Kongress "Bildungsregionen gemeinsam gestalten" in Freiburg
Kultusminister Rau: "Ein Modell für ganz Baden-Württemberg" / Nach dreijähriger Pilotphase in Freiburg und im Landkreis Ravensburg werden Ergebnisse vorgestellt
Mehr zu: Baden-Württemberg, Bildungsregion, Bildungswesen, Forschung, Kulturelle Bildung, Regionalschule, Schulträger, Schulverwaltung, Stiftungen, Schule"Ich freue mich sehr darüber zu sehen, wie groß die Motivation der Schulen ist, neue Wege der Kooperation zu gehen, ihre Arbeit kritisch zu hinterfragen und damit die eigene Schulentwicklung qualitativ voranzutreiben", sagte Kultusminister Helmut Rau MdL heute (24. November) anlässlich der Eröffnung des Kongresses "Bildungsregionen gemeinsam gestalten - Erfahrungen, Erfolge, Chancen" in Freiburg. Der Kongress informiert über Chancen und Perspektiven der neuen Kooperationen auf regionaler Ebene. Rund 400 Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Schule und Schulverwaltung, den Kommunen und Verbänden, Wirtschaft und Wissenschaft sind vom Kultusministerium, der Bertelsmann Stiftung, der Stadt Freiburg und dem Landkreis Ravensburg dazu eingeladen, das Konzept der Bildungsregionen kennen zu lernen und zu diskutieren. In Workshops werden Praxisbeispiele vorgestellt.
Das Land Baden-Württemberg und die Bertelsmann Stiftung haben über drei Jahre mit der Stadt Freiburg und der Region Ravensburg in einer Pilotphase kooperiert. Ziel dieser Zusammenarbeit war es, neue Steuerungsinstrumente zu entwickeln und zu erproben sowie Ressourcen auf regionaler Ebene zu bündeln, um Schulen in ihrer Qualitätsentwicklung effizienter zu unterstützten. "Die Pilotphase war sehr erfolgreich und hat uns gezeigt, dass wir mit dieser modernen Form der Kooperation im Rahmen von Bildungsregionen die Qualitätsentwicklung von Schule effizient voranbringen. Deshalb werden wir in Zukunft jährlich rund zwei Millionen Euro für die weitere Schaffung von Bildungsregionen bereitstellen", erklärte Rau. Das Land wird die Arbeit der Bildungsbüros in Freiburg und Ravensburg auch nach Ablauf der Pilotphase (Ende 2008) weiter unterstützen. Dazu werde, so Rau weiter, je eine Lehrkraft abgeordnet. Bereits im Sommer hatte der Kultusminister angekündigt, Bildungsregionen nach dem Modell Freiburg und Ravensburg landesweit einzuführen.
Der Fokus der Kooperation richtet sich einerseits auf die Verbesserung der Unterrichtsqualität und andererseits auf die Optimierung der Lern- und Lebenschancen der Kinder und Jugendlichen. Innerhalb der Bildungsregion soll beispielsweise die Lernlaufbahn der Kinder und Jugendlichen so begleitet werden, dass sie ohne Brüche verläuft. Darüber hinaus soll eine bessere Abstimmung und Kooperation zwischen Schulen, Betrieben, Sozial- und Jugendbehörden vor Ort die Ausbildungsfähigkeit der Jugendlichen stärken.
Ausgangspunkt für die zielgerichtete und regional vernetzte Qualitätsentwicklung der Projektschulen war eine jährliche Bestandsaufnahme einschließlich eines Qualitätsvergleichs mit dem Selbstevaluationsinstrument SEIS (SelbstEvaluation In Schulen) der Bertelsmann Stiftung. Bislang nutzen 4000 Schulen das standardisierte Instrument zur Selbstevaluation, in Baden-Württemberg waren es rund 400 Schulen über alle Schularten hinweg. Über Ziele und geeignete Umsetzungsmaßnahmen entschied jede Region eigenständig. Im Rahmen der Pilotphase haben sich die Bildungsregionen drei neue Steuerungselemente zunutze gemacht. Erstens: Die Regionale Steuerungsgruppe, ihr gehören Entscheidungsträger aus Schulaufsicht und Kommune an. Sie definiert beispielsweise regionale Entwicklungsziele, plant die Unterstützung für die Qualitätsentwicklungsprozesse für alle Projektschulen und konzipiert Fortbildungen für Lehrkräfte und Schulleitungen. Zweitens: Das Regionale Bildungsbüro, das als "Geschäftsstelle" des Regionenprojekts fungiert, Abläufe koordiniert sowie Beschlüsse und Vorgaben der Regionalen Steuerungsgruppe vor Ort umsetzt. Drittens: Der Regionale Bildungsbeirat, in ihm sind alle an Bildung und Erziehung beteiligten Institutionen vertreten. Er steht der Regionalen Steuerungsgruppe beratend zur Seite und übernimmt eine wichtige Funktion bei der Entstehung von Netzwerken.
