Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
"Die meisten Lehrerinnen und Lehrer sind verkannte Helden des Alltags"
GEW zur OECD-Lehrerstudie TALIS und zur Online-Lehrerbefragung der GEW
Mehr zu: Deutschland, Heterogenität, Lehrerarbeitszeit, Lehrerbildung, Lehrermangel, Schulmanagement, Schulträger, Unterrichtsversorgung, Schule"Die meisten Lehrerinnen und Lehrer sind für mich verkannte Helden des Alltags." Mit diesen Worten kommentierte Marianne Demmer, Vize-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft(GEW) und für den Schulbereich zuständig, heute die Ergebnisse einer Online-Lehrerbefragung, die die GEW Ende 2008 durchgeführt hat. Die GEW hatte sich zu diesem Schritt entschlossen, weil die Kultusministerkonferenz eine offizielle Beteiligung Deutschlands an der OECD- Lehrerbefragung TALIS trotz intensiven Drängens abgelehnt hatte. Mit Zustimmung der OECD konnte die GEW für die Befragung die offiziellen TALIS-Fragebögen benutzen.
TALIS ist die Abkürzung für Teaching and Learning International Survey. Nach Angaben Demmers müssen die Lehrerinnen und Lehrer teilweise unter schwierigen Bedingungen arbeiten: In zu kleinen Räumen mit zu vielen Schülerinnen, Räumen, die entweder überhitzt oder zu kalt und zu laut sind. Zwischen 40 und 50 Prozent der ebenfalls befragten Schulleitungen sehen allein in schlechter Wärmeregulierung und Lärmisolierung Beeinträchtigungen für die Unterrichtserteilung.
Wenn die "Helden des Alltags" Pech haben, arbeiten sie zudem an einer Schule mit baulichen Mängeln (55 Prozent), vielleicht regnet es durchs Dach. Und vielleicht haben sie mit unzulänglichen Lern- und Unterrichtsmaterialien zu kämpfen, es fehlt an Computern und die Schulbücherei ist in einem schlechten Zustand. Zwischen 40 und 60 Prozent der Schulen sind nach Angaben der Schulleitungen davon betroffen – national ebenso wie international.
Mit großer Wahrscheinlichkeit arbeiten die Lehrkräfte dazu an einer Schule, wo es kein oder zu wenig unterstützendes Personal wie Sozialarbeiter, Schulpsychologen oder Logopäden gibt. 82 Prozent der befragten Schulleitungen geben das an, fast doppelt so viel wie im internationalen Durchschnitt mit 46 Prozent. Mit dem Fehlen schulnahen Unterstützungspersonals mag auch zusammenhängen, dass die Lehrkräfte in Deutschland mehr Lernzeit mit Unterrichtsstörungen verlieren als der internationale Durchschnitt. (TALIS GEW 17 Prozent; TALIS OECD 13 Prozent). Zwar sind die Schülerinnen und Schüler in der GEW-Stichprobe insgesamt ein klein wenig braver als ihre internationalen Kollegen; bei den Unterrichtsstörungen und im Gebrauch einer vulgären und ordinären Ausdrucksweise sind sie allerdings "Spitze".
Hinzu kommt, dass viele Lehrkräfte nicht mehr die Jüngsten sind. 42 Prozent von ihnen und sogar 72 Prozent der Schulleiter sind älter als 50 Jahre. Im internationalen Vergleich sind nur etwas mehr als ein Viertel die Lehrerinnen und Lehrer älter als 50 Jahre. Die Lehrerschaft in Deutschland ist derzeit eine Profession im Umbruch, die sich jedoch bewundernswert hält.
In der Befragung zeigt sich eine überwiegend motivierte, engagierte und fleißige Profession, die so heterogen ist wie ihre Schülerinnen und Schüler. Es präsentieren sich weder faule Säcke noch arme Schweine, sondern es präsentieren sich mehrheitlich selbstbewusste Männer und Frauen, die trotz hohen Durchschnittsalters offen sind für Selbstreflexion und alles, was im Alltag hilft, das Lehren und Lernen zu verbessern, die wissen, wie es gehen könnte, aber oft nicht (mehr) können ...
