Gastbeitrag

Nicht allein auf dem Planeten

Wie können berufsbildende Schulen Bildung für nachhaltige Entwicklung im Unterricht lebendig vermitteln? Zum Beispiel, indem sie Referenten aus Afrika, Asien und Lateinamerika in die Klassenzimmer holen. Von Julia Boger

25.02.2019 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
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Mit der Unterzeichnung des nationalen Aktionsprogramms „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ im Jahr 2017 hat sich die deutsche Regierung den Zielen des UNESCO-Weltaktionsprogramms verpflichtet. Sie will den globalen, ökologischen, ökonomischen und sozialen Herausforderungen unserer vernetzten Welt durch Bildungsangebote begegnen. Auch in der beruflichen Bildung ist Nachhaltigkeit als Thema in den Rahmenlehrplänen berücksichtigt. Doch für Lehrkräfte ist es nicht einfach, den Auszubildenden das komplexe Konstrukt Nachhaltigkeit interessant, praktisch und lebensnah zu vermitteln.

„Nachhaltigkeit zu thematisieren ist wichtig, damit junge Menschen bereits in der Ausbildungsphase begreifen, dass wir nicht allein auf diesem Planeten sind und sie eine globale Verantwortung tragen“, meint Elisabeth Weber-Hartmann, die Englisch, Wirtschaft und Touristik für Tourismuskaufleute an der Frankfurter Julius-Leber-Schule unterrichtet. Doch Nachhaltigkeit als Begriff sei zu abstrakt, um die Schüler wirklich zu berühren, kritisiert die Berufsschullehrerin. Ihrer Erfahrung nach lernt es sich dann besonders gut, wenn die Schüler einen persönlichen Bezug zum Thema haben. Um ihren Auszubildenden diese persönliche Erfahrung zu ermöglichen, engagiert sie sich im Projekt „Grenzenlos – Globales Lernen in der beruflichen Bildung“ von WUS, World University Service.

Unterricht auf einer zwischenmenschlichen Ebene

„Grenzenlos“ bietet beruflichen Schulen kostenlose Workshops zu Globalisierungs- und Nachhaltigkeitsthemen an. Das Wissen wird dabei von jungen Menschen vermittelt, die aus Afrika, Asien und Lateinamerika stammen und derzeit in Deutschland studieren. Sie bringen Fachwissen ebenso mit wie persönliche Erfahrungen mit Nachhaltigkeitsthemen. Durch diesen Peer-to-Peer-Ansatz findet Unterricht auf einer zwischenmenschlichen Ebene statt: Junge Menschen aus unterschiedlichen regionalen und kulturellen Kontexten kommen miteinander ins Gespräch. Auszubildende begreifen oftmals erst durch solche persönlichen Kontakte, wie ihr Lebensalltag und Konsum in Deutschland sich auf die Situation in vielen Regionen der Welt auswirkt.

Dr. Julia Boger ist Referentin für das Projekt „Grenzenlos“ beim Verein World University Service, Deutsches Komitee. Das besondere Anliegen des Projektes ist es, Lehrkräfte dabei zu unterstützen, Nachhaltigkeits- und Globalisierungsthemen in den Unterricht zu bringen und ihre Auszubildenden dafür zu begeistern.

Ein Beispiel für ein solches Lehrangebot ist die Lehrkooperation von Referentin Patience Ngoba-Mushidi, die aus der Demokratischen Republik Kongo nach Deutschland floh. Heute steht sie kurz vor dem Abschluss ihres Studiums in Sozialer Arbeit in Frankfurt. Bei ihrer Lehrkooperation an der Julius-Leber-Schule hatte sie den Auszubildenden anhand ihrer eigenen Erfahrung geschildert, wie Kinder in ihrem Herkunftsland unter menschenunwürdigen Bedingungen Coltan in Minen abbauen, um zu überleben. Coltan ist einer der wichtigsten Rohstoffe für die Mobiltelefon- und Computerindustrie.

Viele Schüler zeigten sich nachdenklich: „Das sind schlimme Verhältnisse in der Handyproduktion in vielen Ländern. Ich werde in Zukunft eher nachdenken, ob ich wirklich ein neues Handy brauche“, sagte ein Schüler nach der Unterrichtsstunde zu Ngoba-Mushidi.

