Gastbeitrag

Selbst in die Hand nehmen

Lernhacks helfen, die Lernkultur im Unternehmen weiterzuentwickeln. Mitarbeiter erfahren, ihr eigenes Lernen selbst zu hinterfragen. Von Thomas Tillmann

04.01.2019 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
  • © www.pixabay.de

Die Vergangenheit und Gegenwart des beruflichen Lernens sind von einem Anspruch des Unternehmens geprägt, den Lernprozess zu steuern. Gerade weil Weiterbildung als essentiell verstanden wird, versuchen Firmen, das Lernen ihrer Belegschaft zu planen, indem sie entsprechende Lernangebote entwickeln und an ihre Belegschaft herantragen. Personalentwicklung folgt damit der Leitvorstellung, dass Unternehmen ihr Personal „entwickeln“. Dem einzelnen Mitarbeiter wird dabei die Rolle eines Objektes zugeschrieben.

Dr. Thomas Tillmann ist Unternehmensberater und auf die Beratung von Personalentwicklungsabteilungen von Unternehmen spezialisiert. Gemeinsam mit der HR-Expertin Meike Hülber und dem Didaktiker und Lehrer Jan Schönfeld hat er die Lernhacks entwickelt.

So wird es nicht gehen

In dem Maße, wie neue Lernbedarfe durch Digitalisierung und Automatisierung entstehen und sich mit der Umgestaltung der Arbeitswelt die Aufgaben differenzieren, wird immer deutlicher, dass ein solcher gesteuerter Ansatz nicht in der Lage sein wird, mit den Veränderungen Schritt zu halten. Es ist für Unternehmen nicht realistisch, die finanziellen Ressourcen bereitzustellen, um ein immer breiteres und immer tiefergehendes Lernportfolio zu entwickeln und aktuell zu halten.

Die Antwort auf diese Herausforderung kann nur sein, dass einzelne Mitarbeiter ihre Weiterentwicklung selbst in die Hand nehmen. Das ist auch deswegen notwendig, weil ein zeitgemäßes Lernverständnis von der Konstruktion von Wissen und Fähigkeiten durch den Einzelnen ausgeht und dem Lerner damit die Rolle des Subjekts im Bildungsprozess zuschreibt: Der einzelne Mitarbeiter wird so zum Gestalter seiner Weiterentwicklung. Wenn Mitarbeiter willens und in der Lage sind, diese Verantwortung zu übernehmen, können sie alle Möglichkeiten des informellen, sozialen und formellen Lernens in ihre Weiterentwicklung einbeziehen und sich dabei auch der immer weiter wachsenden Lernressourcen bedienen, die das Internet bietet. Sie sind so nicht mehr darauf angewiesen, vom Unternehmen für alle Lernanlässe passende Angebote vorgesetzt zu bekommen.

Die Veränderungen des Lernens laufen also auf diesen Paradigmenwechsel hinaus: weg von statischen, vorgegebenen Programmen, hin zu im Arbeitsalltag verankertem, stark eigenverantwortlichem Lernen. Natürlich wird es auch zukünft ig zentral gesteuerte Lernangebote geben, beispielsweise zu unternehmensspezifischen oder compliance-relevanten Th emen. Ganz sicher werden sich aber die Gewichte zwischen den beiden Polen der unternehmensseitigen Steuerung und der Autonomie des Einzelnen verschieben. In der wachsenden Autonomie im Lernen spiegelt sich so auch die Verschiebung hin zu mehr Gestaltungsfreiheit und Verantwortung.

„21st century learner“

Wenn Unternehmen eine Antwort auf die Qualifizierungsherausforderungen der Zukunft finden wollen, müssen sie sich daher fragen: Was brauchen Mitarbeiter, um ihre Haltung und ihr tägliches Handeln in dieser Weise zu verändern und dauerhaft Verantwortung für ihr Lernen zu übernehmen?

Lernhacks sind der Versuch einer Antwort auf diese Frage: Sie sind Routinen, Tools und Kniffe, die Mitarbeiter dabei unterstützen, ihre persönliche Weiterentwicklung selbst in die Hand zu nehmen. Sie unterstützen Mitarbeiter ganz konkret dabei, zu reflektieren:

  • Was sollte ich, was will ich lernen? Und warum?
  • Welche Wege zu lernen bieten sich an? Wie möchte ich das konkret angehen?
  • Komme ich so voran, wie ich mir das vorstelle?
  • Wie könnte ich mein Lernen verbessern?

Auf diese Weise unterstützen die Lernhacks Mitarbeiter, ihre individuellen Lernziele zu klären und effizient zu erreichen und zugleich Zutrauen, Sicherheit und Autonomie in Bezug auf ihre Weiterentwicklung zu gewinnen; also souveräne, agile Lerner im Sinne eines „21st century learning“ zu werden.

Bewährte Vorgehensweisen, aber kein geschlossenes System

Dabei können Lernhacks kein geschlossenes System sein. Im Gegenteil: Mitarbeiter müssen gerade herausfinden, wie Lernen für sie persönlich am besten funktioniert, und mit welchen Vorgehensweisen sie ganz individuell die immense Herausforderung angehen wollen, kontinuierlich weiter zu lernen. Zugleich zeigt sich, dass viele Mitarbeiter genau diese Art von Hilfestellung benötigen, um sich selbst hierüber klar zu werden.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: 
BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 4/2018, S. 38-41, www.bildungspraxis.de


Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden