Die Experten sind sich darin einig: Jede Erziehung muss auch Medienerziehung sein. Denn Kinder und Jugendliche nutzen in ihrem Alltag neue Medien zwar ganz selbstverständlich, lernen aber nicht immer verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen. Darauf muss die Schule reagieren. Nicht zuletzt deshalb, weil der Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen mitunter auch negative Auswirkungen auf den Unterricht hat: Häufig lässt die Aufmerksamkeitsspanne und das Interesse an herkömmlichen Unterrichtsaufbereitungen nach. Der Beltz Verlag antwortet nun mit seinem neuen Schwerpunkt Medienpädagogik auf diese Herausforderungen. Dieser bietet Lehrern und Sozialpädagogen viele praktische Umsetzungsmöglichkeiten für den effektiven Unterricht mit neuen Medien.
Die Bücher des Schwerpunktes Medienpädagogik von Herausgeber Norbert Neuß, Vorsitzender der GMK, Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur, regen dazu an, die Schüler nicht mit den Möglichkeiten und Grenzen der neuen Technologien alleine zu lassen. Sie stellen sie in den Mittelpunkt des Unterrichts und fordern dazu auf, sich bewusst mit Medien auseinanderzusetzen und einen verantwortungsvollen Umgang damit zu lernen.
Drei Bücher sind in diesem Schwerpunkt bislang erschienen. Der Band von **Jan- Arne Sohns und Rüdiger Utikal: Popkultur trifft Schule** beschäftigt sich vor allem mit der Möglichkeit der Einbindung von Popkultur in den Unterricht, um positive Lernanlässe zu bieten. Dabei sind TV-Serien und Filme genauso ein Thema wie Podcasting, Literatur oder Musikclips. Wie neue Medien im Sinne des Storytellings eingesetzt werden können, greift Hans W. Giessen in seinem Band Emotionale Intelligenz in der Schule auf, in dem die neuesten Ergebnisse von Experten wie Daniel Goleman und Howard Gardner präsentiert werden. Wie man Filme für den Unterricht auswählt, analysiert und darüber mit Schülern diskutiert, zeigt Erhart Schröter in seinem Band: Filme im Unterricht.
Cornelia Matz, Lektorin des Schwerpunktes Medienpädagogik: "Der Umgang mit Medien und medialen Inhalten wird immer wichtiger, und die Spitze ist vermutlich längst noch nicht erreicht. Viele Lehrer stehen vor der Aufgabe, ihre Schüler im ›digitalen Zeitalter‹ kompetent zu begleiten, wünschen sich allerdings selbst Unterstützung dabei. ›Beltz Medienpädagogik‹ kann diese Unterstützung bieten. Wir sind froh, dass wir Professor Norbert Neuß als Herausgeber gewinnen konnten. Er ist Vorsitzender der ›Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur‹ und hat somit einen guten Einblick in verschiedene Facetten der medienpädagogischen Arbeit in Deutschland."
Ein Interview mit Prof. Norbert Neuß, Vorsitzender der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur sowie Herausgeber verschiedener Publikationen zum Thema "Medienpädagogik" bei Beltz.
Warum lohnt es sich, sich in Bildungseinrichtungen mit Medienpädagogik zu befassen?
