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„Schüler haben einen immensen Bedarf an Berufsorientierung“

Die Berufswahl ist für viele Schülerinnen und Schüler eine schwierige Entscheidung. Über die Vorzüge einer dualen Berufsausbildung und des dualen Studiums spricht Dr. Martin Frädrich, Geschäftsführer Beruf und Qualifikation der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart, im Interview.

30.01.2017 Bundesweit Artikel Anika Wacker
  • © IHK Region Stuttgart Dr. Martin Frädrich ist Geschäftsführer Beruf und Qualifikation der IHK Region Stuttgart.

Herr Dr. Frädrich, wie beurteilen Sie das Beratungsangebot an den allgemeinbildenden Schulen zum Thema berufliche Orientierung?
Das ist natürlich von Schule zu Schule sehr unterschiedlich. Aber wenn ich die Entwicklungen der vergangenen zehn Jahre betrachte, dann hat sich an den Schulen auf jeden Fall einiges getan. Das liegt bestimmt auch daran, dass wir in Baden-Württemberg das sogenannte „BoriS“-Siegel an solche Schulen verleihen, die in der beruflichen Orientierung besonders aktiv sind. Bisher sind rund 100 Schulen ausgezeichnet worden. Aber es gibt natürlich auch noch viel zu tun. In erster Linie haben beim Thema Berufsberatung die Gymnasien noch Nachholbedarf, vor allem, was die Informationen über die berufliche Ausbildung betrifft.

Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit von Schulen mit externen Partnern wie zum Beispiel der IHK oder der Agentur für Arbeit?
In der letzten Zeit gab es verstärkt Bemühungen, diese Zusammenarbeit zu vertiefen. Nicht zuletzt dadurch, dass das Kultusministerium Baden-Württemberg das neue Fach „Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung“ sowie die Leitperspektive „Berufliche Orientierung“ eingeführt hat. Wir haben nun die Möglichkeit, noch stärker als früher die Verbindung zwischen Schule und Wirtschaft herzustellen. Aktionen wie den Einsatz von Ausbildungsbotschaftern können wir nun häufiger umsetzen. Ausbildungsbotschafter sind Auszubildende aus den Unternehmen, die in die Schulen gehen und die jungen Leute über ihren Beruf sowie die Möglichkeiten und Karrierechancen der dualen Ausbildung informieren. Das funktioniert bereits hervorragend, müsste aber an den Gymnasien noch verstärkt werden. Ich glaube, die Zeit ist längst vorbei, in der man am Gymnasium nur das Abitur gemacht hat, um zu studieren. Jeder muss sich überlegen, was für ihn das Richtige ist und auch Alternativen zum klassischen Studium kennenlernen.

Entscheiden sich die meisten Schulabsolventen für das passende Studium oder die für sie richtige Ausbildung?
Das kann man nur hoffen. Aber klar ist, dass bei den Schülern ein immenser Bedarf an beruflicher Orientierung besteht, um die richtige Entscheidung zu treffen. Das sieht man zum Beispiel an den Umfragen, in denen Jugendliche angeben, dass sie nicht genug Informationen zur Unterstützung bei der Berufswahl erhalten haben. Dabei gibt es ja zahlreiche Broschüren. Doch dass die Informationen dann auch bei den Jugendlichen ankommen, ist die eigentliche Herausforderung. Natürlich liegt die Verantwortung auf beiden Seiten, d. h. die Schüler müssen die Beratungsangebote auch aktiv aufsuchen und annehmen. Wir als IHK haben festgestellt, dass wir verstärkt die Eltern mit einbinden müssen, weil sie für die Berufsentscheidung eine wichtige Rolle spielen. Aber an die Eltern heranzukommen ist gar nicht so einfach. Wir haben das in der Vergangenheit über Elternabende versucht. Künftig wollen wir probieren, die Eltern über neue Beratungsangebote zu erreichen, indem wir offene Gesprächsrunden in sogenannten „Eltern-Cafés“ anbieten. Dabei soll kein offizieller Vortrag gehalten werden, sondern Gespräche in der lockeren Runde stattfinden. So können sich Eltern mit Vertretern aus den Unternehmen und unseren jungen Ausbildungsbotschaftern über die Chancen und Möglichkeiten aus deren Arbeitsumfeld austauschen, um ihren Kindern Tipps geben zu können.

