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Die Zahl medienverwahrloster Kinder steigt

Kriminologe Prof. Dr. Christian Pfeiffer und BLLV-Präsident Klaus Wenzel appellieren an Eltern: "Bildschirmgeräte haben nichts in Kinderzimmern verloren"

Mehr zu: Bayern, E-Learning, Elternarbeit, Gewalt in der Schule, Jugendhilfe und Sozialarbeit, Jugendschutz, Killerspiele, Konfliktlösung, Medienkompetenz, Prävention, Sport, Statistik, Schule
München, 18.03.2009 -

Der unkontrollierte Gebrauch von Fernseher, Computer und Konsolen hat erschreckend negative Folgen für Kinder und Jugendliche. Je früher diese Geräte im Kinderzimmer verfügbar sind, desto negativer ihr Einfluss. Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), appellierte deshalb im Vorfeld des Kamingesprächs, zu dem der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) heute Abend einlädt, an alle Eltern: "Bildschirmgeräte haben in Kinderzimmern nichts verloren." BLLV-Präsident Klaus Wenzel unterstützte seine Forderung: "Inzwischen gelten 16% aller Grundschüler als verhaltensauffällig. Dass dabei auch der steigende und unkontrollierte Medienkonsum eine Rolle spielt, liegt auf der Hand."

Pfeiffer wies darauf hin, dass Jungen von "Medienverwahrlosung" weit stärker betroffen sind als Mädchen. "Verbote helfen nur begrenzt", erklärten er und Wenzel übereinstimmend und verlangten den schnellen Ausbau rhythmisierter Ganztagsschulen. "Kinder und Jugendliche brauchen Angebote, die interessanter als stundenlanges Fernsehen und Computerspielen sind. Vor allem dürfen sie nicht allein gelassen werden." Beide stellten klar, dass Computer zum Handwerkszeug an Schulen gehören müssen, damit alle Schülerinnen und Schüler den richtigen Umgang lernen können. "Erforderlich sind moderne Geräte und qualifiziertes Personal, vor allem aber mehr Zeit."

Pfeiffer verwies auf neue Ergebnisse einer Studie aus Berlin, in der 1000 Kinder ab dem achten Lebensjahr wissenschaftlich begleitet werden. Im Mittelpunkt stehen körperliche Fitness, die Entwicklung der Gesamtverfassung sowie die Entfaltung ihrer Schulleistungen, auch Gewalttätigkeiten werden erfasst. "Die Ergebnisse sind alarmierend", so der Wissenschaftler. "Kinder, die schon vor dem Alter von acht Jahren über alle drei Geräte, nämlich Fernseher, PC und Konsole, in ihrem Zimmer frei verfügen können, entfalten sich in ihren Leistungen schlechter. Die Leistungsabstände zu denen, die keine Geräte im Zimmer haben, werden Jahr für Jahr größer. Auch die Fettleibigkeit steigt bei denen, die mit allen drei Geräten ausgestattet sind, deutlich. Intensivnutzer leiden zu fast einem Drittel an Übergewicht, ein relativ großer Teil von ihnen muss als adipös eingestuft werden. Deutlich wird auch, dass Kinder, die in dritten und vierten Klassen intensiv Gewaltspiele gespielt haben, im Alter von zwölf Jahren deutlich gewalttätiger sind als Kinder, die solche Spiele noch nicht kennen und noch keine gewalttätigen Filme sahen. Wir stellten auch fest, dass bereits bei den jetzt Zwölfjährigen einige beim Computerspielen alle Merkmale von Sucht aufweisen." Grundsätzlich gilt: Kinder, die im realen Leben, großen Belastungen ausgesetzt sind - sozialer Misserfolg, Gewalt in der Familie - suchen nach Erfolg und Anerkennung im Computerspiel. Die Ergebnisse einer 2007/2008 durchgeführten KFN- Befragung mit 2000 Neuntklässlern zeigen, dass derzeit rund drei Prozent der 15jährigen Jungen abhängig sind, weitere 4,9 % sind gefährdet. Ein besonders hohes Abhängigkeitspotential entfaltet dabei das online- Spiel "World of Warcraft". "35 Prozent der 15jährigen Nutzer dieses Spiels bringen es auf eine tägliche Spieldauer von mehr als 4,5 Stunden. Auch das trägt erheblich dazu bei, dass die Schulleistungen der Jungen im Vergleich zu denen der Mädchen immer schlechter werden", so Pfeiffer.

Aus Sicht Pfeiffers helfen Verbote nur begrenzt. "Hilfreich ist sicher das Heraufsetzen der Alterseinstufung. Wirksam kann das Problem aber nur gelöst werden, wenn junge Menschen etwas geboten bekommen, das besser ist als Computerspielen oder Fernsehen. Ich denke an Ganztagsschulen, die mit speziellen Programmen Lust auf Leben wecken. Dazu gehören Sport und Musik, Theater und soziales Lernen." BLLV-Präsident Wenzel unterstützte Pfeiffer in dieser Forderung: "Ich kenne keine Lehrerin und keinen Lehrer, die nicht begeistert von den Erfolgen mit Ganztagsangeboten berichten. Leider hinkt der Ausbau dem Bedarf hinterher. Gebundene Ganztagsschulen, die optimal ausgestattet und rhythmisiert strukturiert sind, haben nach wie vor Seltenheitswert."

Präventionsarbeit ist dann erfolgreich, wenn Heranwachsende den sinnvollen Umgang mit modernen Bildschirmgeräten lernen. Kinder und Jugendliche müssen sich schließlich auf die Anforderungen der modernen Berufswelt vorbereiten, dazu gehören Internet-Know-how und der sichere Umgang mit dem PC. Auch die Lebenswelt Schule kann durch den Einsatz von Computern bereichert, Lernen vielfältiger gestaltet werden. Inzwischen können Lehrer und Eltern zwar auf Unterstützungsangebote zurückgreifen, der Einsatz von Computern kommt aber an vielen Schulen noch zu kurz. Wenzel: "Sie sind oft unzureichend ausgestattet, Lehrerinnen und Lehrer haben zu wenig Zeit, die Klassen sind zu groß, um mit den Schülern entsprechend arbeiten zu können.

Auch zu Hause kommt es auf den richtigen Umgang an: "Kinder sollten nicht grundsätzlich vom Computer ferngehalten werden", so Pfeiffer: "Es gibt durchaus gute Computerspiele. Zum Beispiel solche, die den betroffenen Kindern unterhaltsam und spielerisch beibringen, wie man sich bei einer bestimmten Erkrankung richtig verhält. Es gibt Lernspiele für Mathematik und Englisch und auch kreative Unterhaltungsspiele, die pädagogisch wertvoll sind." Beim Fernsehen kommt es auf die Auswahl der Sendungen und auf die zeitliche Begrenzung an. Grundsätzlich gilt: "Kinder dürfen nicht allein gelassen werden - auch beim Umgang mit diesen Geräten."

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