Sozialdemokratische Partei Deutschlands
Je besser der Stadtteil gestellt ist, desto mehr Gymnasialempfehlungen gibt es
Mehr zu: Bildungschancen, Elternwille, Grundschule, Grundschulempfehlung, Gymnasium, Hamburg, Rabe, Schulgesetz, Schulstruktur, Stadtteilschule, Statistik, Übertritt, SchuleDie SPD-Bürgerschaftsfraktion hat erstmals die Gymnasialempfehlungen der Hamburger Grundschulen untersucht. "Die bislang in Hamburg unbekannten Zahlen zeigen: Hamburgs Grundschulen können die soziale Spaltung der Stadt nicht überwinden" – so fasste der schulpolitische Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion, Ties Rabe, die Ergebnisse der Untersuchung zusammen. Basis ist die Antwort des Senats auf eine Große Anfrage der SPD-Bürgerschaftsfraktion. Schüler aus wohlhabenden Stadtteilen werden – so geht aus der Antwort hervor – drei Mal so häufig zum Gymnasium empfohlen wie Schüler aus benachteiligten Stadtteilen.
"Die vorliegenden Zahlen zeigen aber auch sehr große und kaum zu erklärende Unterschiede bei den Empfehlungsquoten der Schulen. Es ist unverständlich, dass der Senat das Elternwahlrecht abschaffen will, ohne verlässliche Zahlen über das Empfehlungs-Verfahren zu kennen. Nach meinem Eindruck ist das Verfahren fehleranfällig und intransparent", sagte Rabe.
Untersucht wurden die Gymnasialempfehlungen für 11.702 Schülerinnen und Schülern aus 208 Grundschulen am Ende des Schuljahres 2007/08. Durchschnittlich wurden 44 Prozent der Schüler zum Gymnasium empfohlen. Rabe: "Die Gymnasialempfehlungen der Grundschulen spiegeln erschreckend genau die soziale Lage der Stadtteile wider. Nur 23,4 % der Schüler aus Schulen in sozialen Brennpunkten werden am Ende der Grundschulzeit zum Gymnasium empfohlen. Dagegen bekommen 69,4% der Schüler aus Schulen in wohlhabenden Stadtteilen eine Gymnasialempfehlung. Die Zahlen sind zwar nur auf der Grundlage eines Jahrgangs ermittelt worden. Aber schon hier ist die soziale Spaltung der Stadt nicht zu übersehen."
Unter den 41 Schulen aus sozial besonders benachteiligten Stadtteilen (so genannte Kess-1-Schulen) sind 29 Schulen, die weniger als 22% der Schüler zum Gymnasium empfehlen. Dagegen sind unter den 29 Schulen aus den sozial privilegiertesten Stadtteilen 20 Schulen, die mehr als 66% ihrer Schüler zum Gymnasium empfehlen. Selbst in den wesentlich größeren 22 Schulregionen (so genannte RSK-Gebiete) ist die soziale Spaltung noch erkennbar. Besonders niedrig ist die Zahl der Gymnasialempfehlungen in Grundschulen der RSK-Gebiete Billstedt/Horn (23,1%), Wilhelmsburg (23,6%), Lurup/Osdorf (26,9%), Mitte (29,9%) und Neugraben/Finkenwerder (29,1%). Sehr hoch ist sie dagegen in den RSK-Gebieten Othmarschen (70,7%), Eimsbüttel (70,5%), Blankenese (67,7%) und Walddörfer (62,7%). Erkennbar ist das soziale Ungleichgewicht auch bei der Empfehlung für Kinder mit Migrationshintergrund: 53,2% der Schüler ohne Migrationshintergrund bekamen eine Gymnasialempfehlung, aber nur 28,7% der Schüler mit Migrationshintergrund.
Nach Ansicht der SPD zeigen die Zahlen aber auch erstaunliche Unterschiede zwischen Schulen mit sozial ähnlichem Einzugsbereich. Die Spannweite zwischen Schulen mit gleichem sozialem Umfeld liegt zwischen 70% und 20% Gymnasialempfehlungen. Fünf der so genannten Kess-4-Schulen empfehlen mehr als 64% ihrer Schüler zum Gymnasium, in drei anderen Kess-4-Schulen liegt die Quote unter 27%. "Diese sehr großen Unterschiede weisen darauf hin, dass es gute und schlechte Schulen gibt, in denen die Kinder unterschiedlich gut lernen. Vermutlich zeigen die unterschiedlichen Empfehlungsquoten aber auch, dass die Empfehlungspraxis von Schule zu Schule und von Lehrer zu Lehrer unterschiedlich gehandhabt wird. Das Empfehlungsverfahren ist fehleranfällig und hat viele Mängel. Die im Schulgesetz verankerten Hinweise sind nur vage formuliert und taugen nicht für ein einheitliches Verfahren," sagte Rabe.
Rabe kritisiert in diesem Zusammenhang auch, dass die Schulbehörde kaum belastbare Zahlen über die Grundschulempfehlung hat. Rabe: "Wenn das Elternwahlrecht wie geplant abgeschafft wird, bekommt die Grundschulempfehlung die entscheidende Bedeutung für den Bildungsweg der Kinder. Trotzdem weiß der Senat nicht, wie diese Empfehlungen ausgesprochen werden, zu welchen Ergebnissen sie führen und ob sie zutreffen. Es gibt weder Zahlen noch Untersuchungen zu diesem Thema. In Sachen Grundschulempfehlung veranstaltet der Senat einen Blindflug."
Die Zahlen zeigten insgesamt: "Der Grundschule bisheriger Prägung gelingt es kaum, die Benachteiligung von Schülern aus sozial schwierigen Stadtteilen zu überwinden. Die extremen Unterschiede bei den Gymnasialempfehlungen werfen zudem viele Fragen auf, auf die die Schulbehörde keine Antwort hat. Einige Unterschiede lassen sich nur so erklären, dass die Empfehlung von Schule zu Schule unterschiedlich gehandhabt wird. Angesichts der bisherigen Praxis ist zu bezweifeln, dass hier ein verlässliches Verfahren gefunden werden kann. Die bisherigen Vorschläge der Schulbehörde bestätigen unsere Sorgen: Vermutlich ist es ein aussichtsloses Unterfangen, elf- bis zwölf-jährigen Kindern für die nächsten sechs bis sieben Schuljahre eine sichere Prognose auszustellen."
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