Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg bedauert es, dass so viele, in diesen Tagen fertig ausgebildete Lehrer trotz guter Abschlussnoten keine Anstellung bekommen werden. Nach über fünf Jahren qualifizierter, aber hoch spezialisierter Ausbildung stehen - ähnlich wie im letzten Jahr - zu viele junge Pädagogen vor einem Scherbenhaufen, wo doch deren Berufslaufbahn erst beginnen sollte. Sie werden nicht in den Schuldienst des Landes übernommen, obwohl an den Schulen Lehrer dringend benötigt würden, was nicht nur Eltern bei übervollen Klassen und häufigem Unterrichtsausfall mit zunehmenden Unmut missbilligend feststellen.
Maßlose Enttäuschung steht den jungen Lehrkräften in den Gesichtern geschrieben, die nach ihrer über fünfjährigen Ausbildungszeit an Hochschulen und Seminaren in diesen Tagen von den zuständigen Regierungspräsidien erfahren müssen, dass sie nicht als Lehrer in den Schuldienst des Landes übernommen werden, obwohl sie eigentlich einen dafür qualifizierenden Abschluss erreicht haben. "Und etwas anderes als `Schulehalten´, haben diese jungen Menschen nicht gelernt", moniert VBE-Chef Rudolf Karg. Obendrein sei die Ausbildung so spezialisiert, dass ein Grundschullehrer nicht an einem Gymnasium eingesetzt werden könne, und es auch umgekehrt nicht funktioniere.
Jetzt stehen diese abgewiesenen, gut 25 Jahre alten Jungakademiker ohne finanzielle Mittel und Perspektive da, obwohl die Kosten für Wohnungsmiete, Heizung, Wasser, Lebensmittel und Versicherungen alle weiter laufen und von ihnen bestritten werden müssen. So wird mancher Akademiker noch vor der Aufnahme der Arbeit arbeitslos und wird wohl in der nächsten Zeit Regale auffüllen gehen oder an der Kasse eines Supermarktes seinen Unterhalt verdienen müssen und weiter auf eine Krankheitsvertretungsstelle irgendwo an einer Schule hoffen.
Der VBE wirft dem Kultusministerium vor, für diese Misere die Hauptverantwortung zu tragen. Immer wieder hatte der gewerkschaftliche Berufsverband eine Langzeit-Lehrerbedarfsanalyse mit verlässlichen Zahlen angemahnt.
Es bringe auch nichts, so der VBE-Chef, wenn das Kultusministerium kurz vor Ende der Ausbildung auf eine mangelnde berufliche Perspektive hinweise. Junge Menschen sollten im Voraus verlässlich informiert werden, ob es lohneswert sei, ein Lehramtsstudium aufzunehmen, und vor allem: welches. Dazu müssten gesicherte Daten, insbesondere korrekte Schülerzahlen, vorliegen. Auf der einen Seite werbe das Kultusministerium in anderen Bundesländern um Lehrer, andererseits lasse es die Zukunftsträume hochmotivierter Pädagogen wie Seifenblasen platzen, gebe ihnen lediglich die Perspektive einer langen Warteliste für eine Stelle.
"Es ist beschämend, dass in Zeiten, in denen Schülern und Lehrern ständig mehr zugemutet wird und Kinder in viel zu großen Klassen unter immer schlechteren Bedingungen unterrichtet werden, so viele Lehrer in die Arbeitslosigkeit entlassen werden", schimpft der VBE-Vorsitzende. Durch die unterschiedliche Ausbildung der Lehrer - an Universitäten oder an Pädagogischen Hochschulen - ist auch ein schulartübergreifender Einsatz später nicht möglich.
Schon lange fordert der VBE: "Alle Lehrer sind Lehrer". Durch eine radikale Änderung der Lehrerausbildung wäre auch ein bedarfsgerechterer Einsatz nach dem Studium und dem Referendariat möglich. In Nordrhein-Westfalen werden jetzt alle Lehrer, unabhängig von der Schulart, an der sie später unterrichten, zehn Semester lang an der Universität auf den Beruf vorbereitet. "Die dortige Landesregierung macht auf diese Weise dem unsinnigen Denken ein Ende, die Lehrerausbildung könne umso kürzer sein, je jünger die zu unterrichtenden Kinder sind", lobt Rudolf Karg diesen Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik. Baden-Württemberg müsse da noch einiges lernen.