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Letzte Änderung: 09.02.2012, 08:34
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Zukunft Bildung – die 10 Top-Trends unter der Lupe

Mehr zu: Bildungsmessen, Bologna-Prozess, E-Learning, Medienkompetenz, Schulstress, Social Media, Weiterbildung, Sonderthemen
Basel, 22.06.2010 -

Die Schweizerische Stiftung für audiovisuelle Bildungsangebote (SSAB) hat anlässlich einer Open-Space Veranstaltung im April 2009 zehn Top-Trends im Bildungswesen evaluiert. Diese werden seit Anfang 2010 unter der Leitung der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW) in je zehn deutsch-, respektive französischsprachigen Foren diskutiert. Die Ergebnisse werden am Swiss Forum for Educational Media (SFEM 2010) im Rahmen der WORLDDIDAC Basel vom 27. bis 29. Oktober 2010 vorgestellt und weiter diskutiert. Die WORLDDIDAC Basel ist die größte Informations- und Weiterbildungsveranstaltung in der Schweiz und richtet sich an Lehrpersonen und Pädagogen aller Schulstufen, Bildungspolitiker, Schulleiter und Entscheidungsträger.

Was demnächst auf den Markt kommt, findet sich in den Köpfen jener, die Trends selber setzen wollen. Wie erkennen wir diese Trendsetter und was bewegt sie? Welches sind die neuen Trends beim Lernen mit Web-Medien? Wie werden 2.0-Technologien sinnvoll genutzt?

Wer lehrt und lernt ist betroffen

Es geht um mehr, als den bisherigen Lerninhalt mit neuer Technologie zu vermitteln. Die Frage ist, wieweit sich die Bildungsinhalte selbst, Werthaltungen, methodisch-didaktische Ansätze und die Organisation von Lehren und Lernen verändern. Diese Veränderungen wirken sich auf sämtliche Lehr- und Lernsituationen aus. Betroffen sind die Aus- und Weiterbildung in Hochschulen, in Betrieben und Unternehmungen wie generell der Erwachsenenbildung. Dieser Wandel hat auch die Sekundarstufen II und I und selbst die Vorschulerziehung erfasst.

Trendsetter erkennen – Trends selber setzen

Wer wissen will, was morgen kommt, muss in sozialen Netzwerken die eigentlichen Trendsetter ausmachen. Durch Vernetzung, Kommunikation, Zusammenarbeit und kritische Diskussion entwickeln sich Communities mit einer kollektiven Intelligenz, die das Wissen der Einzelnen ergänzt. Mit Blick auf die nächsten 20 Jahre diskutieren seit Januar 2010 Akteure des Bildungswesens in Internet-Foren zehn Top-Trends.

Keine Institution – ein lebendiges Netzwerk

Hinter den Internet-Foren steht das Swiss Forum for Educational Media (SFEM), das speziell für die neuen computergenerierten, auch dreidimensionalen Lehr- und Lernmitteln sowie virtuellen Umgebungen konzipiert wurde und sich den Bildungstrends widmet. Die Resultate werden im Rahmen der WORLDDIDAC Basel 2010 vom 27. bis 29. Oktober 2010 vorgestellt und in Foren sowie Trend-Cafés vertieft behandelt. Das SFEM in Basel gibt Gelegenheit, sich persönlich zu begegnen oder neu in diese Community einzutreten.

Die 10 Top-Trends am SFEM 2010

  • Kreative Kompetenz wird immer wichtiger. Der Mensch ist, was die Maschine nicht ist.
  • Technologie ist Trendtreiber: Aber warum sind nicht die Menschen mit ihren Bildungsbedürfnissen am Drücker? Was bedeutet es, wenn die Technologie das Bildungswesen "abhängt", weil es nachhinkt, statt Schrittmacherfunktion wahrnimmt?
  • Wandel im Rollenverständnis der Lehrpersonen: vom Schulmeister zum Coach und Begleiter beim viel stärker selbständig organisierten Lernen?
  • Individualisierung und selbstgesteuertes Lernen
  • Googelisierung, Facebook, xing usw.
  • Globalisierung des Lernens
  • Ökonomisierung des Lernens
  • De-Institutionalisierung: Werden die offiziellen Bildungsinstitutionen auf die Erteilung von Qualifikationen/Zertifizierungen reduziert?
  • Vom lerntheoretischen zum systematischen Wissen
  • E-Portfolio: Jeder Lernende erstellt sein eigenes Portfolio.