Die Unterrichtsstunden mit den Referenten drehen sich nicht immer um problematische Sachverhalte. In der Englischklasse von Weber-Hartmann hielt Olufemi Agbebi Oluwasefunmi aus Nigeria, der in Marburg Economics and Institutions studiert, beispielsweise einen Vortrag zu Tourismus in Afrika. Mit seinen Schilderungen über die vielfältigen touristischen Aktivitäten auf dem afrikanischen Kontinent abseits der ausgetretenen Safari-Pfade habe er die angehenden Touristikkaufleute neugierig gemacht, erzählt Weber-Hartmann. Einige von ihnen dächten zum ersten Mal darüber nach, ein afrikanisches Land als Urlaubziel zu buchen – und werden es vielleicht später einmal als Urlaubsland in ihr Reisesortiment aufnehmen. Durch Besuche wie den von Oluwasefunmi stellen die Auszubildenden oft zum ersten Mal fest, dass sie eine fremde Sprache als wichtiges Werkzeug benutzen können. Hemmungen, dass die eigene Aussprache fehlerhaft sein könnte, verfliegen, wenn es ganz einfach darum geht, sich einander mitzuteilen.

Es gerät etwas in Bewegung

Nicht selten werden bei den Lehrkooperationen zwischen Schülern und Referenten Adressen und Social-Media-Kontakte ausgetauscht. Die Auszubildenden erwerben durch den direkten Kontakt mit Menschen aus einer anderen Region und Kultur somit ganz beiläufig interkulturelle Kompetenzen. Sie lernen andere Denk- und Erklärungskonzepte von Menschen aus wirtschaftlich schlechter gestellten Regionen der Welt kennen und üben dabei, dieses „Andersdenken“ offen und wertfrei zu diskutieren. Weber-Hartmann nimmt bei ihren Schülern seit den Unterrichtsbesuchen eine Veränderung wahr: „Ohne dass man jetzt schon sagen könnte, wohin das Ganze führt, scheint doch etwas in ihren Köpfen in Bewegung geraten zu sein. Ich merke an ihren Fragen und an ihrem Interesse, dass sie Informationen über die unterschiedlichen Teile der Welt jetzt anders aufnehmen. Sie verbinden sie mit einer konkreten Lebensgeschichte und können sich die Situation vor Ort jetzt viel besser vorstellen“, erzählt sie.

Wichtig für gelungene Lehrkooperationen sind die Inhalte und die didaktische Qualität. Die Inhalte richten sich nach den Empfehlungen des „Orientierungsrahmens für den Lernbereich Globale Entwicklung“, der von der Kultusministerkonferenz und dem Bundesministerium für wirtschaft liche Zusammenarbeit und Entwicklung im Jahr 2016 herausgegeben wurde. Als Aufh änger und roter Faden dienen die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. In Wochenend-Seminaren werden die ausländischen Studierenden auf den Unterrichtseinsatz vorbereitet. Rund 100 Grenzenlos- Referenten aus 34 Nationen engagieren sich ehrenamtlich im Projekt − neben ihrem Studium und oft mals neben der Arbeit. Ihre Motivation: Sie wollen den Azubis sowohl Nachhaltigkeitsthemen als auch ein realistisches Bild ihrer Herkunft sregionen näherbringen.

Aufgabe der ganzen Schule

Damit Nachhaltigkeitsthemen nicht nur ein einmaliges Angebot bleiben, sondern sich in der Schule als Ganzes widerspiegeln, braucht es gerade in der beruflichen Bildung viel Flexibilität. Die Lehrkooperationen können daher sowohl in Form von klassischen Unterrichtseinheiten als auch an Projekttagen angeboten und in den unterschiedlichsten Fächern umgesetzt werden.

Circa 200 Lehrkooperationen hat das Projekt Grenzenlos an beruflichen Schulen seit Beginn im Jahr 2016 umgesetzt und etwa 4000 Auszubildende damit erreicht. Einen zusätzlichen Anreiz, sich intensiver mit Nachhaltigkeit und mit Globalem Lernen zu beschäftigen, schafft das Schulsiegel „Grenzenlos-Schule“, das das Projekt vergibt. Dr. Kambiz Ghawami, Geschäftsführer des WUS, ist sich sicher: „Solche öffentlichen Auszeichnungen setzen ein deutliches Zeichen für mehr Internationalisierung in der beruflichen Bildung und schärfen das Schulprofil im zunehmenden Wettbewerb um Schülerzahlen.“ 30 Schulen haben bislang das Siegel erworben.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 4/2018, S. 44-47, www.bildungspraxis.de


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