Die Projekte im Kontext der baden-württembergischen Bildungspolitik
Im Zentrum der baden-württembergischen Schulentwicklung steht das Prinzip der Eigenständigkeit der Schule, das im Zuge der Bildungsplanreform im Jahr 2004 eingeführt wurde. Um als solche effizient zu agieren, müssen die Schulen in der Lage sein, die Qualität ihrer Arbeit regelmäßig und systematisch zu überprüfen, insbesondere die des Unterrichts. Aufgrund des eingeräumten Spielraums sind Schulen unabhängiger denn je in ihrer Arbeit und benötigen dazu breite Unterstützung und weite Vernetzung. Die Regionenprojekte verfolgen dieses Ziel besonders intensiv. Schulen lernen, wie sie interne Evaluation einsetzen und in ein Qualitätsmanagement einfügen können. Sie lernen, wie Teamstrukturen und Projektmanagement den Weg in die Eigenständigkeit erleichtern. Darüber hinaus bietet ihnen das jeweilige Regionenprojekt eine optimale Plattform, sich mit anderen Schulen zu vernetzen und gemeinsam Schulentwicklung zu betreiben. Fortbildungsangebote innerhalb des Projekts zum kollegialen Unterrichtsfeedback und anderen Themen wenden sich an alle Lehrkräfte und werden bedarfsgerecht angeboten.
Die Projekte im Kontext der Bertelsmann Stiftung
Bessere Lern- und Lebenschancen für alle Kinder und Jugendliche sind Leitmotiv der Arbeit vieler Menschen und Institutionen. Die Bertelsmann Stiftung hat in den zurückliegenden Jahren dieses Leitziel durch vielfältige Programme im Bildungsbereich unterstützt. Im Zentrum aller Programme stehen nicht nur Fragen zu einem erfolgreicheren Lernen der Kinder und Jugendlichen, der Stärkung der Eigenverantwortlichkeit und der systematischen Qualitätsentwicklung von Bildungsinstitutionen. Es geht zudem um den Aufbau zielgerichteter Unterstützungssysteme, die Öffnung von Bildungsinstitutionen in Richtung des gesellschaftlichen Umfeldes und die Entwicklung neuer Instrumente und Verfahren, durch die die Prozesse der gemeinsamen Zielfindung und der Rechenschaftslegung sowie die Einbettung des öffentlichen Bildungswesens in die Gesellschaft unterstützt werden.
Es ist dabei eine besondere Herausforderung, dass in den unterschiedlichen Lebensphasen von Kindern und Jugendlichen – von den unter 3-Jährigen und Kindergartenkindern über die Schulkinder bis hin zu den jungen Erwachsenen, die in das Berufsleben einsteigen oder die Hochschule besuchen – eine Vielzahl verschiedener Akteure beteiligt sind. "Kooperationen vor Ort machen die Bildungsregionen erfolgreich. So lassen sich gute und pragmatische Lösungen zu Fragen von Bildungsgerechtigkeit, Gesundheit und demographischem Wandel finden und umsetzen", betonte Dr. Jörg Dräger, Mitglied im Vorstand der Bertelsmann Stiftung.
Das Projekt aus Sicht der Bildungsregion Freiburg
Als äußerst gewinnbringend für die Freiburger Bildungslandschaft erweist sich das Projekt "Bildungsregion Freiburg". Von 2006 bis Ende 2008 läuft das gemeinsam von der Stadt Freiburg, dem Land Baden Württemberg und der Bertelsmann Stiftung getragene Projekt, an dem 65 staatliche und private Freiburger Schulen beteiligt sind. "Freiburg als Bildungsstadt ist darauf angewiesen, die vielfältigen Potenziale der Stadt optimal zu nutzen", erklärt Oberbürgermeister Dr. Dieter Salomon. Mit dem Projekt Bildungsregion sei ein überaus erfolgreicher Baustein zur "Schaffung von Bildungsbiografien ohne Brüche" gelungen. Bürgermeisterin Gerda Stuchlik hebt hierbei das aktive Engagement der Freiburger Schulen hervor: "Schule und städtische Gesellschaft arbeiten nun noch enger zusammen und haben die Umrisse einer Freiburger Bildungslandschaft entwickelt."