Prof. Norbert Neuß: Medien sind Bestandteil aller Lebensbereiche von Menschen. Dadurch werden diese beeinflusst und verändert. Ob der Fernseher im familiären Alltag, das Internet in der Schule, der PC im Berufsleben, das Handy unter Jugendlichen oder Spielkonsolen bei Kindern. Diese Medien nehmen auf die Kommunikation, die Sicht der Welt, die Informationsgewinnung, das Lernen und Vergessen, die Gesundheit und die Identitätsbildung Einfluss. Ein Beispiel: Wenn mir eine Studentin erläutert, dass "ihr Wissen" über die "arbeitsscheuen Arbeitslosen" aus der Sendung "Britt am Nachmittag" hat, dann ist das nur ein Hinweis darauf, dass hier der mediale Konstruktionscharakter dieser Talkshow nicht erkannt wurde. Wenn die nötige Skepsis gegenüber der Seriosität dieser Inszenierung fehlt, wird aus einer Unterhaltungsshow eine verzerrte Information, die dann wiederum fragliche Haltungen prägt. Medieninhalte sind inszenierte, symbolische Formen, die den inneren Aufbereitungslogiken des jeweiligen Mediums entsprechen. Dazu gehören zunehmend Visualisierbarkeit, Emotionalisierung, Personifizierung und Skandalisierung. Ziel von Medienpädagogik ist es, diese Formen der Wirklichkeitskonstruktion (z.B. geschlechtsstereotype Darstellungen) erkennbar zu machen und in Relation zu nicht medialen Erfahrungsprozessen zu setzen (wahrnehmungsorientierter Ansatz). In diesem Sinne versteht sich Medienpädagogik auch als "politische Bildung".
Was ist Medienpädagogik genau, wie lässt sie sich definieren?
Prof. Norbert Neuß: Medienpädagogik beinhaltet alle sozialpädagogischen, sozialpolitischen und sozialkulturellen Überlegungen und Maßnahmen, wie Angebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die ihre kulturellen und kommunikativen Interessen und Entfaltungsmöglichkeiten, ihre Wachstums- und Entwicklungschancen, politischen Ausdrucks- und Partizipationsmöglichkeiten betreffen. Umfassendes Ziel der Medienpädagogik ist die Förderung der Medienkompetenz. Medienpädagogik ist für alle Lebensalter und pädagogische Institutionen relevant. Sie setzt dabei zentrale Aspekte der Medienbildung und der Medienkompetenz um und untermauert diese durch eigenständige Forschung.
Welches sind die Aufgaben und Ziele von Medienpädagogik?
Prof. Norbert Neuß: Aufgabe der Medienpädagogik ist es anzugeben, an welchen Stellen in der Interaktion von Medien und Menschen (hier vor allem: Kinder und Jugendliche) erziehend und bildend, lehrend und beratend, orientierend und informierend einzugreifen ist. Medienpädagogik setzt sich also zur Aufgabe, Erziehungs- und Bildungsprozesse verantwortungsvoll zu begleiten. Verantwortung ist in freiheitlichen Gesellschaften nicht einfach durch Verbote zu regeln. Daher bedarf es immer wieder einer Ausbalancierung dieser Aufgabe, bei der die pädagogischen Ziele "Mündigkeit und Selbstbestimmung" ganz oben stehen. Sowohl die kritische Beobachtung des Medienmarktes, als auch die Wahrnehmung der Heranwachsenden als aktive Rezipienten helfen bei einer sensiblen Einschätzung. So können enorme Chancen der Medien erkannt und pädagogisch genutzt werden.
Wie stellt sich der IST-Stand der Medienpädagogik in Deutschland dar?
Prof. Norbert Neuß: Ich möchte in diesem Zusammenhang auf ein aktuell veröffentlichtes medienpädagogisches Manifest verweisen: Darin wird genau erläutert, dass es verstärkter medienpädagogischer Anstrengungen bedarf, in Erziehungs- und Ausbildungszusammenhängen, den Einfluss der Medien zu erkennen. Hierzu gibt es eine Vielzahl von erprobten medienpädagogischen Methoden, die bisher jedoch einen nur punktuellen Einsatz erfahren. (Weitere Informationen dazu unter www.gmk-net.de/).
In welchen Bereichen könnte noch mehr getan werden?
