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Bayern

Der Ausleseauftrag erschlägt Bayerns Schulen

BLLV-Landesausschuss verabschiedet Resolution zur individuellen Förderung / Präsident Wenzel: "Wir brauchen an allen Schulen eine Kultur des Förderns"

Mehr zu: Auslese, Bayern, Bildungschancen, Durchlässigkeit, Individuelle Förderung, Schulentwicklung, Schule
München, 10.12.2010 -

Erneut wendet sich der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) gegen das System der Auslese an bayerischen Schulen und stellt ihm die Forderung nach tatsächlicher individueller Förderung von Schülern entgegen.

In einer entsprechenden Resolution, die der BLLV-Landesausschuss vor kurzem einstimmig verabschiedet hat, stellen die rund 80 Pädagogen fest, dass "der Ausleseauftrag die Schulen beherrscht." Er stehe im Widerspruch zu einer Kultur der individuellen Förderung und führe dazu, dass Bemühungen, dem einzelnen Schüler gerecht zu werden, vielfach in Leere laufen. Die Forderung der Lehrerinnen und Lehrer: In den Mittelpunkt der bayerischen Schul- und Bildungspolitik müsse endlich das einzelne Kind und seine Bedürfnisse gestellt und individuelle Förderung an allen Schulen etabliert werden. Der Landesausschuss, nach den Delegiertentagen das größte Beschlussgremium im BLLV, kommt zweimal pro Jahr zusammen.

Schulen werden in erster Linie als Zuweiser von Lebenschancen wahrgenommen: "Nach fraglichen Kriterien werden dort Leistungen gemessen und Abschlüsse vergeben, die zu weiteren Bildungsgängen berechtigen", erklärte

BLLV-Präsident Klaus Wenzel. "Anders gesagt: Schulen weisen zehnjährigen Kindern Positionen im gesellschaftlichen Gefüge zu."

Die Hauptaufgabe von Lehrkräften scheine inzwischen das Prüfen, Messen und die Vergabe von Zensuren zu sein. Hauptaufgabe der Schüler wiederum sei es, zielorientierte Vorbereitungen auf Prüfungen treffen zu können, und nicht der Erwerb von Kompetenzen. Entscheidend für Eltern und Schüler sei die Note, nicht das Können. Verbindlich für Lehrkräfte seien die Notenschnitte und das durchschnittliche Leistungsniveau der Klasse, nicht aber die individuellen Fördermöglichkeiten bzw. die persönlichen Kompetenzzuwächse der einzelnen Schüler. "Gefragt ist also Durchschnitt, nicht Individualität", fasste Wenzel zusammen.

In der Resolution betont der BLLV ausdrücklich, dass Lehrkräfte das einzelne Kind mit seinen Stärken und Schwächen sehen wollen, es individuell fördern möchten und sich prozess- und kompetenzorientiertes Lernen wünschen. Das aber zähle leider nicht in einem System, das sich vor allem um Übertritte, Zertifikate und Abschlüsse dreht.

"Solange die Hauptaufgabe der Schule Auslese bleibt, solange Lehrkräfte einen Großteil ihrer Energie darauf verwenden müssen, die Eignung oder Nichteignung von Schülern für die einzelnen Schularten möglichst präzise zu erfassen, solange kann sich keine echte Förderkultur etablieren", lautet es in der Resolution weiter.

Deshalb verwehrt sich der BLLV gegen die vom Kultusminister in Umlauf gebrachte "Mär der individuellen Förderung". "Wir verwehren uns auch

gegen den scheinbaren und konstruierten Gegensatz zwischen individueller Förderung und dem Konstrukt einer Einheitsschule, die niemand ernsthaft fordert." Integrative Schulen ermöglichten vielmehr individuelle Förderung und verhinderten sie nicht.

Der BLLV fordert:

  1. Die Schulen vom Sortierauftrag zu befreien und Formen längeren gemeinsamen Lernens zu zulassen.
  2. Die Klassen mit einem Lehrer- bzw. Expertenteam auszustatten. Individualität kann nicht durch eine einzige Lehrperson pro Klasse stattfinden.
  3. Den Budgetierungsschlüssel vor allem in der Grundschule zu erhöhen, denn: Lehrer brauchen Stunden zur individuellen Förderung. Kleingruppen, Differenzierungsangebote und individuelle Lernbegleitung kosten Zeit.
  4. Prozessorientierte und individualisierte Lernfeedbacks, denn ein moderner Lern- und Leistungsbegriff bedeutet kompetenzorientiertes, verständnisintensives, selbstständiges, handlungsorientiertes und soziales Lernen.
  5. Die Schaffung von Kleingruppen, Förderkursen, Differenzierungsgruppen oder modularen Niveaustufen, denn: Unterricht zielt auf Leistung. Kinder wollen lernen und leisten, jeder auf seinem individuellen Niveau.
  6. Lehrer weitreichend in ihrer Fachlichkeit zu professionalisieren; in der Lehrerbildung muss auf die Differenzierung und Förderung so eingegangen werden, dass berufsfeldorientierte Theoriebildung stattfinden kann.
  7. Schulen eigenverantwortlich agieren zu lassen; Individualität darf nicht nur auf den Schüler, sondern muss eben auch auf die Schule bezogen sein. w

Der Wortlaut der BLLV-Resolution ist unter www.bllv.de abrufbar

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