Ute Erdsiek-Rave: Föderalismusreform für Innovationen in Schule und Hochschule nutzen

Die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die schleswig-holsteinische Ministerin für Bildung und Frauen, Ute Erdsiek-Rave, hat dazu aufgerufen, die anstehende Föderalismusreform als Chance zur Innovation in Schule und Hochschule zu nutzen. „Die Länder müssen einen gemeinsamen Weg finden, die anstehenden Fragen in der Bildungsplanung, bei der Wahrung der Gleichwertigkeit im Hochschulbereich und der länderübergreifenden Koordinierung im Hochschulbau sowie bei der Ausgestaltung der Dienstverhältnisse für Lehrer und Hochschullehrer zu lösen“, sagte die Ministerin am Freitag bei einem Empfang aus Anlass der Präsidentschaftsübernahme in Berlin.

20.01.2006 Pressemeldung Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder

Nach Ansicht von Erdsiek-Rave gehe es darum, ein Höchstmaß an Einheitlichkeit in der Bildungspolitik herzustellen. In allen Ländern müssten dieselben Standards für den Bildungserfolg gelten. „Wenn die Kultusministerkonferenz das einzig verbleibende Forum der Länder in der Bildungspolitik wird, muss sie die Funktion ausfüllen und gleichzeitig dazu nutzen, ihr Image zu verbessern“, forderte Erdsiek-Rave. Auf dem Grundsatzbeschluss vom Dezember 2005 aufbauend wird die Kultusministerkonferenz detaillierte Vorschläge zur weiteren Umsetzung der Föderalismusreform im Bildungsbereich erarbeiten.

Qualitätsentwicklung im Schulbereich

Die neue Präsidentin sprach sich weiter dafür aus, an der gemeinsamen Strategie zur Qualitätsentwicklung an den deutschen Schulen festzuhalten. „Evaluation der Schulen von außen, eine moderne Lehreraus- und -weiterbildung, frühe und gezielte Sprachförderung, bundesweite Bildungsstandards, Ganztagsschulen – die Länder haben in den vergangenen Jahren vieles gemeinsam beschlossen und umgesetzt“, sagte sie. Im Frühjahr wird die von der Kultusministerkonferenz in Auftrag gegebene Studie „Deutsch-Englisch-Schülerleistungen International (DESI)“ vorgestellt. DESI ist keine Vergleichsstudie wie PISA oder IGLU, sondern die erste landesweite repräsentative Längsschnittuntersuchung zur Beschreibung der Unterrichtsqualität in den Fächern Deutsch und Englisch in der Sekundarstufe I. Erdsiek-Rave: „Ich hoffe, dass die Länder daraus konkrete fachdidaktische Hinweise für einen guten Sprachunterricht ableiten können.“

Wichtige Anhaltspunkte für die frühzeitige gezielte Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund soll dann der erste gemeinsame Bildungsbericht für Deutschland liefern, der zur Jahresmitte 2006 vorgelegt werden soll. Schwerpunktthema ist die "Integration von Kindern, Jugendlichen und Erwerbstätigen mit Migrationshintergrund im Bildungssystem". Diese Bildungsberichterstattung ist wesentlicher Bestandteil für ein nationales Bildungsmonitoring. Die aus den verschiedenen Verfahren gewonnenen Informationen geben den Ländern ein differenziertes Steuerungswissen für ein konsequent auf Daten gestütztes bildungspolitisches Handeln an die Hand“, so die neue Präsidentin. Die verbesserten Leistungen in den untersuchten Bereichen Mathematik, Leseverständnis und Naturwissenschaften in den vergangenen Jahren sind ihrer Ansicht nach eine Bestätigung für dieses Vorgehen.

