Ravensburger Elternsurvey 2010: Familienzeit wichtiger als Geld
Was junge Eltern sich wünschen
Mehr zu: Deutschland, Europa, Frühe Förderung, Frühkindliche Bildung, Statistik, Kindergarten / VorschuleViele junge Mütter und Väter denken und verhalten sich anders, als allgemein erwartet wird. Ihre Lebensvorstellungen unterscheiden sich in wesentlichen Dingen (Finanzen, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, gemeinsame Zeit für Kinder) von denen der Elterngeneration. In anderen Dingen (Arbeitsteilung im Haushalt, Aufteilung der Berufszeit) bewegen sich heutige Eltern vielfach in traditionellen Bahnen und sind keineswegs unzufrieden damit. Die Hausfrauenehe hat ausgedient. Die Einkommenshöhe ist für junge Familien weniger wichtig als gemeinhin angenommen. Dennoch steigt die Zufriedenheit mit Einkommen und Gesundheit. Großeltern spielen eine wichtige Helferrolle für die junge Familie – eine unerwartete Erkenntnis. Die meisten Kinder können in mehreren Haushalten des familiären Netzwerks "aufwachsen". All dies ergab die erste Auswertung des "Ravensburger Elternsurvey", eine repräsentative Analyse des "Elterlichen Wohlbefindens" in Deutschland.
Die Stiftung Ravensburger Verlag hatte den Mikrosoziologen Prof. Dr. Hans Bertram (Humboldt-Universität Berlin) und die Familien- und Bildungsökonomin Professorin Dr. C. Katharina Spieß (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung DIW Berlin und Freie Universität Berlin) mit dieser Elternumfrage beauftragt. TNS-Infratest Sozialforschung sicherte die Durchführung der Befragung mit erprobten Instrumenten. Die Stiftung förderte das Forschungsprojekt mit 300.000 Euro.
Erste repräsentative Ergebnisse für ein Well-Being-Konzept Die Auswertung der repräsentativen 70-minütigen Befragung von 1.000 Müttern und 1.000 Vätern – die mindestens ein Kind unter 6 Jahren haben – informiert nun umfassend über die familiäre und berufliche Situation von Eltern in Deutschland, ihre subjektiven und objektiven Zukunftserwartungen an Politik und Gesellschaft sowie ihre Grundprinzipien und Werte. Eine Veröffentlichung mit den gesamten Ergebnissen soll Ende 2010 erscheinen. Die Wissenschaftler präsentierten in Berlin die wichtigsten Erkenntnisse des Projekts:
Baby-Mutter soll zuhause bleiben
Junge Mütter und Väter wünschen sich ein dynamisches Modell für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Vor und nach der Kinderphase wollen sie beide ökonomisch selbstständig sein. Während des Aufwachsens der Kinder wollen Vater und Mutter (in Paarfamilien) Fürsorge für den Nachwuchs und Berufstätigkeit parallel verbinden – und zwar relativ zum Alter der Kinder. Etwa 40 % der Mütter und der Väter mit Kindern unter 3 Jahren meinen, die Mutter solle nicht erwerbstätig sein, Eltern von Kindergartenkindern meinen dies nur noch zu 10 % (Väter) und 8 % (Mütter). Wenn die Kinder zur Schule gehen, möchten 10 % der Mütter voll erwerbstätig sein, 60 % ziehen eine Teilzeitarbeit vor; die Väter denken ähnlich. Dazu erklärt der Mikrosoziologe Bertram: "Zunächst mag es erstaunen, dass junge Eltern so eindeutig meinen, die Mutter solle zugunsten der Fürsorge ihre Berufstätigkeit einschränken. Dies ist aber durchaus eine rationale Entscheidung. Denn junge Frauen verdienen in Deutschland öfter als im europäischen Durchschnitt erheblich weniger als junge Männer."
Familienzeit gemeinsam verbringen
Junge Eltern legen Wert auf die gemeinsam mit den Kindern verbrachte Familienzeit bei Ausflügen und Aktivitäten wie Geschichten vorlesen, gemeinsam spielen, Fernsehen. In finanziellen Angelegenheiten und Erziehungsfragen wollen viele Eltern gemeinsam handeln. Bei anderen Aufgaben – zum Beispiel Wäsche waschen oder Reparaturen – folgt man eher traditionellen Geschlechterrollen. Die Wissenschaftler Bertram und Spieß bezeichneten dieses Muster "als Männlichkeit und Weiblichkeit auf der Basis von Gleichheit im Umgang miteinander".
Großeltern als Kinderbetreuer und Gesprächspartner
Der Alltag von Kindern findet nicht nur mit den Mitgliedern des eigenen Haushalts statt, Eltern verlassen sich stark auf soziale Netzwerke. Von den Großeltern nehmen sie nicht nur konkrete Hilfe an, z. B. bei Krankheit der Kinder oder während der Schulferien, sondern besprechen öfter mit ihnen persönliche Probleme (häufigste Nennung neben dem Partner) als mit Freunden und Bekannten.
Akademikerinnen zufriedener als Mütter ohne Berufsabschluss
Mütter ohne Berufsabschluss sind mit ihrer Partnerschaft unzufriedener, während Väter ohne Abschluss bei kindbezogenen Dingen unzufriedener sind, berichtet die Familienökonomin Spieß. Akademikerinnen sind deutlich zufriedener als Mütter ohne Abschluss. Bei Vätern beeinflusst der Bildungsstand nicht die Lebenszufriedenheit. Jedoch sind vollzeiterwerbstätige Männer zufriedener als nichterwerbstätige. Bei Müttern fällt dieser Faktor, wenn die allgemeine Zufriedenheit betrachtet wird, kaum ins Gewicht, allerdings sind berufstätige Frauen mit ihrer Arbeit und ihrem Einkommen in Teilzeit zufriedener als andere. Mütter in Paarhaushalten mit zwei Kindern hadern eher mit ihrer Lebenssituation als Mütter mit einem oder mehr als zwei Kindern. Nicht verwunderlich: Mütter mit vielen Kindern äußern sich unzufrieden mit Schlaf, Gesundheit, Freizeit. Ihre optimistische Einstellung steigt mit zunehmendem Alter des jüngsten Kindes.
Well-Being für Eltern – Mehr als Budget, Beruf und Bildung
Fazit: Das materielle Wohlbefinden, die Erwerbssituation und die Bildung der Eltern stehen oft im Zentrum der Diskussion um kindliche Entwicklungschancen. Weniger beachtet wird laut Ravensburger Elternsurvey das Zusammenspiel vieler Faktoren für die Zufriedenheit von Müttern und Vätern als Voraussetzung für das Wohl der Kinder: Gesundheit, Persönlichkeit, Partnerbeziehung, soziale Netzwerke, familienpolitische Maßnahmen. Betrachtet man die Zustimmung der Eltern zu familienpolitischen Maßnahmen, so zeigt sich auch hier eindeutig, dass junge Eltern Maßnahmen favorisieren, die ihnen mehr Familienzeit einräumen.
Literatur: Hans Bertram / C. Katharina Spieß: Ravensburger Elternsurvey. Elterliches Wohlbefinden – Erwartungen, Voraussetzungen und Unterstützung der elterlichen Ressourcen für die Zukunft der Kinder. Erste Auswertungen (vorläufige Fassung) mit Grafiken und Tabellen. 74 Seiten Typoskript. Januar 2010. (Dazu gibt es auch eine zehnseitige Kurzfassung.)
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