Insgesamt wurden jeweils rund 11 000 am Schulleben beteiligte Personen zur Schulqualität im Rahmen von drei Selbstevaluationen in Freiburg befragt. Die Beteiligung war mit jeweils 80 Prozent sehr hoch. Die neuen Schulentwicklungsprozesse der 17 Schulnetzwerke, bestehend aus insgesamt 33 Schulen und zahlreichen außerschulischen Partnern, wurden mit einem Innovationsfonds unterstützt. Die Aktivitäten unterteilten sich in Soziales Lernen, Berufliche Orientierung sowie Kulturelle Bildung und Unterstützung von Kindern mit Migrationshintergurnd. Begleitende Fortbildungen zum Schulmanagement (für 50 Schulen) und zur Unterrichtsentwicklung (für 36 Schulen) rundeten das Unterstützungspaket ab. Rund 90 Prozent aller Freiburger staatlichen und privaten Schulen haben davon profitiert.
Es wurden bereits Schulen im Bereich Berufliche Orientierung und Kulturelle Bildung mit Unterstützung des Bildungsbüros systematisch mit außerschulischen Partnern vernetzt. So entstand beispielsweise ein Konzept zur vertiefendenden beruflichen Orientierung für alle Freiburger Hauptschülerinnen und Hauptschüler. Der erstmals veröffentlichte Bildungsbericht der Stadt Freiburg zeigte, dass insbesondere die bessere Unterstützung der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund gut gelingt. Mit der Bereitstellung von 2,2 Stellen für das Regionale Bildungsbüro sowie Mitteln für den Innovationsfonds und die Qualifizierungen zeigt die Stadt, dass Bildung in Freiburg einen hohen Stellenwert einnimmt.
Das Projekt aus Sicht der Bildungsregion Ravensburg
Die Bildungsregion Ravensburg, der zweitgrößte Flächenlandkreis in Baden-Württemberg, kann auf drei Jahre wertvoller Erfahrungen und Entwicklungen zurückblicken, die gekennzeichnet sind durch die lebendige Vielfalt der Aktivitäten und das große Engagement der Akteure vor Ort. Insgesamt haben sich 84 Ravensburger Projektschulen jährlich unter Beteiligung von jeweils 15 000 Personen selbst evaluiert, die Ergebnisse sorgfältig ausgewertet, Stärken herausgearbeitet, neue Herausforderungen analysiert und passende Maßnahmen entwickelt, um die schulische Qualität zu verbessern. Gemeinsam mit den Partnern für Erziehung und Bildung ging es der Region darum, ein gemeinsames Qualitätsverständnis von Bildung zu etablieren, die Bildungsgerechtigkeit zu verbessern, Kinder optimal und individuell zu fördern und dafür eine Verantwortungsgemeinschaft aufzubauen, in der die Zusammenarbeit aller Einrichtungen und Akteure systematisch, effektiv und im Sinne gelingender Bildungsbiographien erfolgt.
Regionalkonferenzen haben es ermöglicht, Schulen und Schulträger in einen lebendigen Austausch zu bringen. Eltern wurden verstärkt in die schulischen Prozesse einbezogen. Das Sprachförderprojekt "Sprache spielend sprechen" hat Kindern zu mehr Selbstvertrauen und Freude am Lernen verholfen. Aufeinander aufbauende Schularten arbeiteten gemeinsam daran, die Übergänge optimaler zu gestalten und konnten bereits konkrete Erfolge bei Leistungen von Schülern und Schülerinnen verzeichnen. Das Thema Berufswelt konnte durch die Verstärkung des Bereichs Schule – Wirtschaft systematischer in die Schulen eingebracht werden. "Wir sitzen jetzt alle an einem Tisch", resümierte Eva-Maria Meschenmoser, Erste Landesbeamtin des Landkreises Ravensburg die neue Form der Zusammenarbeit.
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