GEW Niedersachsen
Kein großer Wurf, kaum ein erster Schritt
Neuordnung der Lehrerbildung bleibt auf der Tagesordnung
Mehr zu: Althusmann, Hauptschule, Hochschulabschluss, Lehrerbildung, Niedersachsen, Oberschule, Referendariat, HochschuleDie am 17. Mai von Wissenschaftsministerin Wanka und Kultusminister Althusmann vorgelegten Pläne zur Neuordnung der Lehrerbildung sind enttäuschend und altbacken, bedauert der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.
Dabei hatte sich die Landesregierung mit der Umsetzung der Vorschriften für die Anpassung der Lehrerbildung an die Vorgaben des nach Bachelor und Master gegliederten Studiums viel Zeit gelassen. Erst unter dem Druck einer Anfrage der Grünen wurde im Eiltempo eine Vorlage geschustert – ohne Beratung mit der Gewerkschaft und anderen Bildungsorganisationen und unter Missachtung wichtiger Vorschläge der Hochschulen. "Wir sehen einen erheblichen Bedarf an weiteren Schritten der Neuordnung, um zu einer Lehrerbildung zu kommen, die den Anforderungen der Zeit gerecht wird und so attraktiv ist, dass wir künftig keinen Lehrermangel mehr haben. Die GEW ist zu Gesprächen mit der Regierung bereit, wenn erkennbar ist, dass diese auch substantielle Ergebnisse haben. Bisher war das bekanntlich nicht der Fall", so Eberhard Brandt.
Jahrelang wurden den Absolventen des Lehramtsstudiums für Grund-, Haupt- und Realschulen in Niedersachsen statt der vorgeschriebenen vier Semester in der Masterphase nur zwei zugestanden, so dass sie mit dem Studienabschluss keinen anerkannten rechtsgültigen Hochschulabschluss erhielten. Das Motiv für die Verweigerung ist unschwer zu erkennen. Ein gleich langes Studium hat nach den Regeln des Tarif- und Beamtenrechts eine gleiche Bezahlung zur Folge.
Mit den vorgelegten Plänen wurde trotz der Anpassung der Anzahl der Studiensemester der Lehrämter für Grund-, Haupt- und Realschulen an die des Gymnasiallehramts die Gleichwertigkeit der Lehrämter immer noch nicht erreicht. Dafür bedient sich die Regierung einer durchsichtigen Trickschaltung. Das sogenannte Praxissemester im zweiten Semester der Masterphase, das die Studierenden in Grund-, Haupt-, und Realschulen in Schulen absolvieren sollen, soll ein halbes Jahr des Referendariats ersetzen. Für Gymnasiallehrkräfte ist aber kein Praxissemester vorgesehen. Dafür soll deren Referendariat weiterhin 1 ½ Jahre dauern und nicht wie für die anderen auf ein Jahr verkürzt werden. Mit der unterschiedlichen Länge des Referendariats wird die schlechtere Besoldung der Nichtgymnasiallehrkräfte legitimiert, urteilt die GEW. Lehrkräfte aller Schulformen benötigen im Studium die gleiche Qualität in der wissenschaftlichen Bildung und in der Pädagogik. Die einen brauchen nicht weniger Fachstudium und die anderen nicht weniger Pädagogik und Praxis. "In Nachbarländern wie Hessen kennt man diese Mätzchen nicht. Dort erhalten alle in der Sekundarstufe A 13", so Eberhard Brandt.
Die Struktur der Lehrämter orientiert sich an den 50er Jahren und passt noch nicht einmal zu der gerade eingeführten Oberschule. Hochschulvertreter halten die Aufspaltung in die Lehrämter mit dem Schwer-punkt Hauptschule, Realschule und Gymnasium für unzeitgemäß. In den Oberschulen und Gesamtschulen werden Schülerinnen und Schüler aller Bildungsgänge in nicht unerheblichem Umfang gemeinsam unterrichtet. An den Hochschulen erhalten sie für gleiche Seminare unterschiedliche Scheine. Studierende mit dem Schwerpunkt Hauptschule kann man an vier Händen abzählen. "Es ist unverständlich, dass die Landesregierung die Forderung der Hochschulen, der GEW und anderer Bildungsorganisationen nach einer gemeinsamen Lehrerbildung für die Sekundarstufe ablehnt", erklärt der GEW-Landesvorsitzende. "Warum muss immer noch die Ideologie des überholten dreigliedrigen Schulsystems herrschen?!"
Die GEW warnt bei der geplanten Durchführung des Praxissemesters vor einem verengten Praxisbegriff nach dem Motto "Probiert mal, wie es in der Praxis klappt und ob ihr dem gewachsen seid!" Gefordert dagegen sei, die Analyse und Reflexion von Unterricht zu einem Wissenschaftsgegenstand zu machen.
Die Hochschulen brauchten zur Verwirklichung dieses notwendigen und anspruchsvollen Vorhabens eine erhebliche Ausweitung ihres wissenschaftlichen Personals und eine Veränderung ihrer internen Struktur. Zentren für Lehrerbildung müssten mit höheren Etats und mit Kompetenzen für den gesamten Bereich der universitären Lehrerbildung, also auch in den Fachdisziplinen, ausgestattet werden.
Im Flächenland Niedersachsen stellen sich nach Auffassung der GEW bei Einführung eines Praxissemesters besondere Anforderungen und Aufgaben, weil weite Gebiete des Landes fernab von Hochschulen liegen. Auch die beabsichtigte Einbeziehung der Studienseminare und Schulen in die Betreuung des Praxissemesters sei zum Nulltarif nicht zu haben. Die Seminarleiter und die Kontaktlehrkräfte müssten regelmäßig in den Hochschulen mitarbeiten und für diese Arbeit genügend Freistellung erhalten. "Wenn die Konditionen für diese anspruchsvollen Vorhaben nicht mit der Gewerkschaft ausgehandelt werden, droht wieder mal nur eine Reform, die auf dem Papier toll aussieht, nicht hält, was sie verspricht und unsere Kolleginnen und Kollegen noch stärker belastet", kommentiert der GEW-Landesvorsitzende.
Verantwortlich: Richard Lauenstein
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