Zwischenbericht aus den Foren

Die zehn Foren werden seit Januar gestaffelt unter www.educationalmedia.ch aufgeschaltet und parallel in deutscher und französischer Sprache moderiert und diskutiert. Zu sechs Foren liegen abschließende Berichte vor, wobei im Folgenden die in deutscher Sprache zusammengefassten Ergebnisse aus den französischsprachigen Foren (f) an diejenigen aus der deutschsprachigen Diskussion (d) angeschlossen werden, falls bereits zu beiden Foren-Diskussionen Synthesen vorliegen. Interessant ist hierbei, dass in der Romandie ein besonderes Augenmerk sozialkritischen Aspekten gilt. Trend-Foren laufen noch bis Mitte Oktober 2010.

Forum 1

Top-Trend: Kreative Kompetenz wird immer wichtiger. Der Mensch ist, was die Maschine nicht ist.

Kreativität und Emotionalität sind wesentlich den Menschen vorbehalten. Bildung sollte sich darauf konzentrieren, die in informationstechnischen Systemen verfügbare Information und technische Informationsverarbeitungsleistungen kreativ zu nutzen. Die Entwicklung von Kreativität setzt Freiräume im Lehr- und Lernbetrieb voraus. Künftig werden wir im Verlauf des Lebens verschiedene Berufe ausüben, eine neue Einstellung zu stärker selbstbestimmter Arbeit entwickeln und mehr als 50 Prozent der Zeit für das Üben, Trainieren und Weiterentwickeln eigener Fähigkeiten aufwenden, um in den übrigen 50 Prozent ein nicht lineares Einkommen (+/- 30 Prozent Schwankungen) zu realisieren. Die Übergänge zwischen Arbeit und anderen Tätigkeiten werden fließend, was zu größerer Freiheit in der Gestaltung des Alltags führt, aber auch noch mehr Stress nach sich zieht.

Maßnahmen

  • Vermittlung größere Informatikkenntnisse, Förderung einer prozesshaften Sichtweise im logisch-rationalen Denken
  • Emotionale Bildung
  • Entwicklung eines ICH-ICH´s (nach Susanne Cook-Greuter)
  • Schaffung von Spielräumen für Kreativität und von Seinsfreiräumen im weiteren Sinn
  • Schaffung eines pädagogisch ausgerichteten Netzwerkes

Im Zentrum künftiger Bildung stehen ethische Fragen, kultureller Austausch und Kreativität. Es ist zu verhindern, dass die neuen Technologien zu einer technokratischen Gesellschaft führen, die demokratische Werte verhöhnt. Vielmehr ist mit Blick auf immaterielle Aspekte von "Information" die Nutzung der Technologien im Dienst sozialer Innovation zu fördern. Im Vordergrund steht die aktive Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger in der Informationsgesellschaft.

Allgemeine Maßnahmen

  • Bildung einer E-Kultur, die den Graben zwischen Wissen und Gewissen überwindet
  • Einbezug aller und Beseitigung von Chancenungleichheit (E-Inclusion)
  • Schaffung von externen und unabhängigen Organen, welche über E-Inclusion und ethische Aspekte wachen
  • Recht aller auf Partizipation in der Informationsgesellschaft
  • Positionierung der wirklichen versus virtueller Welten
  • Kritisches Reflektieren über die Bildung

Maßnahmen im Bildungswesen

  • Jedes Kind erhält ab 8 Jahren einen Laptop und lernt damit kritisch umzugehen

Forum 2

Top-Trend: Technologie ist Trendtreiber: Aber warum sind nicht die Menschen mit ihren Bildungsbedürfnissen am Drücker? Was bedeutet es, wenn die Technologie das Bildungswesen "abhängt", weil es nachhinkt, statt Schrittmacherfunktion wahrnimmt?

Technische Entwicklungen und soziale Innovationen beeinflussen sich gegenseitig. Es ist daher von einem wechselseitigen Prozess auszugehen. Die entscheidende Frage liegt darin, ob wir uns technischen Entwicklungen unterordnen über die Nutzung der neuen Technologien bestimmen. Bei diesen Entscheiden zur Nutzung spielen gesellschaftliche Wertvorstellungen, individuelle und auch kollektive Interessen eine Rolle. Mit der technischen Entwicklung wird lebenslanges Lernen unerlässlich und es stellt sich die Frage, wie informell erworbenes Wissen und Können besser validiert und als Ergänzung zu formalen Ausbildungsabschlüssen anerkannt wird. Schule und Bildung erfolgt heute in Gebäuden. Braucht es diese in Zukunft noch oder werden diese Bildungsinstitutionen Platz machen, die als elektronische Neuauflage der antiken Agora bezeichnet werden könnten?

