Lernen mit Web 2.0

"Es macht die Jugendlichen fit für den Alltag"

Lernen mit digitalen Medien - für die allgemeinbildenden Schulen ist das schon lange ein Thema. Doch wie sieht es in der beruflichen Bildung aus? Ist die spezifische Situation mit zwei Lernstätten - Schule und Betrieb - eher ein Hemmnis oder gar ein Motor? Zwei Projekte zeigen, wie PC, Internet und Web 2.0 gerade in der Berufsausbildung erfolgreich eingesetzt werden und welche zusätzlichen Kompetenzen die Jugendlichen dadurch erlangen.

19.12.2011 Artikel
  • © BLok

Kühlmittelstand überprüft: 30 Minuten, verleimte Bretter abgerichtet und ausgehobelt: 2 Stunden, Einkaufsrechnungen überprüft: 3 Stunden. Egal welchen Beruf sie lernen, Auszubildende müssen ein Berichtsheft führen und dort detailliert festhalten, was und in welchem Umfang sie im Betrieb gelernt haben. Abgezeichnet werden diese Einträge vom Ausbilder. Und zur Prüfung schließlich müssen die komplett ausgefüllten Hefte vorgelegt werden.

Während bereits 75 % der Deutschen online sind und 61 % an ihrem Arbeitsplatz einen PC nutzen, wirkt diese Art der handschriftlichen Dokumentation noch reichlich antiquiert. Zwar können Berichtshefte mittlerweile auch mit Word, Excel oder mithilfe einer speziellen Software am PC dokumentiert werden, damit aber sind die Möglichkeiten der digitalen Nutzung längst nicht ausgeschöpft.

Wie es effektiver, motivierender und mit zusätzlichem Nutzen funktioniert, zeigt das Projekt "BLok-Online-Berichtsheft zur Stärkung der Lernortkooperation". Die Idee: Auf der Basis von Web 2.0-Technologien wird das Berichtsheft zeit- und ortsunabhängig genutzt. Dabei geht es nicht um eine bloße Digitalisierung der klassischen Heftvariante, erläutert Projektleiter Prof. Dr. Thomas Köhler vom Institut für Berufspädagogik der TU Dresden. "Mit dem Online-Berichtsheft bauen wir eine Brücke zwischen den unterschiedlichen Lernorten und können die Schule mit der betrieblichen Ausbildungsstätte vernetzen. Eine Zusammenarbeit, die es zurzeit in dieser Intensität nicht geben kann, weil die beiden Einrichtungen räumlich voneinander getrennt sind."

Die eigenen Kompetenzen einschätzen

Und das hat Vorteile für alle Beteiligten: Im klassischen Berichtsheft konnten die Auszubildenden kaum überblicken, was sie bereits gelernt hatten, welche Fähigkeiten sie noch erwerben oder wo sie sich verbessern mussten. "Dort Hilfestellung zu geben, ist auch ein zentrales Anliegen des Projekts", berichtet Köhler. Deswegen wurden die Informationen über alle Kompetenzen, die in der Ausbildungsordnung festgelegt sind, beim Online-Berichtsheft hinterlegt. "Dies kann der Auszubildende dann automatisch abgleichen mit dem, was er an eigenen Eintragungen vorgenommen hat. Das heißt, er kann per Knopfdruck sehen´ ´jetzt habe ich in dem Kompetenzfeld 70 Prozent des zeitlichen Aufwands absolviert, der laut Ausbildungsordnung vorgesehen ist` oder er stellt fest, dass er in einem anderen Kompetenzfeld noch gar nichts gemacht hat. Und auch Ausbilder oder Lehrer können unmittelbar einschreiten und nachsteuern.

Einen weiteren nicht zu unterschätzender Nebeneffekt hat das digitale Berichtsheft: "Die Jugendlichen sind zunehmend medienkompetent, aber sie sind oft nicht gewohnt, das Internet als Werkzeug für ihren Lernprozess einzusetzen," berichtet Köhler. Mit Blok erweitern sie also ihre eigene Medienkompetenz.

Überall einsetzbar

Anwenden lässt sich dieses Tool in allen Ausbildungsberufen, schließlich müssen überall Leistungen und Kompetenzen bewertet werden. Gerade seine ständige Verfügbarkeit macht das Online-Berichtsheft zu einem universell einsetzbaren Werkzeug. Die Auszubildenden können das Heft zu Haus am PC ausfüllen, am Rechner im Betrieb oder auch unterwegs auf ihrem Smartphone. Software muss nicht installiert werden, lediglich eine Lizenz wird erworben. Und die, sagt Köhler, ist nicht teurer als ein klassisches Berichtsheft.

Das von der EU und dem Bundesforschungsministerium geförderte Projekt läuft im Frühjahr 2012 aus - dann werden auch die Ergebnisse der Evaluation vorliegen. An den positiven Ergebnissen hat Köhler keinen Zweifel, die Nachfrage von vielen Ausbildungsbetrieben ebenso wie Azubis bestätigt den Ansatz. In fünf Jahren, so meint er, ist das Online- Berichtsheft Standard. "Dann ist es eher exotisch, wenn man ausschließlich mit Papier arbeitet."

