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„Wir müssen die Azubis nachmittags aus der Werkstatt rausschmeißen.“

Planen, Bauen, Lernen: Damit in der Berufsbildung Theorie und Praxis optimal ineinandergreifen, müssen Berufsschulen eng mit ihren Bildungspartnern zusammenarbeiten. Wie eine Lernortkooperation die Berufsausbildung verbessern kann, erklärt Lehrerin Manuela Abbing am Beispiel der Tischlerausbildung am Berufskolleg Bergisch Gladbach.

24.01.2019 Bundesweit Artikel Andreas Müllauer
  • © Manuela Abbing Manuela Abbing ist Berufsschullehrerin am Berufskolleg in Bergisch Gladbach und mitverantwortet das Projekt digiTS - digitale Tischler/Schreiner.

    Dieses Bild kann unter Angabe der Bildquelle für die redaktionelle Berichterstattung verwendet werden.

Frau Abbing, wie funktioniert die Lernortkooperation Ihrer Berufsschule? 
Bei dieser Kooperation arbeiten seit elf Jahren alle Interessengruppen des dualen Ausbildungssystems eng zusammen: die überbetriebliche Lehrwerkstatt in Köln, die Tischlerinnung Bergisches Land mit einigen sehr engagierten Betrieben und unser Berufskolleg Bergisch Gladbach. Da findet ein echter Know-how-Austausch statt, mit dem in der Ausbildung die Kluft zwischen Theorie und Praxis überwunden wird. Von der Innung und den Betrieben kommt Input, wo wir in der Ausbildung sinnvollerweise Schwerpunkte setzen sollten: Was für Azubis brauchen die Betriebe? Was müssen die Azubis wissen? Diese Ideen fließen bei uns in die Unterrichtsgestaltung ein. In der Berufsschule planen die Azubis beispielsweise ein bestimmtes Stück, unter anderem ein Longboard mit Longboardgarage: von der Gestaltung angefangen, über die Konstruktion der Details bis hin zu den digitalen Fertigungsunterlagen. Das Longboard wird anschließend von den Auszubildenden in der überbetrieblichen Lehrwerkstatt mit den passenden Maschinen hergestellt und später bei uns präsentiert. So haben die Azubis die Möglichkeit, praxisnah die gesamte digitale Prozesskette zu erleben.  

Lohnt sich diese enge Zusammenarbeit?
Ja, weil es unglaublich viel Spaß macht. Das geht den Azubis genauso. In dem Augenblick, in dem sie wissen: „Ich darf das bauen“, sind Handwerker nicht nur hundert-, sondern zweihundertprozentig dabei. Das bedeutet, dass wir interessierte Auszubildende nachmittags aus der Werkstatt geradezu rausschmeißen müssen. Außerdem lernen sie dabei viel mehr, als wenn sie die gleichen Inhalte nur mit Büchern erarbeiten. 

Welche Voraussetzungen müssen die Bildungspartner mitbringen, damit eine Lernortkooperation gut funktioniert?
Ganz wichtig ist, dass man eine gemeinsame Kommunikationsstruktur aufbaut und sich intensiv austauscht. Das hat viel mit gegenseitigem Vertrauen zu tun und mit Neugier an dem, was die anderen tun. Die Praktiker aus den Betrieben und Werkstätten können von unserer Theorie lernen und umgekehrt, weil jeder Partner in seinem Bereich eigene Stärken mitbringt. Bündelt man diese Stärken, werden die Ergebnisse in der Ausbildung eindeutig besser. Wir ziehen ja alle an einem Strang. Unser gemeinsames Ziel ist, dass die Azubis eine zukunftsweisende Ausbildung bekommen. Dabei ist es auch wichtig, gemeinsame Schnittstellen zu schaffen und beispielsweise in Betrieben, Lernwerkstatt und Berufsschule die gleiche Planungs- und Maschinensoftware zu benutzen. 

Welche Herausforderungen ergeben sich durch die Kooperation für die Ausbilder?
Neben der Ausstattung spielen Softkeys eine bedeutende Rolle. Grundsätzlich öffnet man die Türen für alle anderen Partner in der Ausbildung. Man macht sich dabei ein bisschen nackt. Die Betriebe, die überbetriebliche Lehrwerkstatt – alle können sehen wie man arbeitet und ob die Berufsschule ihren Anforderungen an die Ausbildung genügt und umgekehrt. Damit tun sich manche Lehrerkollegen noch schwer. Als weitere Killerargumente werden auch der Zeitaufwand für Absprachen sowie der hohe Bedarf an Unterrichtszeit angeführt. Ersteres ist nur am Anfang einer Kooperation hoch. Digitaler Datentransfer macht weite Fahrwege zwischen den Kooperationspartnern oft überflüssig. Zum nächsten Punkt eine Frage: gibt es etwas Besseres als sinnhafte und motivierende Produkte im handlungsorientierten Lernen?

In der Lernortkooperation ihrer Berufsschule wird viel digital gearbeitet. Haben Sie das Gefühl, dass die Digitalisierung im Handwerk zunimmt? 
70 Prozent unserer Ausbildungsbetriebe fertigen digital. Gerade die jungen Kunden sind es gewohnt, online zu bestellen und zu konfigurieren. Die digitale Entwicklung im Handwerk ist rasant und eröffnet spannende neue Möglichkeiten. Da muss man in der Ausbildung dranbleiben, sonst schaffen wir uns als Handwerk ab. 

Vom 19. bis 23. Februar 2019 führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Köln zusammen. 

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  • Manuela Abbing, Berufskolleg Bergisch Gladbach
  • Achim Allrich, Bildungszentrum Butzweilerhof
  • Paul Bacher, Tischlerinnung Bergisches Land
  • Prof. Dr. Michael Heister, Bundesinstitut für Berufsbildung.
  • Moderation: Manfred Götzke

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Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2019 finden Sie unter www.didacta-messe.de und www.facebook.com/didacta-messe.

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Ein Kommentar vorhanden

  • Dietmar Münker 26.01.2019 12:06 Uhr
    Klingt toll. Taugt aber auch nur als schöner Ausnahmeerfolg der beruflichen Bildung.

    Wie soll so eine Kooperation in einer normalen gewerblich-technischen Berufsschulklasse funktionieren, bei der 30 Azubis aus 18 Betrieben an den berufsschulfreien Tagen auf 30 verschiedenen Baustellen arbeiten? Von ÜLUs (Lehrgänge), Krankenstand, der Integration von Geflüchteten und der Inklusion Behinderter mal ganz abgesehen, die ich so ganz nebenbei in meinen Berufsschulklassen berücksichtigen muss.

    Aber, hey! Tolles Programm! Meine vollste Bewunderung und mein allergrößter Neid.
    War eine hübsche Geschichte.
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