Eine zum Teil massiv unfaire und sachlich nicht gerechtfertigte Kritik von Bildungspolitikern und auch Medien an den Leistungen deutscher Schulen hat der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, zum Jahreswechsel kritisiert. Er äußerte die Befürchtung, dass dadurch sehr viele engagierte Lehrkräfte zunehmend verunsichert und in die Resignation getrieben würden.
"Es gibt in Europa kein vergleichbares Land, das sich bei den internationalen Leistungstests PISA und TIMSS in den letzten 6 bis 10 Jahren so stark verbessert hat wie die Bundesrepublik Deutschland. Sowohl bei den 15-Jährigen als auch bei den Grundschülern liegt Deutschland inzwischen zum Teil deutlich über dem Durchschnitt. Einzelne Bundesländer sind im Sekundar- und im Grundschulbereich inzwischen in die absolute Spitzengruppe vorgestoßen (Sachsen bei PISA 2006 Naturwissenschaften, Thüringen im Grundschulbereich beim Lesen, Bayern bei PISA und IGLU). Auch bei der sozialen Chancengerechtigkeit wird Deutschland inzwischen vom PISA-Konsortium attestiert, sich deutlich verbessert zu haben und von einem schlechten Platz in die Mittelgruppe vorgestoßen zu sein. Trotzdem wird in Deutschland munter eine Schulstrukturdebatte geführt, ohne dass es irgendeinen wissenschaftlich fundierten Grund dafür gibt, dass Strukturänderungen zu nachweisbaren Verbesserungen führen. Dadurch werden die erfolgreichen Reformbemühungen an den Schulen vor Ort zunehmend abgewertet und in Frage gestellt", betonte der Verbandschef.
Meidinger verwies darauf, dass sich gerade für die These vom angeblich erfolgreicheren längeren gemeinsamen Lernen aus PISA und der Grundschulstudie IGLU überhaupt keine Argumente ziehen ließen. Sowohl bei der Chancengerechtigkeit als auch bei den Leistungen haben dort Bundesländer mit einer vierjährigen Grundschule und einem voll ausgebauten Gymnasium klar besser abgeschnitten als Bundesländer mit sechsjähriger Grundschule wie Berlin und Brandenburg. Durch Einführung der sechsjährigen Grundschule in Brandenburg vor 7 Jahren seien dort vielmehr die Chancen von Kindern aus sozial benachteiligten Familien deutlich gesunken, das Gymnasium zu besuchen. Auch stimme es nicht, dass die deutschen Grundschüler bei IGLU international sich deutlich besser platziert hätten als die deutschen 15-Jährigen bei PISA. Wenn man nur die Länder vergleiche, die wie Deutschland an beiden Untersuchungen teilgenommen haben, dann belege Deutschland dabei unter rund 30 Staaten bei PISA Platz 9 und bei IGLU Platz 8.
"Wir sind munter dabei, wieder wie in den 60-er und 70-er Jahren in der Bildungspolitik in eine ideologische Strukturdebatte abzugleiten, die irrationale Züge annimmt und sich mit allen Mitteln gegen empirische Erkenntnisse abzuschotten versucht. Überzeugungen treten an die Stelle von Argumentationen. Daraus ergibt sich eine doppelte Gefahr: Zum einen die Gefahr, dass in einzelnen Bundesländern viel Geld und Energie in Strukturänderungen gesteckt wird, während diese Ressourcen für die derzeit laufenden erfolgreichen Reformmaßnahmen (Bildung kleinerer Klassen, mehr Frühförderung, Verbesserung der Unterrichtsqualität) dann schmerzlich fehlen werden - und zum anderen die Gefahr, dass sich immer mehr Lehrkräfte wegen der ständigen bildungspolitischen Kurswechsel in die innere Emigration zurückziehen werden. Beides sind keine guten Perspektiven für weitere Qualitätsverbesserungen im deutschen Bildungswesen", so Meidinger.
Der Verbandsvorsitzende appellierte an die Politiker aller Parteien, die Bildungspolitik nicht weiter zum Hauptexperimentier- und Kampffeld der Parteipolitik zu machen, sondern gerade dort den Konsens zu suchen. "Wer in der Schulpolitik den Konflikt und nicht den Konsens sucht, der wird verlieren. Leider aber auch die betroffenen Schüler, Eltern und Lehrer!"