Kultusministerin zieht positive 100-Tage-Bilanz
Mehr zu: Baden-Württemberg, Bildungschancen, Bildungshaus, Bildungswesen, Grundschulempfehlung, Hauptschule, Schulentwicklung, Schulverwaltung, Sonderschulen, Sprachförderung, Statistik, Übertritt, Sonderthemen- Marion Schick: Intensiver Dialog mit allen am Schulleben Beteiligten
- Umsetzung erster Maßnahmen zu den bei Amtsantritt genannten Schwerpunkte frühkindliche und berufliche Bildung sowie Förderung von Kindern aus bildungsfernen Familien:
- 70 weitere Bildungshäuser und 61 zusätzliche Eingangsklassen an beruflichen Schulen
- Expertenrat soll Lösungsansätze zur Entkopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg erarbeiten
- Vorstellung Gesamtkonzept zu frühkindlicher Bildung im Herbst
"Bildungspolitik kann nur im konstruktiven Dialog und der aktiven Mitwirkung aller Beteiligten gelingen. Ich habe die ersten 100 Tage intensiv genutzt, um mich mit allen am Schulleben Beteiligten auszutauschen und mit Schülerinnen und Schülern, Eltern, Lehrerinnen und Lehrern sowie Erzieherinnen und Erziehern zu sprechen. Der direkte und persönliche Kontakt ist mir besonders wichtig, um Meinungen, Sichtweisen und Einschätzungen aus erster Hand zu erhalten." Dies sagte Kultusministerin Marion Schick am Dienstag (1. Juni 2010) in Stuttgart anlässlich ihrer ersten 100 Tage im Amt und zog ein positives Fazit: "Das baden-württembergische Bildungswesen ist gut aufgestellt. Mein Ziel ist es, das differenzierte und durchlässige Schulwesen des Landes weiter zu verbessern. Bildung hat für die Landesregierung oberste Priorität. Wir werden auch weiterhin in Bildung und damit in die Zukunft unseres Landes investieren." Baden-Württemberg stehe für ein verlässliches, durchlässiges und qualitativ hochwertiges Bildungssystem, das Kindern und Jugendlichen Wege in die Zukunft baue und Perspektiven für ein erfolgreiches und selbstbestimmtes Leben eröffne.
Kontinuität und Verlässlichkeit Eckpfeiler der Bildungspolitik
Kontinuität und Verlässlichkeit der Bildungspolitik blieben auch weiterhin Eckpfeiler konservativer Bildungspolitik in Baden-Württemberg, erklärte Schick. "Was die Schulen, Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler jetzt brauchen, ist Ruhe und Zeit zur Konsolidierung, damit die grundlegenden und notwendigen Reformen der vergangenen Jahre ihre Wirkung entfalten können. Dazu zählt insbesondere die Rückbesinnung auf die Kernaufgabe von Schule und Bildungspolitik: Die tatsächliche Verbesserung der Zukunftschancen unserer Kinder und Jugendlichen. Das ist die zentrale Botschaft, die ich aus den vielen Gesprächen in den ersten 100 Tagen mitgenommen habe. Ich werde deshalb keine ideologischen Scheindebatten führen, sondern dort ansetzen, wo es nachweislich um die Zukunft unser Schülerinnen und Schüler geht. Mit mir wird es deshalb keine sinnlose Reformitis geben."
Das differenzierte Bildungssystem des Landes ermögliche eine intensive individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler und werde den unterschiedlichen Talenten und Begabungen gerecht. Die ständige Diskussion um die Schulstruktur lenke nur von den eigentlichen Herausforderungen ab. "Die Schulqualität hängt nicht von der Schulstruktur ab", hob Schick hervor. Sie sei jedoch offen für Vorschläge, die tatsächlich der Verbesserung der Qualität des differenzierten Schulsystems dienten. Die Ministerin machte zugleich deutlich, dass sie für eine effiziente Verwendung der vorhandenen Ressourcen Sorge tragen werde. "In Anbetracht der schwierigen Haushalts- und Finanzlage müssen wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln verantwortungsbewusst umgehen und die tatsächliche Wirkung der investierten Mittel im Blick behalten", erklärte Schick.
