Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.
Sonderpädagogische Förderung neu denken
UN-Konvention zu den Rechten behinderter Menschen erfordert neues Denken in Gesellschaft und Politik / BLLV lädt zum Fachsymposium in Nürnberg
Mehr zu: Bayern, Berlin, Bildungsausgaben, Bildungschancen, Deutschland, Förderschule, Handikap, Inklusion, Schulsozialarbeit, SchuleDie Anerkennung der UN-Konvention zu den Rechten behinderter Menschen sehen der Leiter der Fachgruppe Förderschulen im Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV), Frank Tollkühn, und BLLV-Präsident Klaus Wenzel als Chance, Auftrag und Herausforderung. "Wenn die Umsetzung der Inklusionsidee gelingen soll, brauchen wir ein neues Denken in der Gesellschaft und in der Politik", erklärten beide im Vorfeld des heute Nachmittag in Nürnberg stattfindenden BLLV- Symposiums "Sonderpädagogische Förderung in gemeinsamer Verantwortung." "Inklusion ist ein Auftrag an alle und nicht nur an die Sonderpädagogen. Unser gesamtes Schulsystem muss ´barrierefrei´,, die Mauern zwischen den verschiedenen Schularten müssen eingerissen werden", meinten Tollkühn und Wenzel. Zur Umsetzung der UN- Konvention müsse die Politik eine Menge Geld in die Hand nehmen. Die Inklusion setze kleine Klassen, überschaubare Gruppen, genügend Fachpersonal und ein schlüssiges Förderkonzept voraus.
Derzeit sind nicht einmal die einfachsten Voraussetzungen für eine optimale Förderung geboten, wozu nach Meinung des BLLV auch motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehören. Viele Beschäftigte werden mit befristeten Verträgen hingehalten und wissen oftmals nicht, wie sicher ihr Arbeitsverhältnis ist. Auch sind die räumlichen Voraussetzungen nicht erfüllt: In den Förderschulen fehlen Pflegekräfte und in den allgemeinen Schulen barrierefreie Räume. Unzureichend ist die Zahl der Mobilen Sonderpädagogischen Dienste, durch die Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in allgemeinen Schulen gezielt gefördert werden sollen. Pro Kind stehen pro Woche lediglich zwischen einer halben und knapp einer Lehrerstunde zur Verfügung - obwohl der Bedarf in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen ist. Tollkühn forderte pro Schüler pro Woche zwei Lehrerstunden: "Wir brauchen mehr Zeit für Diagnostik, Förderung, Kooperation und Beratung."
Ebenso vehement verlangte er eine angemessene Ausstattung der Förderschulen: "Die sonderpädagogische Förderung eines Kindes muss in jedem Fall professionell erfolgen. Deshalb müssen auch die Förderschulen gestärkt werden. Sie brauchen dringend kleinere Klassen, eine ausreichende Zahl von Therapie- und Förderstunden und nicht zuletzt mehr Schulsozialarbeit und Ganztagsangebote."
Wenzel und Tollkühn beklagten außerdem, "dass die allgemeinbildenden Schulen Inklusion nur selten als wesentlichen Aspekt ihrer Schulentwicklung aufgreifen können und bei der anspruchvollen Aufgabe allein gelassen werden." Ihr Fazit: "In der Summe erschweren diese Umstände die Umsetzung der an sich begrüßenswerten UN- Konvention, die seit Anfang dieses Jahres gilt. Sie wurde mit der Ratifizierung durch die Bundesrepublik zur geltenden Rechtsform und kann eingeklagt werden. Sie verlangt ein "inklusives Bildungssystem."
"Wir sehen uns darin in der Forderung nach mehr Durchlässigkeit bestätigt", erklärte Wenzel. Aus Sicht des BLLV sollte die Trennung zwischen Regel- und Förderschule durchlässiger gestaltet werden, so dass deutlich mehr Kinder als bisher an Regelschulen unterrichtet werden können. Wenzel: "Im Mittelpunkt sollte der unbürokratische und undogmatische Umgang miteinander stehen, die neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Lehrern, Schulen und Eltern zulassen." Das zentrale Problem aber ist, dass differenzierter und individualisierender Unterricht, der für alle Schülerinnen und Schüler notwendig, für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf aber unerlässlich ist, mit den derzeitigen fachlichen und personellen Ressourcen kaum geleistet werden kann. Das führt dazu, dass diese Kinder zwar in der Klasse sitzen, aber nicht ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert werden können. Wer wirklich ein inklusives Modell will, muss daher die Voraussetzungen für Differenzierung und Individualisierung schaffen", fassten Tollkühn und Wenzel zusammen.
Zusätzlich erschwert wird die Umsetzung der UN-Konvention durch das hoch gegliederte Schulsystem in Bayern. "Die damit verbundene Verteilung der Schüler auf verschiedene Schularten macht inklusive Strukturen fast unmöglich", betonte Tollkühn. Das BLLV- Konzept der ´Regionalen Schulentwicklung´ (RSE) bietet dagegen passgenaue Möglichkeiten für wohnortnahe und schulartübergreifende Angebote - "ein weiterer wichtiger Grund der RSE in Bayern eine Chance zu geben", sagte der Fachgruppenleiter.
Der BLLV sieht in der aufkommenden Diskussion eine Chance zur Weiterentwicklung der sonderpädagogischen Förderung in Bayern und wird auf dem heutigen Fachsymposium in Nürnberg, das Thema "Sonderpädagogische Förderung in gemeinsamer Verantwortung" mit Experten diskutieren. Die Veranstaltung, zu der Sie herzlich eingeladen sind, findet von 14.30 bis 19 Uhr im Lehrerhaus, Weidenkellerstraße 6, Nürnberg, statt.
Es sprechen u. a. Prof. Dr. Ulrich Heimlich von der Universität München, Prof. Dr. Rolf Werning von der Universität Hannover, MR Erich Weigl vom Staatsministerium für Unterricht und Kultus, BLLV-Präsident Klaus Wenzel und der Leiter der Abteilung Schulpolitik im BLLV, Dr. Fritz Schäffer.
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