Wie beurteilen Sie die Möglichkeit, ein duales Studium zu absolvieren, das Ausbildung und Studium umfasst?
Wenn Unternehmen eine Ausbildung mit einem Studium verknüpfen, dann machen sie das auch, weil sie die Abiturienten davon überzeugen wollen, dass das duale System eine Alternative zum klassischen Studium ist. Wichtig ist bei solchen Angeboten, dass die Unternehmen auch inhaltlich das Heft in der Hand haben. Das ist aber oft leichter gesagt als getan. Wir haben hier in Baden-Württemberg als Besonderheit die Duale Hochschule (DHBW). Dort ist es so angelegt, dass die Unternehmen nicht nur die praktische Ausbildung, sondern auch das Studium mitprägen.

Was zeichnet die Duale Hochschule Baden-Württemberg aus?
Die DHBW hat sich von einer Berufsakademie zu einer richtigen Hochschule entwickelt. Das Besondere ist die duale Ausrichtung: Die beiden Lernorte, das Studium an der Hochschule und die Ausbildung im Betrieb, werden eng miteinander verbunden. Die Studierenden erhalten eine Vergütung und können sich zwischen einer kaufmännischen, technischen oder sozialen Ausbildung entscheiden. Bewerben müssen sich die jungen Leute aber direkt bei den Betrieben. Einfach an der Hochschule einschreiben können sie sich nicht. Die Unternehmen suchen sich die Leute aus, die sie auch perspektivisch brauchen und bilden so eigentlich nicht für den Markt aus, sondern ganz gezielt für ihr Unternehmen. Wir haben hier also eine bedarfsbezogene wissenschafts- und praxisorientierte Ausbildung. Das ist bei uns in Baden-Württemberg ein richtiges Erfolgsmodell.

Über das Thema berufliche Orientierung spricht Dr. Martin Frädrich auch auf der didacta-Bildungsmesse 2017 in Stuttgart:

Berufliche Bildung/Qualifizierung

Forum Berufliche Bildung
Berufsausbildung mit Zukunft: Individuelles Lehren und Lernen
Darüber diskutieren:

  • German Denneborg (Ministerialdirigent)
  • Franziska Hampf (ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V.)
  • Prof. Dr. Michael Heister (Bundesinstitut für Berufsbildung)

14. Februar 2017
12:15 - 13:15 Uhr
Halle 6, D32
Veranstalter: Didacta Verband e. V. / Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Berufliche Bildung
Fit für den Beruf: Schule im Zeitalter der Digitalisierung
Referenten: Dr. Susanne Eisenmann (Ministerin für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg), Michael Futterer (GEW-Landesverband Baden-Württemberg), OStD Eugen Straubinger (Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen e. V.) und Rainer Lupschina (Friedrich-List-Gymnasium Reutlingen)

15. Februar 2017
12:15 - 13:15 Uhr
Stand: 6D32 (Veranstaltung am Messestand)
Veranstalter: Didacta Verband e. V. / Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Berufliche Bildung
Akademisierung der beruflichen Bildung: Duale Hochschule vs. duale Berufsbildung?
Darüber diskutieren:

  • Professor Dr. phil. habil. Ulf-Daniel Ehlers, Duale Hochschule Baden-Württemberg
  • Georg Eisenreich, Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst
  • Dr. Volker Born, Zentralverband des Deutschen Handwerks
  • Dr. Martin Frädrich, Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart
  • Kathrin Anandasivam, Trumpf GmbH + Co. KG

16. Februar 2017
14:30 - 15:30 Uhr
Halle 6, D32
Veranstalter: Didacta Verband e. V. / Verband Bildungsmedien e. V.

Schule/Hochschule

Forum Bildung
Podium: Berufliche Orientierung: großer Anspruch, kleine Wirkung?
Darüber diskutieren:

  • Andrea Bosch, stellvertretende Geschäftsführerin IHK Region Stuttgart
  • Martina Musati, Geschäftsführerin Operativ in der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit
  • Bernd Saur, Vorsitzender PhV Baden-Württemberg
  • Thomas Schenk, Schulamtsdirektor im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg

16. Februar 2017
13:30 bis 14:45 Uhr
Halle 1, Stand H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Bildung
Berufliche Bildung – Leistung und Herausforderung
Darüber diskutieren:

  • Dr. Susanne Eisenmann, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg
  • Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)
  • Dr. Ernst G. John, Bundesvorsitzender Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen e. V.
  • Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
  • Eugen Straubinger, Bundesvorsitzender Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen e. V.

17. Februar 2017
15:00 bis 16:00 Uhr
Halle 1, Stand H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2017 finden Sie unter www.messe-stuttgart.de/didacta. 

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die entsprechenden Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2017 finden Sie in unserem Dossier.


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