Wichtige Projekte in den ersten 100 Tagen auf den Weg gebracht
In den vergangenen 100 Tagen wurden bereits wichtige Weichen gestellt: Dazu zählt die Umsetzung der UN-Konvention zur gemeinsamen Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung. "Es ist uns gelungen, bereits ab dem kommenden Schuljahr im ganzen Land Angebote zum gemeinsamen Unterricht möglich zu machen", hob die Ministerin hervor. Mit der Absenkung des Klassenteilers auf 28 in allen Grundschulen des Landes, der Einführung pädagogischer Assistenten an Grundschulen und dem Programm "Singen-Bewegen-Sprechen" ab Herbst habe die Landesregierung darüber hinaus sehr starke Akzente im Bereich der frühen und individuellen Förderung gesetzt. Auch die Übernahme der Finanzierung der Sprachförderung durch das Land unterstreiche dies. Als weiteren Schwerpunkt nannte Schick die Einführung der neuen Werkrealschule. Im Zuge der ersten Genehmigungsrunde wird ab dem kommenden Schuljahr an über 500 Standorten der neue sechsjähriger Bildungsgang mit einem "zukunftsweisenden und bundesweit einmaligen pädagogischem Konzept" starten, das die individuelle Förderung mit einer konsequenten Berufsorientierung verbindet (Details siehe Anhang).
Erste Maßnahmen in Schwerpunktbereichen
In ihrem Ausblick kündigte die Ministerin erste Maßnahmen in den von ihr bereits zu Amtsantritt genannten Schwerpunkten an. "Ich habe dazu aus den unzähligen Gesprächen mit allen am Schulleben Beteiligten viele wertvolle Einschätzungen und Sichtweisen mitgenommen, die sich nun in konkreten Maßnahmen niederschlagen."
Verdreifachung der Zahl der Bildungshäuser
Mit Blick auf die frühkindlichen Bildung erklärte Schick: "Früh investieren statt spät reparieren, ist ein entscheidender Ansatz verantwortungsvoller Bildungspolitik." Die Kooperation zwischen Kindergarten und Grundschule im Rahmen des Konzepts "Bildungshäuser 3 – 10", das derzeit in 33 Modellprojekten erprobt wird, sei zukunftsweisend. "Wir wollen die Bildungshäuser weiterentwickeln und sukzessive in die Fläche bringen: Überall dort, wo sich Grundschulen und Kindergärten gemeinsam auf den Weg machen, um zu einem Bildungshaus zusammenzuwachsen, wollen wir dies auch Schritt für Schritt ermöglichen", kündigte Marion Schick an. Bereits im Laufe des nächsten Schuljahres könnten weitere 70 Bildungshäuser in einer ersten Ausbauphase starten, was einer Verdreifachung der jetzigen Zahl entspräche.
Gesamtkonzept frühkindliche Bildung
Darüber hinaus werde auf der Grundlage der Ergebnisse einer im Juli stattfindenden Netzwerkkonferenz ein Konzept erarbeitet, um alle Projekte in diesem Bereich (Orientierungsplan, "Schulreifes Kind", "Bildungshaus 3-10", "Schulanfang auf neuen Wegen", Sprachförderung) miteinander zu verzahnen und damit auf ein gemeinsames Fundament zu stellen. "Im Herbst werde ich ein Gesamtkonzept zur frühkindlichen Bildung und Grundschulbildung vorstellen", erklärte die Kultusministerin.
Auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels seien die Bildungshäuser eine große Chance, für die Kleinsten Bildungsangebote vor Ort sicherzustellen. Denn im ländlichen Raum gelte es, verlässlich dafür zu sorgen, dass Bildung im Dorf bleibt. "Gemäß dem Motto `kurze Beine, kurze Wege´ gilt dies insbesondere für Kindergarten und Grundschule." Die Bildungshäuser böten insbesondere Kommunen, für die eine Fortführung der Hauptschule nicht möglich sei, eine attraktive Zukunftsperspektive. Interessierte Kommunen würden deshalb beim Genehmigungsverfahren besondere Berücksichtigung finden.
Expertenrat zur Förderung von Kindern aus bildungsfernen Familien
"Die besondere individuelle Förderung von Kindern aus bildungsfernen Familien und mit Migrationshintergrund ist für mich eine Herausforderung von zentraler Bedeutung. Ziel muss es sein, den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg stärker zu entkoppeln." Die Effizienz eines Schulsystems bemesse sich unter anderem an der Frage, in welchem Maße es gelinge, möglichst alle jungen Menschen in das Berufsleben zu integrieren und ihnen so ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. "Für diese wichtige Zukunftsaufgabe werde ich einen Expertenrat einsetzen, der sich vertieft mit der Problematik auseinandersetzen und der die Ergebnisse der Enquete zur Beruflichen Bildung mit einbeziehen wird", sagte die Ministerin. Dabei sei wichtig, auch die entwicklungspsychologisch bedeutende Phase zwischen null bis drei Jahren im Blick zu haben. Daher werde auch das Sozialministerium bei der Arbeit des Expertenrates mitwirken.