Fördern und Fordern

„Es ist eine zentrale Herausforderung an uns alle, in Zukunft den Anteil von Schülerinnen und Schülern mit schwachen Leistungen deutlich zu reduzieren“, sagte Erdsiek-Rave weiter. Verstärkte, systematische Anstrengungen seien notwendig, etwa die frühzeitige gezielte Förderung von Kindern und Jugendlichen, die aus sozial schwierigem Umfeld stammen oder einen Migrationshintergrund haben, sowie gezielte Hilfestellungen bei ungünstigen Entwicklungen in der Bildungsbiografie. Individuelle Förderung aller und die Verwirklichung von Bildungsgerechtigkeit sollen im Vordergrund stehen. Daraus ergeben sich nach Ansicht der Ministerin Konsequenzen für die Lehreraus- und -fortbildung sowie die Unterrichtsorganisation. „Deshalb habe ich das Ziel, dass die KMK gemeinsam mit den Lehrergewerkschaften und -verbänden Grundsätze zum ‚Fördern und Fordern‘ vereinbart.“

Eine Schule für Mädchen und Jungen

Ute Erdsiek-Rave kündigte in diesem Zusammenhang an, einen besonderen Schwerpunkt auf die Geschlechtergerechtigkeit in der Schule zu legen. „Die Bildungskarrieren von Jungen und Mädchen driften immer mehr auseinander, gleichzeitig sind viele Berufsfelder nach wie vor geschlechtsspezifisch besetzt“, sagte die Präsidentin. So seien zwei Drittel der Schulabgänger ohne Abschluss männlich, professionelle Erziehungs- und Bildungsarbeit werde zunehmend reine Frauensache, den Jungen fehlten dadurch die Identifikationsfiguren und Rollenvorbilder in Schulen und Kindertagesstätten. „Wenn heute zwei Drittel der Schulabgänger ohne Abschluss männlich sind und andererseits die technischen und naturwissenschaftlichen Berufe nach wie vor von Männern besetzt werden, obwohl die schulischen Leistungen der Mädchen in diesen Fächern nicht schlechter sind, dann ist das allemal ein Anlass, nach den Ursachen dafür zu fragen und die Geschlechtergerechtigkeit in unserem Bildungssystem genauer unter die Lupe zu nehmen“, so Erdsiek-Rave.

Ihrer Ansicht nach müssten zum Beispiel Leseförderprogramme oder Werbeaktionen für technische Berufe diesen Aspekt stärker berücksichtigen. „Ich möchte während meiner Präsidentschaft das Bewusstsein der Öffentlichkeit für diese Problematik schärfen und gemeinsam mit Betroffenen und Experten nach Wegen und Mitteln zur Lösung suchen.“

Rechtschreibung

Die Kultusministerkonferenz wird sich voraussichtlich Anfang März mit den Vorschlägen des Rats für deutsche Rechtschreibung befassen. „Unser Ziel muss es sein, dass das Regelwerk zum Schuljahresbeginn 2006/07 für alle Schülerinnen und Schüler gilt“, sagte die Ministerin weiter.

Qualitätsentwicklung im Hochschulbereich

Zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Wissenschaftsstandortes Deutschland unterstützen und fördern die Länder die Hochschulen in ihren Anstrengungen zur Qualitätssicherung in Forschung und Lehre. Die Kultusministerkonferenz hat dazu im Herbst vergangenen Jahres ein grundlegendes Konzept zur Qualitätssicherung in der Lehre verabschiedet, das regelmäßige Evaluierungen und verpflichtende hochschulinterne Qualitätssicherungssysteme enthält. Ein entsprechendes Konzept zur Qualitätssicherung in der Hochschulforschung steht jetzt zur Verabschiedung in der Kultusministerkonferenz an.

Ministerin Erdsiek-Rave: „Im System der Qualitätssicherung an Hochschulen kommt der Akkreditierung zentrale Bedeutung zu.“ Das mit der Einführung der gestuften Studienstruktur aufgebaute Akkreditierungssystem muss in seinen rechtlichen Grundlagen und Verfahren konsolidiert und so weiter entwickelt werden, dass die große Anzahl der in den kommenden Jahren zur Akkreditierung anstehenden Bachelor- und Masterstudiengänge zeitnah und mit einem vertretbaren Verfahrensaufwand akkreditiert werden können.

