Ein Viertel dieser Schüler bewegt sich auf Grundschulniveau. Im schriftlichen Englisch sind es sogar 75 Prozent, die das geforderte Niveau des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Fremdsprachen (GER) nicht erreichen. Für Deutsch und die Naturwissenschaften erwarten die IQB-Forscher ähnliche Probleme.
Laut offiziellem Bildungsbericht von KMK und Bundesbildungsministerium (BMBF) haben 2006 fast 60 Prozent der Hauptschüler einen Hauptschulabschluss und zehn Prozent den Mittleren Abschluss erhalten.
Die PISA-Studien hatten bereits seit 2000 für die Hauptschulen Werte ermittelt, mit denen die neuen IQB-Zahlen korrespondieren: Danach erreichen ca. 55 Prozent der Schüler in mathematischer Grundbildung und Lesekompetenz nicht die Kompetenzstufe II. Die Kompetenzstufe II gilt als Mindestniveau für eine erfolgreiche Berufsausbildung.
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