61 zusätzliche Eingangsklassen an beruflichen Schulen
Die Qualität eines differenzierten Schulsystems werde auch an seinen Gelenkstellen sichtbar, erläuterte Schick. Ein Hauptaugenmerk liege deshalb auf der Sicherstellung der Durchlässigkeit und der Anschlussfähigkeit des baden-württembergischen Bildungssystems. "Dazu werden wir die Übergänge von der Realschule und der Werkrealschule auf berufliche Schulen besser verzahnen und quantitativ weiterentwickeln. Zum Schuljahr 2010/11 richten wir insgesamt 61 zusätzliche Klassen in Bildungsgängen, die zur Hochschulreife führen, ein", so Schick. Das Land setze den starken Ausbau der vergangenen zehn Jahre auf hohem Niveau fort. "Damit können wir 1.900 Schülern zusätzlich mit mittlerem Bildungsabschluss eine attraktive Perspektive bieten." Davon profitierten die beruflichen Gymnasien (25 neuen Klassen), die Berufsoberschulen (vier neue Klassen), die Berufskollegs II kaufmännisch, technisch oder pflegerisch (22 neue Klassen), die kaufmännischen Berufskollegs Fremdsprachen (zwei neue Klassen) und die Berufskollegs zum Erwerb der Fachhochschulreife (acht neue Klassen).
Beratende Begleitung bei Grundschulempfehlung
Weiteres Augenmerk bei der Sicherstellung der Durchlässigkeit und der Anschlussfähigkeit legt die Kultusministerin auf die Grundschulen: "Voraussetzung für erfolgreiche Bildungsbiografien sind einfache Übergänge von der einen in die andere Schulart ohne unnötige Hürden. Zentrales Element an den Grundschulen muss ein früher einsetzender, kontinuierlicher Austausch im Sinne einer beratenden Begleitung zwischen Elternhaus und Schule sein, damit die Grundschulempfehlung für die Eltern keine Überraschung darstellt", erklärte Schick. Ein solch regelmäßiger Austausch zwischen Elternhaus und Schule zum Wohle des Kindes von Anfang an schaffe die Voraussetzung für eine echte Bildungs- und Erziehungspartnerschaft – ohne jedoch die Entscheidung über die weiterführende Schulart allein den Eltern zu überlassen.
Sicherung der Unterrichtsversorgung und der Unterrichtsqualität
"Eine wichtige Säule eines verlässlichen Schulsystems ist die Sicherung der Unterrichtsversorgung, die für uns weiterhin oberste Priorität hat", hob die Ministerin hervor. Das Kultusministerium werde alles tun, um die flächendeckende Unterrichtsversorgung – so weit dies möglich ist – sicherzustellen. Schick mahnte aber zugleich an, mit den zur Verfügung gestellten Ressourcen auch verantwortungsvoll umzugehen. Der Pflichtunterricht müsse Vorrang vor Angeboten im Ergänzungsbereich haben.
Neuausrichtung der Lehrerausbildung
"Hervorragend ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer tragen entscheidend zum Bildungserfolg junger Menschen bei." Mit der Anpassung der Studiengänge zur Lehrerausbildung an die enorm veränderten Anforderungen (ab dem Wintersemester 2010/11 für das gymnasiale Lehramt, ab 2011/12 für Lehrämter an Grund-, Haupt-, Werkreal- und Realschulen sowie Sonderschulen) habe das Land bereits wichtige Reformschritte eingeleitet. "Das Studium wird sich künftig noch stärker an der schulischen Praxis orientieren und erziehungswissenschaftliche Kompetenzen vermitteln", erklärte Schick. In drei aufeinander abgestimmten Schritten solle künftig die persönliche Eignung derer, die Lehrer werden wollten, geprüft werden. Dazu zählen ein obligatorischer Orientierungstest vor dem Studienbeginn, ein Orientierungspraktikum zu Studienbeginn sowie ein Schulpraxissemester im 4. oder 5. Semester, das bestanden werden muss, um das Studium fortsetzen zu können. "Wir streben an, dass Abiturientinnen und Abiturienten künftig schon vor der Aufnahme des Studiums ein hohes Maß an Gewissheit über ihre Eignung für den Lehrerberuf haben."