English for Glass Professionals

Aus der Not eine Tugend machen - so könnte man das Projekt Kool (Kooperatives Lernen in webbasierten Lernumgebungen in der beruflichen Erstausbildung) beschreiben. Die Not, das ist die Tatsache, dass es für etliche der derzeit rund 350 Ausbildungsberufe in Deutschland keine spezifischen Lernmaterialien gibt. So fehlen gerade für die Splitterberufe Nachschlagewerke oder Fachwörterbücher. Und mit der Tugend ist das Web 2.0-Projekt gemeint, das an der Glasfachschule Rheinbach durchgeführt wird, und an der sich auch die drei anderen Glasfachschulen in Deutschland beteiligen. Die Bestandteile des von Bund und Land finanzierten Modellversuchs: ein Lehrbuch als Wiki, ein Blended Learning Konzept und die Lernplattform "English for Glass Professionals". Diese Online-Lernumgebung hat Dr. Stephanie Merkenich mit ihren damaligen Schülern an der Glasfachschule Rheinbach entwickelt und umgesetzt. Die Medienpädagogin bildet außerdem in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen Lehrer fort.

Selbst entwickeln

Immer häufiger nutzen die Rheinbacher Auszubildenden Austauschprogramme und verbringen einige Zeit im Ausland. Dafür brauchen sie das passende Fachvokabular – vorzugsweise in Englisch. Doch nach einem Fachwörterbuch oder gar speziellen Lernprogrammen für diesen Ausbildungsberuf sucht man vergeblich. Also haben Stephanie Merkenich und ihre Schüler diese Tools mit Web 2.0-Instrumenten selbst entwickelt. Die Schüler sammelten ihre Wünsche und Vorstellungen über das, was eine Onlineplattform leisten sollte und heraus kam eine komplexe Lernumgebung mit Vokabeltrainer, Lernspielen, Glossar, Podcasts und Blogs.

Eine Mischung also aus klassisch behavioristischen Drills und vielen konstruktivistischen Elementen, bei denen auf Kollaboration und Peer to Peer Learning Wert gelegt wird. Damit, wie Stephanie Merkenich betont, die verschiedene Lernebenen und Lerntypen angesprochen werden.

Erfolgserlebnisse stellten sich schnell ein. "Eine Schülerin, die im elterlichen Glasbetrieb mitarbeitet und jedes Jahr die Glasstec in Düsseldorf besucht, eine international ausgerichtete Messe, erzählte, dass sie sich erstmals mit ausländischen Gästen über ihr Fachgebiet unterhalten konnte. Das war für mich die schönste Rückmeldung, die ich bekommen konnte, weil es mir klar machte, das was wir hier machen, hilft den jungen Leuten in ihrem Berufseinstieg. Es macht sie einfach fit im Alltag."

Es geht weiter

Auch an anderen Berufsschulen wird unterdessen mit Wikis, Blogs und anderen Web 2.0-Tools gearbeitet. Aber selten ist dies so strukturell in der Schule verankert wie in Rheinbach, wo sogar der Stundenplan aufgebrochen wurde und zwei Tage wöchentlich für das Projekt reserviert bleiben.

Obwohl Stephanie Merkenich unterdessen an einer anderen Schule unterrichtet und der Modellversuch bereits vor drei Jahren abgeschlossen wurde, lebt er weiter. Ihre Kollegen und die nachfolgenden Schülergenerationen führen das "English for Glass Professionals" fort.

Das Internet anders nutzen

So wie Thomas Köhler ist auch Stephanie Merkenich überzeugt, dass diese Projekte auf alle Ausbildungsberufe übertragbar sind. Noch gibt es bei den einen oder anderen Ausbildern oder Lehrern Bedenken, weil sie zuallererst an die Gefahren des Internets denken, etwa an Cybermobbing. Ihnen begegnet Stephanie Merkenich mit einem einfachen Argument: "Je kritischer und selbstbestimmter junge Leute mit dem Medium umgehen, desto besser sind sie für ihre Zukunft gewappnet. Und den kritischen Umgang können wir ihnen durch solche Projekt nahe bringen. Dazu kommt: Die Schüler nutzen das Internet häufig als reines Rezeptions- und Unterhaltungsmedium. Welcher junge Erwachsene hat denn im Blick, dass es ungezählte Möglichkeiten gibt, das Internet über Inhalte und über Kooperation auch fürs Lernen zu nutzen?"

Links

BLOK - Das Online Berichtsheft
Modellversuch KOOL

Dazu auf der didacta 2012 in Hannover

Mit welchen innovativen Konzepten, Formaten und Medien kann die Qualität der beruflichen Aus- und Weiterbildung weiterentwickelt werden? Diese Fragstellung wird auf dem Forum "Ausbildung/Qualifikation" und dem "Marktplatz `Beruf ist Zukunft`" behandelt. Das BIBB, das Niedersächsische Kultusministerium, die IHK Hannover, Verlage der Berufsbildung sowie Berufsschullehrerverbände auf Bundes- und Landesebene stellen neueste Forschungsergebnisse sowie innovative Konzepte und Trends in der Schul-, Aus- und Weiterbildungspraxis vor. 14.02.2012 - 18.02.2012, Halle 15, Stand D 30 (Forum Ausbildung/Qualifikation) und Halle 16, Stand G 14 (Marktplatz Beruf ist Zukunft)

Besucher der didacta können sich in den Ausstellungshallen ausführlich über digitale Medien und deren Anwendung in Schule, Hochschule, Beruf und Weiterbildung informieren und direkt vor Ort beraten lassen.


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