Allgemeine Maßnahmen

  • Verstärkte Wahrnehmung der eigenen Verantwortung für lebenslanges Lernen – vom "Konsumieren von Wissen" zu aktiver Mitgestaltung von Wissen?
  • Förderung von Kreativität, technischem Handlungswissen und von kritischem Denken
  • Herstellung eines interkulturellen Gleichgewichts und Einbezug aller (E-Inclusion)
  • Dominanz ethischer Fragen bei Entscheiden zur selektiven Nutzung neuer Technologien

Maßnahmen im Bildungswesen

  • Entwicklung von Verfahren zur Validierung informell erworbenen Wissens und Könnens ("pratique")
  • Jedes Kind erhält einen Laptop und lernt damit kritisch umzugehen

Forum 3

Top-Trend: Wandel im Rollenverständnis der Lehrpersonen: vom Schulmeister zum Coach und Begleiter beim viel stärker selbständig organisierten Lernen

Wissen und Können, das am Arbeitsplatz benötigt wird, stammt zu 80 Prozent aus informellem Lernen. Die Bildungspolitik reagiert mit veralteten Strukturen, z.B. mit Stoffplänen oder mit der Bologna-Reform. Künftig stellt sich die Frage, wie informell erworbenes Wissen validiert und dokumentiert werden kann und soll. Oder versuchen wir mit Portfolios und Kompetenzrastern etwas unter Kontrolle zu bringen, was sich gar nicht kontrollieren lässt? Lehrpersonen sollten größere Freiräume erhalten, weniger dozieren und mehr Lernprozesse steuern. Müssten Lehren und Lernen gar vom Benoten und Selektionieren getrennt werden? Im Sinn eines individualisierten Lernens sollten vermehrt die Stärken der Einzelnen gefördert und weniger Schwächen ausgebessert werden.

Allgemeinere Maßnahmen im Bildungswesen

  • Grösßere Freiräume für Lehrpersonen
  • Förderung von kritischem Denken, mehr Vertrauen und weniger Kontrolle durch Lehrpersonen
  • Förderung der Kreativität – mit Unterwartetem kreativ umgehen können
  • Unterricht Jedes Kind erhält ab 8 Jahren einen Laptop und lernt damit kritisch umzugehen

Spezifische Maßnahmen im Bildungswesen

  • Unterricht im Projekt
  • Unterricht nach Themenblöcken
  • Vernetzung der Lehrpersonen, Ergänzung durch Spezialisten
  • Gezielter Einsatz der Infrastruktur (z.B. Französisch-Zimmer mit stimulierender Atmosphäre)

Lehrpersonen unterrichten Digital Natives, was zu einem wechselseitigen Lehr- und Lernverhältnis führen sollte. Dies führt zu einer veränderten Rolle oder besser zu einer veränderten Praxis der Lehrpersonen. Diese können auch von der jüngeren Generation lernen. Generell sollte die Distanz zwischen Schule als geschütztem Raum ("un monde doré") und der realen Welt reduziert werden.

Forum 4

Top-Trend: Individualisierung und selbstgesteuertes Lernen

Individualisierung kann als kompromisslose Selbststeuerung der Lernenden oder aber als individuelles Feedback der Lehrpersonen verstanden werden. Selbstgesteuertes Lernen ist erst sinnvoll, wenn die Lernenden über genügend Sozial- und Sachkompetenz verfügen; es ist somit vom Alter abhängig. Ein individuelles Feed-back der Lehrpersonen hilft den Lernenden, sich selber im Vergleich mit andern zu positionieren, die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen. Oftmals wäre es besser, die Stärken zu fördern als die Schwächen ausbessern zu wollen.

Allgemeinere Maßnahmen im Bildungswesen

  • Entwicklung zu einer lernenden Gesellschaft, in der Life Long Learning selbstverständlich ist
  • Verringerung der Distanz des Bildungswesens zur realen Welt mit ihrer Alltagspraxis

Forum 5

Top-Trend: Googelisierung, Facebook, xing usw.