Stärkung der Unterrichtsqualität
"Kernaufgabe verantwortungsvoller Bildungspolitik ist es darüber hinaus, die Unterrichtsqualität und deren systematische Weiterentwicklung im Fokus zu haben. Dies ist für die Zukunftschancen unserer Kinder und Jugendlichen von entscheidender Bedeutung", sagte die Ministerin. Mit der Fremdevaluation sei bereits ein erfolgreiches Instrument zur Qualitätssicherung und -entwicklung der Schulen etabliert worden, das es nun weiterzuentwickeln gelte. "Ausgehend von den Evaluationsergebnissen müssen über die abzuschließende Zielvereinbarung hinaus in verstärktem Maße anlass- und einzelfallbezogen Konsequenzen aus den Evaluationsbefunden gezogen werden." Das Verfahren müsse stärker auf die Bedürfnisse einzelner Schulen zugeschnitten werden. Auch müsse die Schulverwaltung ihren Blick verstärkt auf identifizierte Problemfelder der einzelnen Schule richten und Beratung und Unterstützung anbieten.
Erfolgsmodell Realschulen weiter stärken
Ein weiteres wichtiges Anliegen sei es, die Arbeit in den Realschulen hervorzuheben, die in der öffentlichen bildungspolitischen Diskussion momentan zu wenig Beachtung und Wertschätzung erfahren. "Die Realschule nimmt eine entscheidende Schlüsselfunktion für die Durchlässigkeit unseres Schulsystems ein. Sie leistet einen sehr wertvollen Beitrag, damit den Schülerinnen und Schülern in Baden-Württemberg ein vielfältiges und differenziertes Bildungsangebot zur Verfügung steht, das auf deren individuellen Talente und Begabungen eingehen kann", sagte die Kultusministerin. Daher sei es wichtig, die Situation der Realschulen genau im Blick zu behalten, damit das Erfolgsmodell Realschule weiterhin Früchte tragen könne.
Große gesellschaftliche und bildungspolitische Bedeutung des Sports
"Die große gesellschaftliche und bildungspolitische Bedeutung des Sports ist unumstritten. Ich bin überzeugt, dass die aufgenommenen Gespräche zum Solidarpakt Sport eine verlässliche Planungsgrundlage für die Sportverbände schaffen werden", betonte Ministerin Schick. Darüber hinaus sehe sie im Zusammenhang mit dem weiteren Ausbau der Ganztagesbetreuung und einer noch stärkeren Kooperation zwischen Sportvereinen und Schulen sehr große Potentiale und Synergieeffekte, die es zu nutzen gelte.
Zukunftsorientierte Weiterentwicklung des Fächerkanons
Mit Blick auf die Weiterentwicklung des Fächerkanons an den Schulen kündigte die Ministerin an, den Ausbau von MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) wie auch eine Internationalisierung der Bildungsangebote konsequent weiterzuverfolgen, um dem Nachfrageboom der Wirtschaft in den naturwissenschaftlich-technischen Berufen wie auch den Herausforderungen der fortscheitenden Globalisierung Rechnung zu tragen. Dazu werden in der Kursstufe am allgemein bildenden Gymnasium Informatik als vierstündiges Wahlkernfach und Naturwissenschaft und Technik (NwT) als zweistündiges Fach weiterhin erprobt. Außerdem soll der Ausbau der erfolgreichen bilingualen Züge an den Realschulen und Gymnasien sowie der "Global Studies" an den beruflichen Gymnasien vorangetrieben werden. "Für das Wirtschaftsgymnasium werden wir auf der Basis dieser Erfahrungen ein neues Profil `Internationale Wirtschaft´ konzipieren", sagte die Kultusministerin. Im kommenden Schuljahr sei entsprechende Bildungsplanarbeit für den bilingualen Profilbereich vorgesehen, um die Schülerinnen und Schüler künftig verstärkt auf die Globalisierung und internationale Verflechtung in der Wirtschaft vorzubereiten. Am technischen Gymnasium befänden sich die MINT-Profile in einem regelmäßigen Weiterentwicklungsprozess, zum Herbst gebe es zudem überarbeitete Lehrpläne für das innovative Profil "Technik und Management".
Hinweis für die Redaktionen:
Kultusministerin Marion Schick stellt sich anlässlich ihrer ersten 100 Tage im Amt am 2. Juni von 14 bis 14.45 Uhr via Live-Video-Chat den Fragen von Schülerinnen, Schüler, Eltern, Lehrkräfte und allen Interessierten. Hier geht´s zum Chat
Zum Chat gelangen Sie auch über die Startseite des Kultusportals: www.kultusportal-bw.de
Anhang
Bilanz der ersten 100 Tage von Kultusministerin Schick (PDF)
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