Gastbeitrag

In den Arbeitsmarkt

Wie Unternehmen und Politik zur Integration beitragen können: Die Initiative „Wir zusammen“ der deutschen Wirtschaft vernetzt Unternehmen, die sich für die Integration von Menschen mit Fluchterfahrung engagieren.

19.06.2017 Bundesweit Artikel didacta Infodienst
  • © Frank Gaertner/Shutterstock

Die Sprecherin der Initiative, Marlies Peine, im Interview über die Herausforderung, Menschen mit Fluchterfahrung in die Ausbildung zu bringen.

Frau Peine, im September 2016 hatten die DAX-Unternehmen nur 125 Menschen mit Fluchterfahrung fest angestellt und 300 Ausbildungsplätze für sie angeboten. Woran liegt das?  

Die Sprache ist die größte Hürde. Nach einem Integrations- und Sprachkurs haben sie nur Basiskenntnisse. Unternehmen finden nicht die passenden Bewerber unter den Geflüchteten. Es muss erst herausgefunden werden, welche Qualifikationen und Fähigkeiten sie haben.  

Wie lässt sich die Situation ändern?

Die Vorbereitung der Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt dauert und die Flüchtlingswelle ist erst ein Jahr her. Da viele Flüchtlinge keine Papiere oder Referenzen aus ihren Heimatländern haben, ist es nicht leicht, festzustellen, was sie alles können.

Ihre Initiative bündelt Projekte von Unternehmen, die Menschen mit Fluchterfahrung in die Arbeitswelt integrieren. Wer ist bei Ihnen Mitglied?

Ende Dezember lagen wir bei 154 Unternehmen, die bei uns mitmachen, und es werden mehr. Am Anfang waren das eher große Firmen, Lufthansa, DHL, VW zum Beispiel, aber es kommen auch immer mehr Mittelständler dazu – vom Logistiker bis zum Segelmacher. Das ist auch gut, denn kleinere und mittlere Unternehmen prägen die Wirtschaft in Deutschland.  

Welche Voraussetzungen müssen die Unternehmen erfüllen?

Alle Unternehmen setzen sich bereits für Integration Geflüchteter in den Arbeitsmarkt ein­. Die Projekte sollten möglichst langfristig ausgerichtet sein. Viele Betriebe bieten in einer ersten Phase Praktika an und bieten anschließend den Weg in die Ausbildung. Wir wollen dieses Engagement bündeln und so andere motivieren, sich ebenfalls zu engagieren.  

Wie unterstützen Sie die Unternehmen?

Wir machen regelmäßig Mitgliedertreffen, bei denen wir auch externe Experten einladen. Beispielsweise zum Thema Mentoring. Der Bedarf zum ­Austausch ist riesig. Alle wollen wissen, was die anderen machen und von den Erfahrungen profitieren.  

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Es passiert schon viel: Es gibt Kurse, Integration Points – also Anlaufstellen für Integration von Arbeitsagentur, Jobcentern und Kommunen – und Integrationslotsen. Wünschenswert wäre, wenn Menschen mit Fluchterfahrung noch schneller auf dem Arbeitsmarkt landen. Hier würden es sicher alle Beteiligten begrüßen, wenn etwa die Feststellung der Qualifikation der Geflüchteten vereinheitlicht wird.

 

BIBB-Positionspapier

In dem im Sommer erschienenen Positionspapier „Wege zur Integration von jungen Geflüchteten in die berufliche Bildung“ fordert das Bundesinstitut für Berufsbildung, die Stärken der dualen Ausbildung bei der Integration zu nutzen. Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen gehören:

  • Potenzialanalysen und Kompetenzfeststellungsverfahren für alle Menschen mit Fluchterfahrung sowie Anerkennung von Kompetenzen und Berufsqualifikationen
  • Informationen und Berufsorientierungsangebote über das Berufsbildungssystem für alle Menschen mit Flucht­erfahrung (auch für nicht schulpflichtige)
  • Ausweitung der Angebote von Praktika und betrieblichen Phasen als Einstieg in die Ausbildung  
  • Unterstützung von Unternehmen, etwa durch externes Ausbildungsmanagement und assistierte Ausbildung
  • Ausbau außerbetrieblicher Ausbildungsangebote und der Nachqualifizierung von Menschen mit Fluchterfahrung

STANDPUNKT DIDACTA

Um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und den gesellschaftlichen Wohlstand in Deutschland zu sichern, sind Politik und Wirtschaft darauf angewiesen, vielfältige Potenziale zu aktivieren. Dazu zählt neben der Förderung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und der Inklusion Benachteiligter die Integration der jungen Menschen, die in Deutschland Schutz suchen. Das duale Ausbildungssystem in Deutschland bietet gute Voraussetzungen für die Einbindung von Menschen mit Fluchterfahrung in den Arbeitsmarkt. Davon geht auch das Bundesinstitut für Berufsbildung aus. Gerade Branchen, die über Nachwuchsmangel klagen, haben die Chance, mit speziellen Ausbildungs- und Qualifizierungsangeboten für ­Menschen mit Fluchterfahrung für sich zu werben.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta Infodienst – Das Bildungsdossier für Politik und Bildungsverwaltung, Ausgabe 1/2017, S. 7, www.didacta.de


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