Das Interesse an beruflicher Weiterentwicklung ist so stark ausgeprägt, dass dazu sogar finanzielle Einbußen in Kauf genommen werden. Deutlich mehr als die Hälfte der Lehrkräfte berichtet beispielsweise, dass sie die besuchten Fortbildungsveranstaltungen ganz oder teilweise selbst bezahlt hat. In der internationalen TALIS-Stichprobe sagt dies nur etwa ein Drittel. Die Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland bilden sich zu fast 100 Prozent regelmäßig fort, wünschen mehr Feedback sowie die Evaluation und Beurteilung der eigenen Arbeit – vorausgesetzt die Verfahren sind fair und nützlich. Vor allem beim Nutzen hapert es jedoch nach ihren Angaben noch gewaltig.
Aber auch die Lehrerinnen und Lehrer sind natürlich keine Engel und wie in jedem Berufsstand nicht frei von schwarzen Schafen und überforderten Kollegen und Kolleginnen. Unzureichende Unterrichtsvorbereitung bei durch die Schulleitungen geschätzten 18 Prozent in der GEW-Stichprobe und sogar 24 Prozent im internationalen Durchschnitt sind nicht akzeptabel, zwingen zum Nachdenken und was zu tun. In Zeiten von Lehrermangel verbieten sich alle Träume von schnellem "hire and fire", denen manche anhängen.
Die GEW legt der KMK dringend nahe, die nationalen und internationalen Ergebnisse der TALIS-Studie sehr ernst zu nehmen. Die GEW-Vize betonte: "Die gesamte Studie ist voll von Herausforderungen, vor denen niemand borniert die Augen verschließen darf. Die Kultusminister, die Schulträger, die Lehrerbildung und die Lehrerinnen und Lehrer selbst sind gefordert, sich der schwierigen Situation zu stellen und nach Lösungen zu suchen." Demmer betonte, dass sie immer wieder auf´s Neue darüber verärgert sei, dass sich viele Kultusminister für die Kenntnisse, Meinungen und Überzeugungen der Lehrerschaft nicht interessierten, wie die Nichtteilnahme an TALIS zeige. Offenbar herrsche mancherorts immer noch der naive Glaube, gute Schule und guten Unterricht ohne die Lehrer und ihre Expertise machen zu können. Demmer: "Gute Bildungspolitiker sind daran zu erkennen, dass sie den manchmal konfliktreichen Dialog mit den Lehrkräften nicht scheuen."
Die größten Herausforderungen sieht die GEW in folgenden Fragen:
- Bekämpfung des Lehrermangels und Management des Generationenwechsels sowohl bei Lehrkräften wie bei Schulleitungen
- Aus- und Fortbildung im Umgang mit einer heterogenen Schülerschaft und im Vermeiden von Unterrichtsstörungen
- Anregungsreiche, gesunde Lernumgebungen; hier sind vor allem auch die Schulträger gefragt
- Einstellen von Unterstützungspersonal "in großem Stil"
- Individuelle Konzepte für Lehrkräfte, die ihren Aufgaben nicht gewachsen sind.
- folgenreiche Evaluation und Feedback, die zu Verbesserungen führen.
Evaluation um der Evaluation willen ist für die Katz.
Die Ansicht der OECD, dass finanzielle Anreize zur Verbesserung des Unterrichts führen, teilt die GEW-Vize "ganz und gar" nicht. Wer das glaube, habe die Lehrkräfte nicht verstanden. Für diese seien immaterielle Anreize wie z.B. Fortbildung oder die Möglichkeit zu forschungsbezogenem Arbeiten viel interessanter als "irgendeine Leistungsbezahlung". Finanzielle Anreize entpuppten sich in der Regel als Strohfeuer, die immateriellen Anreize hingegen wirkten nachhaltig. In der GEW-Befragung hatten sich 85 Prozent für immaterielle Anreize und Anerkennungen ausgesprochen.
Insgesamt betonte die Schulexpertin, dass die GEW einer Verbesserung des Unterrichts natürlich aufgeschlossen gegenüber stehe. Aber es sei wichtig, auch die Grenzen zu sehen, die durch die Rahmenbedingungen und die Schulstruktur gesetzt seien. Demmer: "Lehrer sind zwar Helden des Alltags aber keine Zauberkünstler, die kaputte Schulen und ein kaputtes System allein mit Engagement und und ein kaputtes System allein mit Engagement und gutem Willen reparieren können.
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