Es gibt zwei Visionen von "Schule", jene, die von den Lehrplan-zielen ausgeht und jene, die sich voll nach den Bedürfnissen der Lernenden richtet. Bei der Nutzung der Technologien spielen wirtschaftliche Interessen wie auch Konzepte der Partizipation der Bürgerschaft eine Rolle. Es gibt eine innovative neue Praxis, die sich als soziales Netzwerk manifestiert (social bookmarking, Apps). Es gibt aber auch negative Auswirkungen, denen entgegen zu wirken ist: Ablenkung, welche die Konzentration erschwert, verminderte Gedächtnisleistung und wenig sinnvolles Multitasking. Offen ist, wer die Evaluation und Zertifizierung von erworbenem Wissen vornehmen soll.

Die resultierenden Maßnahmen liegen noch nicht vor.

Forum 6

Top-Trend: Globalisierung des Lernens

Mit Globalisierung des Lernens ist der weltweite Zugang zu Wissen, Erfahrungen und (digital abgebildeten) Kompetenzen angesprochen. Der Lernprozess als solcher ist stets ein individueller Vorgang. Wir alle können den freien, orts- und zeitunabhängigen Zugang zu Lernmaterialien nutzen, ungeachtet unserer Schichtzugehörigkeit oder finanzieller Möglichkeiten. Durch diesen freien Zugang verändert sich das Lernen selbst. Nicht das Aneignen von Wissen, sondern die kritische Beurteilung des Wissens wird zentral. Da mit Lehrinhalten immer auch Werte und Werthaltungen vermittelt werden (heimlicher Lehrplan) sind ethnozentrierte Sichtweisen problematisch und gilt es kulturelle Gleichschaltung oder finanziellen und kulturellen Neokolonialismus den Riegel zu schieben.

Allgemeine Maßnahmen

  • Chancen der globalen Vernetzung von Lehrpersonen und Lernenden nutzen
  • Partnerschaften zwischen Institutionen fördern, auch zur gemeinsamen Entwicklung von Lerninhalten

Mit hybridem Lernen wird eine Mischung des traditionellen Unter-richts mit modernen elektronischen Mitteln angesprochen. Dieses verträgt sich schlecht mit dem, was heute praktiziert wird: Kontrol-len und Assessments für den Quervergleich sowie Vereinheitlichung von Lerninhalten. Generell zeigt sich, dass Top-Down-Reformen schwierig sind. Viel erfolgreicher sind Bottom-up-Reformen. Vielfach wird das Potenzial der neuen Technologien bei weitem nicht ausgeschöpft, sondern wird das "Bisherige" einfach mit den neuen elektronischen Tools abgebildet, ohne die alten Denkschemata zu verlassen. Nach wie vor verschüttet unser Schulsystem auch Fähigkeiten, die Kindern noch eigen sind: Kreativität, spielerisches Lernen im Team, selbständiges Lernen aus Interesse.

Allgemeinere Maßnahmen

  • Förderung von Diversität (Inhalt, Perspektiven, Methoden, Kultur, Sprachen)
  • Förderung der Flexibilität des Individuums
  • Förderung der Kapazität, mit komplexen Fragen umzugehen
  • Größere Freiräume für Lehrpersonen und weniger Kontrollen
  • Förderung des Verantwortungsbewusstseins
  • Abbau von Ungleichheiten
  • Überdenken des Evaluations- und Zertifizierungssystem

Spezifische Maßnahmen im Bildungswesen

  • Bildung von Communities der Lehrpersonen als wichtigster Voraussetzung für Reformen (Bottom-up-Reformen)
  • Unterstützung von Communities of practise zwischen Lehrpersonen
  • Entwicklung von Micro-Apps (auch für das Web Mobile) im Bereich Lernen
  • Katalog der Empfehlungen aus einem Seminar der SATW

Die Ergebnisse aller Trends werden im Rahmen der WORLDDIDAC 2010 Basel am SFEM am 28. und 29. Oktober präsentiert und weiter diskutiert. Der erste Tag wird von Dr. Hanna Muralt Müller, Präsidentin der Schweizerischen Stiftung für audio-visuelle Bildungsangebote (SSAB) deutschsprachig moderiert. Die Debatte am zweiten Tag erfolgt in französischer Sprache von Raymond Morel, membre du comité de la FSFA, président de la Commission des technologies de l´information et de la communi-cation (ICT, SATW).

Die Teilnahme kostet 100 Franken pro Tag oder 130 Franken für beide Tage. In den Gebühren ist der Eintritt an die WORLDDIDAC Basel von 20 Franken inbegriffen. Anmeldung unter www.educationalmedia.ch.

Pressekontakt zu dieser Meldung


Kommunikationsleiter

Daniel Buser Telefon +41 58 206 22 73
Telefax +41 58 206 21 88

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