Die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz rief dazu auf, alle Anstrengungen zu unternehmen, damit die bis 2010 geplante Umstellung auch vollzogen wird. „Die neuen Studiengänge ermöglichen mit den Abschlüssen Bachelor und Master eine höhere internationale Vergleichbarkeit, sie eröffnen einen früheren Berufseinstieg und garantieren eine an hohen Qualitätsstandards orientierte Ausbildung.“ Umfragen belegen, dass Bachelor und Master von der großen Mehrheit der Unternehmen akzeptiert werden. Ausdrücklich dankte Ministerin Erdsiek-Rave den Arbeitgebern für deren Unterstützung bei der Einführung der neuen Abschlüsse.

Mit Blick auf die in den nächsten Jahren zu erwartende deutlich ansteigende Zahl von Studienbewerbern warb die neue Präsidentin für eine gemeinsame Kraftanstrengung: „Die sich abzeichnende Entwicklung ist Herausforderung und Chance zugleich. Eine moderne Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft wie Deutschland ist in Zukunft noch stärker auf hervorragend ausgebildete junge Menschen angewiesen. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der kommenden Jahre, die Bildungspotentiale in Deutschland auszuschöpfen und allen dafür Geeigneten den Zugang zum Hochschulstudium zu ermöglichen“, sagte Ministerin Erdsiek-Rave. In diesem Zusammenhang dankte sie der neuen Bundesbildungsministerin Annette Schavan für ihr Angebot, die Länder im Rahmen eines Hochschulpaktes dabei zu unterstützen.

Kultur

Die Kultusministerkonferenz will in diesem Jahr eine Empfehlung zur kulturellen Bildung verabschieden. Die Länder wollen damit Konzepte vor Ort unterstützen, bei denen Träger aus der außerschulischen Bildung verstärkt in die kulturelle Bildung der Schulen eingebunden werden.
„Ich bin sicher“, so Ministerin Erdsiek-Rave, „dass es uns in diesem Jahr gelingen wird, in einer für Bund und Länder akzeptablen Lösung die Kulturstiftungen des Bundes und der Länder zu einer gemeinsamen Einrichtung zusammenzuführen.“

Rückblick auf Jahr 2005 erfreulich

Die brandenburgische Wissenschaftsministerin Wanka zog eine positive Bilanz unter die Arbeit der Kultusministerkonferenz im Jahr 2005, die durch drei wesentliche Aspekte gestützt worden sei.

„2005 kann als Jahr der Reformen bezeichnet werden,“ stellte Wanka fest. „So wurde die Kultusministerkonferenz durch die Reduktion ihrer Gremien und Straffung ihrer Strukturen reformiert. Die Föderalismusreform hat die Verantwortung der Länder im Bildungswesen gefestigt und damit gleichzeitig neue Möglichkeiten für die gesamtstaatliche Verantwortung der Länder eröffnet. Schließlich hat die Kultusministerkonferenz die Reform der Lehrerbildung beschlossen, bei der Eckpunkte für die gegenseitige Anerkennung von Bachelor- und Masterabschlüssen in Lehramtsstudiengängen definiert wurden.“

Als zweiten Aspekt im vergangenen Jahr hob Ministerin Wanka das große Maß an Gemeinsamkeiten innerhalb der Kultusministerkonferenz hervor – auch in von Wahlkämpfen geprägten Zeiten. So sei beispielsweise 2005 ohne ideologische Barrieren ein neuer Anschub für die Exzellenzinitiative und einvernehmlich ein Zeitplan für die Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse gelungen.

Als dritten Punkt nannte Brandenburgs Wissenschaftsministerin die strategische Orientierung der Kultusministerkonferenz: „Die Konzentration auf die Kernaufgaben der Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung in den Bereichen Schule, Lehrerbildung und Hochschule – wie Bildungsberichterstattung, Schulleistungsvergleiche – ist das zentrale Handlungsfeld der Kultusministerkonferenz.“


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