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Start der landesweiten Kampagne "Starke Grundschule"

BLLV startet Aktion "Unsere Kleinen ganz GROSS" - Präsident Wenzel: "Grundschulen ins Zentrum der schulpolitischen Diskussion rücken"

Mehr zu: Auslese, Bayern, Durchlässigkeit, Elternarbeit, Förderunterricht, Grundschule, Heterogenität, Individuelle Förderung, Lehrerbildung, Leistungsdruck, Schulentwicklung, Übertritt, Vergütung, Schule
München, 16.02.2009 -

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) startet heute die landesweite Aktion "Starke Grundschule - Unsere Kleinen ganz GROSS". Ziel ist es, Grundschulen ins Zentrum der schulpolitischen Diskussion zu rücken. BLLV-Präsident Klaus Wenzel forderte zum Auftakt mehr Förderung, kleinere Klassen und eine freie Schulwahlentscheidung. Verbesserungen sind auch in der Lehrerausbildung nötig: Das Studium muss künftig zehn Semester umfassen und mit einem Master enden. Auch die Besoldung von Grundschullehrerinnen und -lehrern muss angehoben werden.

Vor allem aber wollen die Pädagogen klar machen, dass sie eine längere gemeinsame Schulzeit befürworten: "Wir haben es satt, acht- bis zehnjährige Kinder sortieren zu müssen", erklärte Wenzel. "Solange die Grundschule vom Übertrittsdruck beherrscht wird, geraten emotionale Fähigkeiten ins Hintertreffen, steigt der Leistungsdruck, sinkt die Motivation und boomt die Nachhilfe. Durch die geplante Einführung einer ´Übertrittsphase´ werden die Probleme nicht gelöst, sondern verschlimmert." Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik und Poliklinik der LMU- München für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, betonte: "Wir sollten durch Stärkung der Kompetenzen der Lehrkräfte, durch verbesserte schulische Rahmenbedingungen den Druck, der auf vielen Schülerinnen und Schülern lastet, deutlich vermindern. Nicht nur die Lernleistung ist für unsere Gesellschaft wichtig, sondern auch Kreativität, soziale und emotionale Kompetenz."

An der heute startenden BLLV-Kampagne beteiligen sich zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Erzieherinnen und Eltern aus ganz Bayern. Mit verschiedenen Aktionen wollen sie in den kommenden Wochen den Grundschulen zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen. In vielen Städten und Gemeinden sind Info­stände, Podiumsdiskussionen, Aktionstage und vieles mehr geplant. Bei allen Aktionen werden Unterschriften für eine Petition gesammelt, die im Juli an den Bayerischen Landtag übergeben werden soll. "Die Grundschule ist ohne Zweifel die beste Schule, die wir haben", betonte Wenzel im Vorfeld der Kampagne. "Das liegt aber nicht an den Lern- und Arbeitsbedingungen, sondern an den hervorragenden Lehrkräften, die sich mit viel Engagement und Idealismus für ihre Schüler einsetzen. Es ist höchste Zeit, auf die Probleme in den Grundschulen hinzuweisen und Verbesserungen einzufordern."

Die Grundschule ist für die gesamte Lernbiografie eines Kindes grundlegend, dennoch wird sie in der schul- und bildungspolitischen Diskussion vernachlässigt. Die Bildungsausgaben sprechen Bände: Obwohl in den Grundschulbereich kräftig investiert werden muss, ist er unterfinanziert. Das meiste Geld fließt in die oberen Klassenstufen. Trotzdem bescheinigen internationale Studien den Grundschulen "gute Arbeit". Obwohl die Schule so erfolgreich ist, ist nach vier Jahren Schluss - die Kinder müssen auf weiterführende Schulen wechseln.

Mit der "heilen Welt" ist es spätestens ab der dritten Klasse vorbei: Der Übertrittsdruck setzt ein und beeinträchtigt die an sich gewinnbringende Grundschulzeit massiv. Kreatives, offenes und eigenverantwortliches Lernen, das die Persönlichkeitsbildung und das Selbstvertrauen eines Kindes stärkt und lebenslange Lernmotivation ermöglicht, ist immer weniger erfahrbar. Die Auslese der Schüler orientiert sich im Wesentlichen an drei Ziffernnoten. Soziale oder emotionale Fähigkeiten haben für den Übertritt keine Relevanz, obgleich sie für die Lernbiografien von herausragender Bedeutung sind - "das ist paradox und gefährlich, weil diese wichtigen Fähigkeiten verkümmern", erklärte Wenzel. Der BLLV fordert, jedem Kind individuelle Förderung zu ermöglichen, damit Nachhilfe obsolet wird. Dazu müssen die Klassenhöchstgrenzen deutlich gesenkt und mehr pädagogisches Personal zur Verfügung gestellt werden. Der BLLV fordert ausreichend Förderstunden insbesondere in den Eingangsklassen, außerdem soll es an jeder Schule einen Pool für besondere pädagogische und soziale Herausforderungen sowie einen Schulpsychologen bzw. Beratungslehrer geben. Wenzel wies darauf hin, "dass die Frage des Übertritts oft zur schweren Belastung für die Eltern-Kind-Beziehung wird." Als Zwischenlösung plädiert der BLLV für eine freie Schulwahlentscheidung. "Die Verantwortung wird an die Eltern gegeben mit dem Ziel, die Atmosphäre an den Grundschulen zu entkrampfen. Dieser Zwischenschritt ist pragmatisch, letztlich aber unbefriedigend, weil nur eine deutlich längere gemeinsame Schulzeit die Situation grundlegend ver­bessern kann."

Zum Übertrittsdruck kommen weitere Probleme. Prof. Schulte-Körne: "Die Voraussetzungen, mit denen Kinder heute in die Schule kommen, sind sehr unterschiedlich. Diese Heterogenität, bedingt durch veränderte Familienstrukturen und Anforderungen an Familien, verändertes Erziehungs- und Freizeitverhalten, individuell unterschiedliche Vorraussetzungen, die das Kind mitbringt, stellen Schule heute vor große Herausforderungen. Grundschullehrer/innen haben es mit vielfältigen Problemen zu tun: Kinder mit Konzentrationsstörungen und Aufmerksamkeitsproblemen, ängstliche und verhaltensauffällige Kinder sowie Kinder, die aufgrund veränderter Hirnfunktionen nur sehr langsam lesen, schreiben und rechnen lernen."

Schulte- Körne und Wenzel stellten fest: "Das sind Herausforderungen, die nur dann zu bewältigen sind, wenn die Pädagogen in die Lage versetzt werden, Kinder ganzheitlich zu fördern und nicht nur ihre kognitiven Fähigkeiten zu schulen." Ganzheitliche Förderung verlangt profunde diagnostische Kompetenzen, vielfältiges methodisches und didaktische Können sowie eine große Bandbreite psychologischen Wissens. "Das Studium muss daher auf zehn Semester ausgeweitet, die Besoldung entsprechend angeglichen werden", forderten beide.

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