Prof. Norbert Neuß: Zunächst ist die Schule mit ihrer Vermittlungsaufgabe von Kulturtechniken zu nennen. Medienpädagogik in weiterführenden Schulformen ist ein integrierter Bestandteil der Fächer. Ihre Methoden werden in fächerübergreifenden Projekten eingesetzt, um fachliche, soziale, methodische und medienrelevante Kompetenzen auszubilden. Wo Schulen traditionelle und neue Medien verbinden, entstehen Selbstlernzentren (früher Schulbibliotheken). Medienpädagogische Schwerpunkte tragen zur Profilbildung von Schulkonzepten bei. In der Schule geht es um das Durchschauen und Beurteilen von Gestaltungs- und Wirkungsprinzipien der Medien, das Erkennen und Aufarbeiten von Medienproduktion und -einflüssen, das Auswählen und Nutzen von Medienangeboten und um das Gestalten und Verbreiten eigener Medienprodukte. Weil viele Pädagogen die Medien – und hier sind vor allem die Unterhaltungsmedien wie Fernseher, Computer und Internet – als Verunreiniger ihrer Bildungsansprüche betrachten, setzen sie sich damit auch nur selten inhaltlich auseinander. So entzieht sich eine unserer wichtigsten Bildungsinstitutionen einer gestalterischen, kritischen und verantwortungsvollen Nutzung der Medien. Eine umfassende Medienkompetenz (analytisch, gestalterisch, anwendungsbezogen und rezeptiv) wird aber in Zukunft noch an Relevanz gewinnen.
Vielen Dank, Herr Professor Neuß, für das Gespräch.
Jan-Arne Sohns und Rüdiger Utikal (Hrsg.): "Popkultur trifft Schule". Bausteine für eine neue Medienerziehung
Experten aus dem Kultur- und Bildungssektor vermitteln Lehrern und Sozialpädagogen die Grundlagen für einen Unterricht mit neuen Medien über das Thema "Popkultur". Sie sind der Ansicht,dass gerade die Beschäftigung mit Popkultur für positive Lernanlässe
sorgen kann, weil eine solche die Schüler mitten im Leben abholt. In verschiedenen Beiträgen wird gezeigt, wie beispielsweise Schlager im Geschichtsunterricht behandelt werden und welche Erfahrungen Lehrer mit Podcasting gemacht haben. Zwei Musikredakteure berichten von einem popjournalistischen Projekt mit Schülern. Andere Beiträger zeigen, wie man TV-Serien und Filme im Unterricht einsetzen kann.
Jan-Arne Sohns / Rüdiger Utikal (Hrsg.): Popkultur trifft Schule.Baustein für eine neue Medienerziehung. EUR 19,95, Beltz Pädagogik, ISBN 978-3-407-25475-7, 1. Auflage 07/2009, 286 Seiten. Broschiert.
Hans Giessen (Hrsg.): "Emotionale Intelligenz in der Schule".
Unterrichten mit Geschichten Wer mit Geschichten unterrichtet, spricht die emotionale Intelligenz der Schüler an und fördert sie so nachhaltig. Das Buch zeigt am Beispiel des "Unterrichtens mit Geschichten", wie wichtig Emotionale Intelligenz für den Lernerfolg ist. Die Experten erklären, wie neue Medien für das Erzählen im Unterricht eingesetzt werden können. Dies geschieht über Game-based Learning und digitales Storytelling, welches die Tradition des mündlichen Erzählens mit multimedialer Computertechnik verbindet.
Hans W. Giessen (Hrsg.): Emotionale Intelligenz in der Schule. Unterrichten mit Geschichten. EUR 24,95, Beltz Pädagogik, ISBN 978-3-407-25484-9, 1. Auflage 2009; 151 Seiten. Broschiert.
Erhart Schröter: "Filme im Unterricht". Auswählen, analysieren, diskutieren
Weil sie die Motivation von Schülern steigern, können Filme den Zugang zu vielen Unterrichtsthemen erheblich erleichtern – aus diesem Gedanken heraus hat der Autor eine vollwertige Unterrichtsmethode entwickelt. Er stellt sein Konzept der Arbeit mit Filmsequenzen vor, zeigt, wie die Filmauswahl gelingt, und erklärt anhand von Beispielen, wie sich Filmanalyse effektiv im Unterricht
umsetzen lässt.
Erhart Schröter: Filme im Unterricht. Auswählen, analysieren, diskutieren.
EUR 24,95, ISBN 978-3-407-25497-9, 1. Auflage 2009, 144 Seiten. Broschiert.
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