Seit einer offiziellen kultusministeriellen Bekanntmachung liegen die Karten auf dem Tisch: Mit den vorgesehenen Kooperationsschulen und Schulverbünden lassen sich die Probleme im bayerischen Schulsystem nicht lösen. Spaenles Konzept basiert auf strikter Trennung der Schularten und setzt die räumliche Nähe von Realschule und Hauptschule voraus, die beide mindestens zweizügig sein sollen. "Dadurch wird das Schulsterben in ländlichen Regionen beschleunigt, pragmatische und unbürokratische Lösungen vor Ort werden unmöglich gemacht", kritisierte BLLV-Präsident Klaus Wenzel.
Auf einer Pressekonferenz warf er Spaenle vor, das BLLV-Konzept der Regionalen Schulentwicklung, kurz RSE, nicht aufzugreifen. "Die Blockadehaltung geht zu Lasten zahlreicher Kommunen und Schulen." Begleitet wurde Wenzel von Bürgermeistern und Schulleitern aus ganz Bayern. "Sie sind bitter enttäuscht. Viele Wochen haben sie sich um tragfähige Konzepte bemüht und müssen jetzt feststellen, dass bayerische Bildungspolitik ideologische Vorbehalte über ihr vitales Interesse stellt, qualitätsvolle Bildungsangebote vor Ort anbieten zu können." Dr. Ernst Rösner vom Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung bezeichnete das Vorgehen als "Rückschritt mit verhängnisvollen Folgen." Andere Länder machten längst vor, dass Schulentwicklung funktioniert.
Wenzel betonte, dass die vom Kultusministerium vorgesehenen Kooperationsmodelle nur in "wenigen Einzelfällen umzusetzen sind", wobei auch hier die Voraussetzungen stimmen müssen: Entsprechende Ausstattung mit zusätzlichem Personal, Lehrerstunden und eigene finanzielle Ressourcen. "Darüber hinaus muss die Möglichkeit bestehen, innovative, pädagogische Konzepte zu verwirklichen", forderte er. "Grundlage hierfür müssen die gebundene rhythmisierte Ganztagsschule, ein individualisiertes Förderkonzept und modulare Bildungsansätze sein."
"Die amtlich verordneten Regelungen zur Zusammenarbeit von Haupt- und Realschulen in Bayern sind insgesamt gesehen ein durchgängig mutloses Unterfangen", erklärte Rösner. Durch striktes Festhalten an der Eigenständigkeit beider Schulformen bleiben pädagogische Potenziale ungenutzt. Dabei hat der bei PISA sehr erfolgreiche Freistaat Sachsen demonstriert, dass ein gemeinsamer Bildungsgang aus Hauptschule und Realschule äußerst erfolgreich Schülerkompetenzen entwickeln kann. Im Übrigen ist die bayerische Regelung kein Mittel, dem drohenden Sterben der Hauptschulen im ländlichen Raum entgegenzuwirken. Was die dringend erforderlichen Schulstrukturreformen angeht, behält im Vergleich der Bundesländer Bayern gemeinsam mit Baden-Württemberg das Schlusslicht."
Der Landesausschuss des BLLV reagierte bestürzt auf die kultusministerielle Bekanntmachung vom 13. März. Die 78 BLLV- Experten - zu ihnen zählen Vertreter/innen aller Schularten in Bayern - stellen in einer einstimmig verabschiedeten Resolution fest, "dass das dogmatische Festhalten an einer starren Trennung der Schularten die notwendige Flexibilität für passgenaue Lösungen unmöglich macht und den Auslesedruck an den Schulen weiter verstärkt." Das Gremium sieht in der vorliegenden Fassung zum Modellversuch Kooperationsschulen "den Tod der wohnortnahen Hauptschulen, die durch ein grobmaschiges Netz zentralisierter und großer Realschulen ersetzt werden. Diesen Weg kann und will der BLLV nicht mit gehen"
Wenzel: "Das Kultusministerium hat über viele Wochen bei allen Beteiligten große Hoffnungen auf Realisierung einer modernen Schulentwicklung geweckt. Lange Zeit sah es so aus, dass Anbindungen von Realschulzweigen an Hauptschulen genehmigt und Modellversuche für neue Kooperationsformen erprobt werden dürfen. Wie sich nun allerdings herausstellt, basieren die zugelassenen Schulformen auf strikter Trennung und nicht auf Kooperation. Sie bieten gerade kleineren Hauptschulen in strukturschwächeren Regionen keine ernsthafte Entwicklungsperspektive." Nach den derzeitigen Vorgaben dürfen neue Kooperationsmodelle zwar erprobt werden, allerdings nur, wenn dabei die Eigenständigkeit der Schularten Haupt- und Realschule erhalten bleibt. Weiter heißt es in dem kultusministeriellen Schreiben auch, dass ´jede Schülerin und jeder Schüler im Rahmen der Kooperation wissen müsse, welcher Schulart sie/er angehöre´. Wenzel: "Diese Aussage ist nicht nur unpädagogisch, sie ist diskriminierend. Sie konterkariert die RSE, die gerade nicht auf einer starren Trennung der Schularten basiert. Mit den Kooperationsschulen werden auch nicht die Probleme des Auslesedrucks und der Durchlässigkeit gelöst.
RSE versteht sich als ein Konzept, mit dem ein organischer Wandlungsprozess eingeleitet werden kann - unabhängig davon, ob er dem Dogma der Dreigliedrigkeit entspricht oder nicht. Es geht um pragmatische, flexible und pädagogisch hochwertige Lösungen im Konsens mit Gemeinden, Eltern und Schulen. Das Ziel ist, wohnortnahe Schulen zu erhalten und anschlussfähige, qualitativ hochwertige Abschlüsse anzubieten."
Der BLLV befürchtet nun, dass Anträge, die einen Realschulabschluss vor Ort vorsehen, reihenweise abgelehnt werden. "Es steht zu befürchten, dass in den kommenden drei bis fünf Jahren weitere 300 bis 350 Hauptschulen schließen müssen", warnte Wenzel. Der ländliche Raum wird weiter empfindlich geschwächt. Die bei der Pressekonferenz anwesenden Bürgermeister und Schulleiter machten keinen Hehl aus ihrem Unmut. Sie signalisierten aber auch, weiterhin massiven Druck auf Staatsregierung und Kultusministerium ausüben zu wollen. "Wir werden nicht locker lassen und die verantwortlichen Politiker mit Anträgen überhäufen", erklärten sie unisono.